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NATURGEFAHREN: Ein Dorf rutscht ins Tal: Brienz im Albulatal

Brienz bewegt sich, jedes Jahr rutscht das Bündner Dorf einen halben Meter ab. Seit der Kanton es zur roten Zone erklärt hat, ist die Zukunft ungewiss.
Dominic Wirth
Durch viele Fassaden im Dorf ziehen sich Risse. (Bilder: Jil Lohse)

Durch viele Fassaden im Dorf ziehen sich Risse. (Bilder: Jil Lohse)

Dominic Wirth

Es vergeht kaum ein Tag, an dem der Berg ob Brienz nicht einen Gruss ins Tal schickt. Diesmal ist der Nachmittag im Bündner Albulatal gerade angebrochen, da rumpelt es am Piz Linard. Ein Brocken aus Stein hat sich von seiner Flanke gelöst, nun wirbelt er über Felsvorsprünge, dreht sich durch die Luft, zerspringt in viele Teile. Bleibt schliesslich liegen in diesem Feld aus Fels und Schutt, das sich wie eine gewaltige graue Narbe im Hang breitmacht, gleich am Ende der Wiese, die ans Dorf grenzt.

Früher, vor ein paar Jahren noch, standen dort oben Lärchen und Fichten. Die Jäger aus der Gegend zogen auf der Suche nach Wild gerne um ihre Stämme. Doch diese Zeiten sind vorbei. «Es ist lebensgefährlich, sich in diesem Gebiet zu bewegen», sagt Andri Largiadèr. Er steht unten im Dorf an der Hauptstrasse. Largiadèr trägt Dreitagbart und Multifunktionsjacke, und er nimmt die Augen kaum einmal vom Berg; er ist der Mann, der ihn bewacht. Der 37-Jährige hat einst an der Zürcher ETH studiert. Später ist der gebürtige Churer in die Bündner Heimat zurückgekehrt. Seit viereinhalb Jahren arbeitet er für das kantonale Amt für Wald und Naturgefahren. In seinem ganzen Berufsleben ging es immer um Brienz, diesen Flecken im Bündnerland, 1144 Meter über Meer.

Verfünffachte Rutschgeschwindigkeit

Denn dort passiert Sonderbares: Das ganze Dorf rutscht ins Tal, jeden Tag ein bisschen. Das ist zwar schon seit langer Zeit so, doch etwas hat sich verändert in den letzten Jahren: Brienz bewegt sich jetzt schneller als früher, viel schneller. Bis vor ein paar Jahren lag die Rutschgeschwindigkeit unter 10 Zentimetern im Jahr, doch seit 2000 hat sie sich verfünffacht. Derzeit rutscht das Dorf jedes Jahr 45 bis 50 Zentimeter in Richtung Talgrund, wo sich der Fluss Albula durch eine Schlucht schlängelt. Und weil das Erdreich in Bewegung ist, verliert hoch über Brienz der Jahrtausendealte Fels seinen Halt – und bröckelt ab. Ein Unglück kommt selten allein, das gilt in den Alpen erst recht, weil die Dinge dort alle zusammenhängen.

«Brienz ist ein einzigartiger Fall», sagt Largiadèr, als er in der Messstation im Dorfkern sitzt und nachschaut, was sich in den letzten Tagen oben am Berg getan hat. Seit vor ein paar Jahren grosse Felsbrocken vom Piz Linard in Richtung Dorf stürzten, steht er unter ständiger Beobachtung. Wenn der Berg so sehr in Bewegung gerät, dass es gefährlich werden könnte für Brienz, verschickt der Computer per E-Mail und SMS eine Warnung an Largiadèr und seine Kollegen im Amt. Auch eine Schutzmauer und ein Damm schützen das Dorf seit einiger Zeit vor dem Gestein.

Der Forstingenieur vermutet, dass Brienz auf einer Art Scholle – dem so genannten Brienzer Rutsch – liegt. Diese Scholle bewegt sich seit der Jahrtausendwende immer schneller, weil es in den Jahren davor feuchte Sommer gab und lange Winter mit viel Schnee. «Dadurch kam viel Wasser in den Untergrund. Dieses Wasser wirkt wie ein Schmiermittel und ist möglicherweise der Grund für die deutliche Erhöhung der Rutschgeschwindigkeit», sagt Largiadèr. 2,5 Quadratkilometer umfasst der Brienzer Rutsch, Wiesen und Wald vor allem – aber auch Häuser und Höfe, ganz Brienz liegt auf der gewaltigen Scholle. 150 Einheimische leben dort und ungefähr gleich viele Zweitwohnungsbesitzer.

Zerrissene Hausfassaden, Strassen wie Flickenteppiche

Die Schweiz blickt in diesem Spätsommer mit Schrecken ins Bergell, nach Bondo, wo der Bergsturz am Piz Cengalo Lawinen aus Schlamm und Geröll ins Tal geschickt hat. In Brienz liegt am Ortseingang zwar seit 2014 ein mächtiger Felsblock gleich neben der Kantonsstrasse. Doch viel mehr macht dem Dorf zu schaffen, was nicht auf den ersten Blick sichtbar wird, sondern unter der Oberfläche passiert. «Der Boden ist ständig in Bewegung, und das hinterlässt überall seine Spuren», sagt Andri Largiadèr; er holpert mit seinem Auto gerade über eine Schotterstrasse ausserhalb von Brienz. Nach ein paar Kurven über Stock und Stein hält er bei einem Wanderweg, der ins Leere führt. Fünf Meter hat sich der Boden dort abgesenkt. Es ist der Rand des «Brienzer Rutsches». An seiner Abrisskante ragen Wurzeln aus dem Erdreich, liegen tote Äste auf zerwühltem Waldboden.

