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NEAT: Die grosse Party für den Rekordtunnel

30'000 Menschen besuchten gestern den Eröffnungsevent in Uri und im Tessin. Heute wird weiterge­feiert. Fasziniert sind die Besucher aber nicht nur von der modernen Bahntechnik.
Markus Zwyssig
Marco Pfändler (3) im Roten Doppelpfeil. (Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ)

Marco Pfändler (3) im Roten Doppelpfeil. (Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ)

Markus Zwyssig

Die alte Dampflokomotive, die bei der Remise in Erstfeld bereitsteht, glänzt zwar bereits. Hanspeter Landenberger ist aber noch immer kräftig am Putzen. Stören lässt er sich dabei nur ungern. Doch wenn er zu erzählen beginnt, kommt der pensionierte Lokomotivführer aus Zürich rasch in Fahrt. «Das ist ein Nachbau der ersten Lokomotive der legendären Spanisch-Brötli-Bahn», erklärt er. «Ab 1847 fuhr die Originallokomotive zwischen Zürich und Baden.»

Skepsis über Neat-Ziel

Eisenbahngeschichte sei eines seiner Hobbys, sagt Landenberger. Das sei eben ein Problem heute, die Eisenbahn habe keine Eisenbahner mehr. «Für sehr viele Quereinsteiger ist die Arbeit als Lokomotivführer nur noch ein Job, um Geld zu verdienen. Die Bahngeschichte ist für sie Nebensache.» Skeptisch ist Landenberger, ob die Neat ihr Ziel, die Lastwagen auf die Schiene zu bringen, erreicht. «Das grosse Problem sind die Zufahrten.» Den Italienern und den Deutschen müsse man ein bisschen Dampf machen.

Es ist imposant, was auf dem Gelände in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs Erstfeld alles zu sehen ist. Die alten Lokomotiven faszinieren ein grosses Publikum: neben dem TEE «Gottardo» vor allem auch der legendäre «Churchill-Pfeil». Der dreijährige Marco Pfändler jedenfalls fühlt sich wohl am Steuer. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass sein Vater Martin Pfändler selber auch Lokomotivführer ist. «Toll, die Bahnveteranen, die hier zu sehen sind», sagt er. Muskelkraft braucht es für eine Fahrt auf der Schienendraisine in unmittelbarer Nähe. Die Familie Ochsenbein aus Halten SO mit ihren beiden Kindern Elias (7) und Luzia (4) schafft es dank dem Einsatz aller auf ein beachtliches Tempo. «Die Kinder haben den Plausch, vor allem auch an der Modelleisenbahn», sagt Vater Christian Ochsenbein.

Aber es gibt auch die Möglichkeit zur Reise in die Bahnzukunft: Im Fahrsimulator können Besucher bereits jetzt erleben, wie es dereinst sein wird, im «Giruno» in Rekordgeschwindigkeit durch den Tunnel zu fahren.

Futuristischer Urner Auftritt

Viel zu sehen gibt es auch auf dem weitläufigen Festgelände im Rynächt. Futuristisch mutet es an, wenn man die domähnliche Halbkugel des Urner Auftritts betritt. Der Gotthardkanton präsentiert sich unter dem Titel «Uriversum» selbstbewusst und modern. Wer den Eingang des weissen Zelts durchschreitet, muss sich einen Moment in der Dunkelheit orientieren. Im Zentrum steht hell erleuchtet eine Nachbildung des Teufelssteins. Berührt man einen der Kristalle, dann werden mittels spezieller Licht- und Tontechnik Impressionen aus dem Kanton Uri auf einen Bildschirm projiziert. Interessiert lesen Carmen Hug und Edith Tedaldi, was auf dem Monitor erscheint. Sie sind aus Wil SG angereist. Die Fahrt durch den neuen Gotthard-Basistunnel haben sie zwar noch vor sich. Beide freuen sie sich aber darauf. «Es ist sehr anstrengend, wenn man mit dem Auto durch den Gotthard-Strassentunnel fahren muss», so Carmen Hug. «Mit der Bahn durch den neuen Gotthard-Basistunnel zu fahren, ist sicher angenehmer», sagt sie. «Ich freue mich auf ein tolles Erlebnis.» Edith Tedaldi pflichtet ihr bei. Sie ist aber auch gespannt, was der neue Tunnel wirklich bringt. «Ich hoffe, er wird rege benutzt, insbesondere für die Verlagerung des Schwerverkehrs.»

Plattform für Urner Künstler

Auf der Bühne ausserhalb des Urner Doms geben sich verschiedene lokale Musikformationen das Mikrofon in die Hand. Uri präsentiert sich musikalisch vielfältig: von Rock über Pop zu Blas- und Ländlermusik. In unmittelbarer Nähe werden Urner Spezialitäten verkauft, Künstler und Handwerker sind an der Arbeit. «Wir erhalten hier eine gute Plattform», sagt Gedeon Regli aus Hospental. Er arbeitet an einer Skulptur aus hartem Gurtneller Granit. Den Platz teilt er mit verschiedenen Holzbildhauern und weiteren Urner Künstlern und Handwerkern.

Emil bleibt ein Publikumsmagnet

Wer wollte, konnte die Eröffnungsparty auch am TV mitverfolgen. Das Schweizer Fernsehen sendete gestern mehrere Stunden live. An seinen Ständen gewährte Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) einen exklusiven Einblick vor und hinter die Produktionskulissen und ermöglichte mit Virtual-Reality-Brillen ein 360-Grad-Filmerlebnis.

