NEUE HYMNE: Der friedliche Kampf für den Schweizerpsalm

Seit einem Jahrzehnt wirft sich Hubert Spörri für die Schweizer Nationalhymne in die Bresche. Nun, da es den grössten Angriff abzuwehren gilt, kann er sich zurücklehnen und die Früchte seiner Arbeit ernten.

Eva Novak
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Ein Leben für die Hymne: Hubert Spörri besucht das Denkmal für Alberik Zwyssig, den Komponisten des Schweizerpsalms, im urnerischen Bauen. (Bild Fabinne Bühler/Schweizer Illustrierte)

Ein Leben für die Hymne: Hubert Spörri besucht das Denkmal für Alberik Zwyssig, den Komponisten des Schweizerpsalms, im urnerischen Bauen. (Bild Fabinne Bühler/Schweizer Illustrierte)

Die Webseite heisst www.schweizerpsalm.ch und ist eine Fundgrube. Die Selbstdeklaration als «Schweizerisches Kompetenzzentrum zu Fragen rund um den Schweizerpsalm» ist nicht übertrieben. Keine Frage zur Landeshymne bleibt unbeantwortet. Das Problem ist nur, sich in der Fülle an Informationen zurechtzufinden. Betreiber Hubert Spörri bietet gerne eine Orientierungshilfe: «Für dieses Thema stehe ich Tag und Nacht zur Verfügung», lässt er die Journalistin wissen.

Für Rütliveralterin ein rotes Tuch

Das muss der pensionierte Primarlehrer aus dem aargauischen Wettingen in jüngster Zeit immer mal wieder tun, seit die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG) sich nicht mehr aufs Verwalten der Rütliwiese beschränkt, sondern ihren Auftrag zur Stiftung nationaler Identität dahingehend interpretiert, dass sie der Schweiz eine neue Landeshymne verpassen will. Der «langjährige Landeshymnenbeobachter», wie er sich selber nennt, weiss von einer ganzen Reihe ähnlicher Versuche zu berichten. So erfährt man auf seiner Homepage, dass 1935 die «Schweizer Illustrierte» ein Preisausschreiben lanciert und weit über 2000 Vorschläge erhalten, jedoch keine der 581 Kompositionen und keiner der 1891 Texte der Jury gefallen hat. «2400 Vorschläge bei 3 Millionen Einwohnern, das ergäbe hochgerechnet auf heute mehr als 6000», rechnet Spörri vor. Bei der SGG aber seien jetzt «nur mickrige 208 eingegangen». Die Wortwahl verrät, wie sehr ihn das freut.

Man bleibt sich gegenseitig nichts schuldig. Für die Rütliverwalterin ist der Aargauer ein rotes Tuch. SGG-Geschäftsleiter Lukas Niederberger enthält sich auf Anfrage der «Zentralschweiz am Sonntag» zwar der direkten Kritik am Kritiker, wirft aber die Vermutung auf, dass dieser wohl an der Melodie des Schweizerpsalm hänge, da er der «Gönnervereinigung Widmer Zwyssig» angehöre.

An die Grenzen gestossen

Nun ist die Verbindung von Spörri zur Vereinigung, welche die Namen der beiden Schweizerpsalm-Schöpfer – des Zürcher Hobbydichters Leonhard Widmer sowie des Urner Mönchs Alberik Zwyssig – trägt, nicht von der Hand zu weisen. Er verkörpert sozusagen die Organisation, die als Fels in der gegen die «Kommst im Morgenrot daher» wogende Brandung steht, seit er sie vor über zehn Jahren gegründet hat. Was Spörri aber schockiert von sich weist, ist der Vorwurf, dass er finanziell am Erbe der beiden profitiere: «Ich verdiene überhaupt nichts. Im Gegenteil. Im Jubiläumsjahr liess sich der Mann den Kampf für die Hymne nicht nur viel Zeit, sondern auch ein paar tausend Franken kosten: 2011 feiert der Schweizerpsalm einen runden Geburtstag. 50 Jahre zuvor hat der Bundesrat das 1841 entstandene Werk provisorisch zur Landeshymne erklärt, womit er «Rufst du mein Vaterland» ablöste. Dieses Lied hatte bis dahin inoffiziell als Landeshymne der Schweiz gedient, allerdings mit dem bei Fussball-Länderspielen offenkundigen Makel, dass es die gleiche Melodie wie die britische Hymne hatte. Spörri nimmt das Jubiläum zum Anlass, um in den grossen Städten der Deutschschweiz Jubiläums-Gottesdienste und -Konzerte zur organisieren.