Nicht überall sind die Spuren des Rutsches so deutlich wie an seinen Rändern; man muss in Brienz die Augen offenhalten, um seine Folgen zu entdecken. Doch es gibt Häuser, durch deren Fassaden sich Spalten ziehen; Strassen, die wie Flickenteppiche aussehen, weil sie immer und immer wieder ausgebessert werden müssen; Garagen, in denen sich die Erde aufwölbt. Und es gibt die Bauern, die erzählen, dass sich auf ihren Wiesen vom einen Tag auf den anderen Spalten auftun, wo es früher keine gab. In Brienz wirken die Kräfte der Natur vielleicht nicht so brutal wie in Bondo. Doch das heisst nicht, dass sie weniger Unheil anrichten. Seit Mai ist Brienz ein Dorf in einer roten Zone, das heisst: Man darf dort jetzt nicht mehr bauen, nur renovieren ist noch erlaubt. «Wir mussten reagieren, weil das Dorf immer schneller abrutscht», sagt Largiadèr.

Mit Gottervertrauen gegen die Kräfte der Natur

Im Herzen von Brienz steht die Pfarrkirche St. Calixtus auf einer kleinen Anhöhe. Es ist ihr Turm, der das Bild des Dorfes prägt. Und auch dem wichtigsten Brienzer Gebäude sieht man an, dass mit diesem Ort etwas nicht stimmt. Der Rutsch hat am Turm gezerrt, er steht schräg, neigt sich zum Tal, ganz so, als wolle er sich davonmachen. Seilkonstruktionen im seinem Innern verhindern, dass das Bauwerk umstürzt.

Im Bauch der Kirche sitzt Hermann Bossi auf einer Bank. Er zeigt auf den prächtigen Holzaltar und hinauf zur Decke, die hellblau leuchtet. «Alles frisch gestrichen», sagt Bossi, ein Mann mit schwieligen, grobknochigen Händen und grauem Haar. Viele Jahre hat er einen Bauernhof im Dorf geführt, bis heute ist der 77-Jährige der Kirchenpräsident; im Kirchenrat sitzt er seit über 40 Jahren. Aus dem Gemeindehaus ist die Verwaltung weggezogen, im Schulhaus sitzen keine Kinder mehr, doch ihre Kirche haben die Brienzer gerade eben frisch renoviert. Sie ist bis heute ein wichtiger Ort geblieben, auch wenn der letzte eigene Pfarrer das Dorf schon 1975 verlassen hat. Auf der Glocke im Inneren des schrägen Turms steht eine Inschrift, die den heiligen Calixtus bittet, die «schlüpfrigen Felsen» zurückzuhalten, und zum Schluss: «Beschütze, o heiliger Patron, diesen Ort.» Die Brienzer sind der Natur stets so gelassen begegnet, wie das nur mit Gottvertrauen geht. Hermann Bossi erzählt, dass man sich im Dorf daran gewohnt sei, dass der Berg vor sich hin rumpelt. «Das ist kein grosses Thema für uns, auch wenn es jetzt etwas mehr Bewegung gibt», sagt er. Dass ihr Dorf jetzt rote Zone sein soll, ist in den Köpfen der Brienzer noch nicht richtig angekommen.

Wenn die Sonne scheint über dem Albulatal, dann hat Brienz den ganzen Tag etwas davon, weil es auf einer Art Terrasse liegt. Den ersten Bewohnern – die Siedlung wird 840 erstmals erwähnt – muss der Fleck wie ein Paradies vorgekommen sein: Von der Sonne verwöhnt, von Wiesen, Wäldern und hohen Gipfeln umgeben. Heute aber würde man in Brienz niemanden mehr siedeln lassen, zu ungewiss ist die Zukunft, seit der Brienzer Rutsch derart Fahrt aufgenommen hat. Es gibt im ganzen Kanton Graubünden kein anderes Dorf, das vollständig in einer roten Zone liegt.

Andri Largiadèr und seine Kollegen suchen in diesen Tagen in Brienz nach einem Weg, die Natur zu bändigen. Bald wollen sie ins Erdreich unter dem Dorf bohren, bis zu 250 Meter tief. Drei Millionen Franken sind für das aufwendige Unterfangen vorgesehen. Die Experten wollen mehr erfahren über das Erdreich. Sie hoffen, dass sie das Wasser aus dem Untergrund holen und so dem Boden das Schmiermittel entziehen können. Andernorts sind solche Projekte schon gelungen. Für Brienz ist es so etwas wie die letzte Chance. Denn leben in der roten Zone, das geht auf Dauer nicht.

1144 Meter über Meer, 150 ständige Einwohner: Brienz im Bündner Albulatal. (Bild: Jil Lohse)

1144 Meter über Meer, 150 ständige Einwohner: Brienz im Bündner Albulatal. (Bild: Jil Lohse)

Achtung, Steinschlag: 2014 stürzte ein mächtiger Fels beinahe auf die Hauptstrasse. (Bild: Jil Lohse)

Achtung, Steinschlag: 2014 stürzte ein mächtiger Fels beinahe auf die Hauptstrasse. (Bild: Jil Lohse)

Narbe in Grau: die Flanke des Piz Linard oberhalb von Brienz. (Bild: Jil Lohse)

Narbe in Grau: die Flanke des Piz Linard oberhalb von Brienz. (Bild: Jil Lohse)

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