NEAT: Tessiner Risotto aus Luzern

Die Vergabe des Caterings für das Neat- Eröffnungsfest am 1. Juni an eine Luzerner Firma schlägt im Tessin hohe Wellen. Das Bundesamt für Verkehr bezeichnet die Kritik als haltlos.

Gerhard Lob, Bellinzona
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Fabio Regazzi, Tessiner CVP-Nationalrat: «Unabhängig von allen angewandten Kriterien ist diese Geschichte ein Affront.» (Bild: pd)

Fabio Regazzi, Tessiner CVP-Nationalrat: «Unabhängig von allen angewandten Kriterien ist diese Geschichte ein Affront.» (Bild: pd)

Gerhard Lob, Bellinzona

Gerade noch haben die Gotthard-Kantone an der Weltausstellung in Mailand ihre Einigkeit zelebriert. Doch nun sorgt ausgerechnet der Mega-Anlass zur Eröffnung des neuen Gotthard-Basistunnels am 1. Juni für Spannungen. Grund: Das Bundesamt für Verkehr (BAV), federführend bei der Organisation des offiziellen Eröffnungstags, hat das in der Luzerner Gemeinde Altishofen beheimatete Unternehmen F. Tobler AG mit dem Catering auf der Nord- und Südseite des neuen Gotthard-Basistunnels beauftragt. Tessiner Mitbewerber hatten das Nachsehen. Zur Erinnerung: Allein 1200 geladene Gäste, darunter Staats- und Regierungschefs, sowie 300 Medienschaffende aus dem In- und Ausland werden für diesen Tag erwartet.

Aufforderung zum Gegenanlass

Dass ein Luzerner Unternehmen bei einem solchen Anlass auch die Verpflegung am Südportal in Pollegio besorgt, stösst einigen Politikern auf der Südseite des Gotthards mehr als sauer auf. Von einem «bitteren Apéro» spricht Nationalrat Fabio Regazzi (CVP), der gleich zu Beginn der kommenden Frühjahrssession eine Interpellation beim Bundesrat einreichen will. Für Grossrat Lorenzo Jelmini handelt es sich um eine «schallende Ohrfeige», wie er in einem parlamentarischen Vorstoss festhält. Darin ruft er die Tessiner Kantonsregierung sogar indirekt dazu auf, einen eigenen Anlass zu organisieren, bei dem ausschliesslich Tessiner Firmen für Speis und Trank sorgen.

Ganz offenbar geht es ans Eingemachte. Der Reflex vom übergangenen Tessin macht sich breit. Selbst der Vorschlag, die offiziellen Feierlichkeiten zu boykottieren, ist bereits aufgetaucht. Für Marco Bazzi, Chefredaktor des Nachrichtenportals liberatv.ch, sind Betonköpfe im zuständigen Bundesamt in Bern für dieses kulinarische Desaster verantwortlich. Die Landvögte hätten wieder mal zugeschlagen.

Am besten abgeschnitten

Im BAV reibt man sich die Augen und spricht von einer «haltlosen Kritik». In Zusammenarbeit mit den beteiligten Kantonen habe man diverse Unternehmen, auch aus dem Tessin, eingeladen, Offerten einzureichen. Der Zuschlag an die Tobler AG sei erfolgt, weil diese in Bezug auf die massgebenden fünf Kriterien am besten abgeschnitten habe. Nicht nur der Preis habe eine Rolle gespielt. Im Übrigen, so BAV-Sprecher Andreas Windlinger, «wird auch die Tobler AG vor allem lokale Spezialitäten auftischen». Käse, Fleisch, Trockenfleisch, Reis, Bier und anderes. Und schliesslich werde auch Tessiner Wein von Tessiner Händlern geliefert.

Zudem listet das BAV etliche Anlässe auf, die rund um die Gotthard-Basis-Tunnel-Eröffnung ausschliesslich von Tessiner Firmen organisiert werden, etwa am 31. Mai das Treffen der europäischen Verkehrsminister in Lugano oder die Versorgung der Teilnehmenden des Eröffnungszugs, der von Süden nach Norden verkehren wird. Auch beim Publikumsanlass am 4. und 5. Juni wird Tessiner Kost nicht zu kurz kommen.

Angesichts dieser Präzisierungen wollte der Tessiner Regierungspräsident Norman Gobbi (Lega) die Polemik gestern nicht zusätzlich anheizen. «Das halbe Glas ist jetzt etwas voller als halb leer», sinnierte er während eines Treffens mit Journalisten in Bellinzona, «aber die Enttäuschung bleibt». Er zweifle nicht an der Professionalität des Luzerner Unternehmens: «Aber ein Risotto aus der Deutschschweiz, nun ja!» Nationalrat Fabio Regazzi gibt sich angriffiger: «Unabhängig von allen angewandten Kriterien ist diese Geschichte ein Affront.» Seiner Meinung nach wurden die Offerten aus dem Tessin nur pro forma eingeholt.

Wein aus Italien

Offenbar hat man im Tessin zurzeit kein Glück mit den grossen Tunnelfeierlichkeiten. Anlässlich des Hauptdurchschlags im Ceneri-Basistunnel in diesem Januar sorgte zwar ein Tessiner Unternehmen fürs Catering, effektiv auf hohem Niveau, schenkte dann aber italienischen Wein aus. Da waren viele lokale Politiker, insbesondere aber die Tessiner Winzer ebenfalls auf den Barrikaden.