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NATIONALRAT: Mit Velo auf der Überholspur

Die grüne Genferin Lisa Mazzone legt eine steile politische Karriere hin. Heute hält die 27-Jährige als jüngstes neu gewähltes Mitglied des Nationalrats eine Antrittsrede.
Denise Lachat
Die begeisterte Velofahrerin Lisa Mazzone setzt sich für bessere Bedingungen für Zweiräder ein. (Bild: Keystone/Salvatore Di Nolfi)

Die begeisterte Velofahrerin Lisa Mazzone setzt sich für bessere Bedingungen für Zweiräder ein. (Bild: Keystone/Salvatore Di Nolfi)

Denise Lachat

Lisa Mazzone, die Genferin, schwärmt für Burgdorf und für Winterthur. «Davon können wir in Genf nur träumen», ruft die 27-Jährige, die selber mit dem Velo gross geworden ist und sich kein schöneres Fortbewegungsmittel vorstellen kann. Ihr Vater, ein Biologe, brachte die Kinder mit dem Velo in die Krippe, ein autofreies Leben war für die Mazzones eine Selbstverständlichkeit. Auf dem Dach des Reiheneinfamilienhauses wurden selbst gebaute Solarpanels fürs Heisswasser installiert, dann Fotovoltaikzellen für den Strom, später kam eine Holzschnitzelheizung hinzu. Und da der Vater für die Grünen in der Genfer Vorortsgemeinde Versoix im Parlament sass, gab es politische Diskussionen schon am Familientisch.

Lisa Mazzone sagt, sie sei in einem sehr progressiven Umfeld aufgewachsen. Als die Kinder im Primarschulalter waren, nahm die Mutter, eine ausgebildete Biochemikerin, ein Medizinstudium auf und machte einen Abschluss in Psychiatrie. Der Vater kümmerte sich häufig um die Kinder und stellte für eine Teilzeitstelle schliesslich sogar sein Berufsleben auf den Kopf. Als man dem Spezialisten für Abfallbewirtschaftung ein Teilzeitpensum verwehrte, reichte er kurzerhand seine Kündigung ein und machte sich selbstständig; heute arbeitet er als Solar-Installateur. Mazzone sagt, sie habe damals eine entscheidende Lektion für ihr Leben gelernt: «Wenn du etwas wirklich willst, dann mach es einfach und zieh es durch.»

Schon früh politisch aktiv

Gemacht hat Lisa Mazzone dies: In Versoix hat sie im Alter von 18 Jahren ein Jugendparlament gegründet, mit 20 ist sie den Genfer Grünen beigetreten, mit 23 wurde sie Gemeinderätin in Le Grand-Saconnex, mit 25 hat sie erfolgreich für den Kantonsrat kandidiert, ein Jahr später das Präsidium der Kantonalpartei übernommen und sich noch während des Studiums eine 60-Prozent-Stelle als Projektleiterin beim Verein Pro Velo geschnappt. Das Pensum war eigentlich viel zu hoch, doch der Job schien wie gemacht für sie. Zum Treffen mit unserer Zeitung kommt die zierliche Frau atemlos und mit von der Kälte geröteten Wangen – sie hat sich auch im femininen Kleid und mit Pumps an den Füssen wie immer auf ihr Velo gesetzt. Und vielleicht hat ihre Leidenschaft tatsächlich ein wenig auf andere abgefärbt; immerhin gibt es in Genf im Unterschied zu anderen Westschweizer Städten heute einen beachtlichen Velopark.

Keine Berührungsängste

Dem Velo in einer extrem autolastigen Stadt wie Genf einen Weg bahnen: Das macht die junge Frau auch heute noch mit Begeisterung, wenn auch nur noch mit einem Pensum von rund 20 Prozent. Mazzone jongliert zwischen Beruf, Politik und einer Reihe von freiwilligen Engagements, unter anderem im Komitee gegen die zweite Gotthardröhre. Ab heute Montag ist sie auch Nationalrätin: Die stürmische junge Frau hat die Bisherige Anne Mahrer von ihrem Sitz verdrängt. Und tritt im Bundeshaus gleich ins Scheinwerferlicht: Als jüngstes neu gewähltes Mitglied des Nationalrats darf sie eine Antrittsrede halten, im Anschluss an den Amtsältesten, Luzi Stamm von der SVP; der Aargauer startet in seine siebte Legislatur.

Politisch könnten die beiden kaum weiter auseinanderliegen, Berührungsängste aber kennt die Genferin nicht. Sie hat Stamm angerufen, damit er ihr den Ablauf erklärt, und erzählt, das habe Stamm mit grosser Liebenswürdigkeit getan. Als sie am Donnerstag mit unserer Zeitung in einem Genfer Café zusammensitzt, hat sie, die französische und lateinische Literatur studiert hat, die zweite Version ihrer Rede geschrieben. Die letzte werde es wohl nicht sein, sagt Mazzone und bricht in heiteres Gelächter aus. Sie sei zwar etwas knapp dran, aber ein paar Tage blieben ihr ja noch. Keine Panik, immerhin blickt sie auf 17 Jahre Politik zurück. Aber aufgeregt sei sie schon.

Ansteckender Enthusiasmus

Man darf sich bei Mazzone auf eine prononciert linke Rede gefasst machen. Denn sie selber mag zwar auf der Überholspur unterwegs sein, ihre Partei befindet sich im Krebsgang: Im Oktober wurde die Deputation von 15 auf 11 Mitglieder gestutzt. Mazzone plädiert unter diesen Umständen nicht für Pragmatismus und Kompromisse, sondern für Eigenständigkeit. Grüne Positionen hätten es in diesem Parlament wohl noch schwerer als sonst. Sie sagt: «Für unsere Anliegen brauchen wir das Instrument der Initiative und damit das Volk.» Dass dieses durchaus für grüne Politik zu haben ist, davon ist die junge Frau überzeugt. Am liebsten steckt sie mit ihrem eigenen Enthusiasmus an: «Gesunde Nahrung, saubere Luft, Solidarität zwischen den Menschen und ein Gefühl des Aufgehobenseins: Das sind doch schöne Aussichten – oder etwa nicht?»

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