Wer sich einen der kulturellen Auftritte in der Betonhalle anschauen wollte, brauchte Geduld. Für das Eröffnungsspektakel von Volker Hesse, das täglich dreimal zu sehen war, stand das Publikum bereits eine halbe Stunde vor Beginn Schlange. Der Hip-Hop-Künstler Knackeboul rappte, und auch Emil Steinberger kam zu Besuch. Die 300 Tickets waren heiss begehrt. Er spielte nicht nur seine unvergessliche Kabarettnummer «S Chileli vo Wasse», sondern bewies, dass er auch heute noch ein fleissiger Zugfahrer und vor allem ein genauer Beobachter ist. Im Zug sei es wie in einer grossen Wohngemeinschaft, so Steinberger. «Da wird geschnarcht, gegessen und vor allem ganz viel telefoniert.» Die intimsten Sachen würden am Handy ausgeplaudert. Nur gut, dass niemand zuhöre. «Es freut mich, dass der neue Tunnel eröffnet wird», so Steinberger. Dabei gehe es ihm nicht nur darum, dass man nun schneller von der Deutschschweiz im Tessin sei. Wichtig findet er vor allem auch, dass man wieder einmal über das Zugfahren spricht.

Organisatoren sind zufrieden

Rund 30 000 Bahnfans aus der ganzen Schweiz besuchten gestern Samstag gemäss Organisatoren das Eröffnungsfest in Uri und im Tessin. Rund die Hälfte nutzte die Gelegenheit für eine Fahrt durch den längsten Tunnel der Welt. Das Fest geht heute Sonntag weiter. Die Zahl der im Vorfeld genannten 100 000 Besucher dürfte aber nicht ganz erreicht werden.

Hinweis

Die Eröffnung des neuen Gotthard-Basistunnels wird heute Sonntag von 9 bis 18 Uhr gefeiert. Zu den Festplätzen in Uri und im Tessin ist der Eintritt frei. Wer aber durch den Gotthard-Basistunnel fahren will, muss vorgängig am Bahnschalter oder online ein Ticket lösen. Infos gibt es unter www.gottardo2016.ch

Das Jahrhundert-Bauwerk auf 150 Seiten erklärt

Buchvernissagechh. Ein Freudentag sei es für die Schweiz. «Nach 17 Jahren Bauzeit und über 12 Milliarden Franken ist unserem Land ein technisches Meisterwerk gelungen.» So schreibt es alt Bundesrat Adolf Ogi, der von 1988 bis 1995 Verkehrsminister war, im neuen Buch «Unser Weltrekord-Tunnel Gotthard». Auf fast 150 Seiten werden die Geschichte des längsten Tunnels der Welt und dessen Bau beschrieben.

Längster Eisenbahntunnel

Mittels mit Zahlen, Fakten, Geschichten und Ausflugstipps erzählen die Macher der Neat, wie sie den Gotthard erleben. Mit insgesamt 200 Abbildungen gibt das Buch Einblick in das Jahrhundertbauwerk, das diese Woche unter Beisein von internationaler Prominenz aus Wirtschaft, Politik und Kultur feierlich eröffnet wurde. Gestern ist das Buch der Neat-Macher offiziell im Verkehrshaus der Schweiz in Luzern vorgestellt worden – unter Beisein von Adolf Ogi und den Buchautoren. Dabei ging es aber nicht nur um den längsten Eisenbahntunnel der Welt, sondern allgemein um die wichtigste Schweizer Nord-Süd-Achse und auch darum, wie der Gotthardpass zu seinem Namen kam.

Ob Rechnung aufgeht, ist fraglich

Im Buch wird beschrieben, wie der einstige Mailänder Erzbischof die Kapelle auf dem Pass im Jahre 1230 dem heiligen Godehard (Gotthard) widmete, dem Patron der Mailänder Kaufleute. Godehard ist althochdeutsch und soll «der durch Trefflichkeit Berühmte» heissen. Weiter erzählt im Buch ein Lokführer aus seinem Leben und lässt den Gotthardtunnel aus einem ganz anderen Blickwinkel erleben. Vorgestellt werden auch berühmte Lokomotiven, die eng in Verbindung mit dem Gotthard stehen. Und Ulrich Gygi, Verwaltungsratspräsident der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB), erklärt, inwiefern der gesamte Bahnfernverkehr vom neuen Tunnel profitieren kann. Allerdings dürfe man sich keine Illusionen machen, schreibt er im Nachwort des Buches. «Die Folgekosten der neuen Verkehrsachse sind sowohl im Bahnbetrieb wie in der Infrastruktur beträchtlich. Ob die betriebswirtschaftliche Rechnung aufgeht, muss sich noch erweisen.»

Hinweis: Das Buch «Unser Weltrekord-Tunnel Gotthard» ist im Fachhandel erhältlich. ISBN 978-3-03812-655-3. Kosten: 34.90 Franken.

Alte Dampfloks wurden für die Besucher herausgeputzt. (Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ)

Alte Dampfloks wurden für die Besucher herausgeputzt. (Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ)

Man konnte auf dem Festgelände in Erstfeld auch Riesen begegnen. (Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ)

Man konnte auf dem Festgelände in Erstfeld auch Riesen begegnen. (Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ)

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