Der Aufwand bringt den Rentner an seine Grenzen. Für den Anlass im Berner Münster bemüht sich die «Gönnervereinigung Widmer Zwyssig» um zahlreiche Rednerinnen und Redner, kassiert aber Absage um Absage – unter anderem von den Bundesrätinnen Micheline Calmy-Rey, Simonetta Sommaruga und Doris Leuthard, bis der damalige SVP-Ständerat Adrian Amstutz in die Bresche springt. Am Ende wird die Mühe mit einem Festgottesdienst in der Jesuitenkirche Luzern belohnt. Festredner beim krönenden Abschluss ist Franz Steinegger, und es wird die «Messe mit dem Schweizerpsalm» gesungen und gespielt, die einst Spörris Vater in Auftrag gegeben und der Sohn fertig komponiert hatte.

Schwärmen für andere Hymnen

Da mag es etwas irritieren, wenn der Mann, der für all das verantwortlich zeichnet, heute sagt: «Ich sehe mich nicht als Winkelried, der sich für den Schweizerpsalm ins Feuer wirft.» Weltweit gebe es keine Nationalhymne, welche perfekt sei: «Ich habe noch keine gefunden, welche die politische und gesellschaftliche Realität und kulturelle Vielfalt ihres Landes repräsentieren würde», sagt der Sänger und Cellist, der auch komponiert und malt. Und gerät ins Schwärmen. Die brasilianische Hymne gefalle ihm gut, die uruguayische auch – «sie passen aber nicht zu unserem Temperament». Aufgewachsen ist er mit «Rufst du mein Vaterland», an dessen Melodie sich der 72-Jährige bis heute erfreut. Es folgt ein weiteres Geständnis: Zeitweise habe auch er gewünscht, der Text des Schweizerpsalms möge geändert werden.

«Weltweit eine der schönsten»

Warum also das Engagement für dessen Weiterbestand? Spörri erklärt es mit der Entstehungsgeschichte der Schweizer Hymne: «Erst als ich mich damit beschäftigt habe, habe ich gemerkt, wie einmalig diese ist.» Der Schweizerpsalm stehe für die Versöhnung zwischen Katholiken und Reformierten, Liberalen und Konservativen, zwischen Stadt und Land. Er verzichte auf martialische Töne von blutgetränkten Äckern, Säbeln und sich kreuzenden Klingen. Sei eine Meditation, ein Gebet, eine Ermahnung auf das Wesentliche. Kurz: «Die beste Nationalhymne für die Schweiz und eine der weltweit schönsten obendrein.» Mit einem wenn auch nicht zeitgemässen, so doch zeitlosen Text.

100 000 Franken von Blocher

Als politisches Statement möchte Spörri seinen Einsatz nicht verstanden wissen: «Ich bin kein politischer Mensch.» Obwohl die meisten Sympathiekundgebungen auf seiner Seite aus dem SVP-Umfeld stammen, und obwohl die grösste Spende fürs Jubiläumsjahr von Christoph Blocher kam, fühlt er sich zu Unrecht in die rechte Ecke gestellt. Die 100 000 Franken vom SVP-Vordenker hat er dankend entgegengenommen. Und dabei den Spender als grossartigen Unterhalter kennen gelernt: «Nach den Konzerten sind wir jeweils im ‹Sternen› essen gegangen und haben uns blendend amüsiert – ohne eine einzige politische Anspielung.»

Geringe Resonanz freut ihn

Weniger amüsiert hat Spörri, dass die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft kurz darauf den Wettstreit um eine neue Hymne entfacht hat. «Ich habe von Anfang an gewusst, das kommt nie durch», sagt er zwar. Gewurmt hat es ihn dennoch – zumal er die lang verschmähte Hymne nach dem Jubiläumsjahr endlich auf dem Trockenen glaubte.

Doch jetzt, angesichts der geringen Resonanz auf die wenigen Beiträge, glaubt er sich definitiv am Ziel. Die Hinweise geben ihm Recht: 90 Prozent der Zuschauer von «Tele Züri» wollten nichts am heutigen Hymnenzustand rütteln. Die Leserbriefspalten sind unmissverständlich. Und an der vor Ostern lancierten Online-Abstimmung der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft über die sechs Alternativ-Varianten haben sich laut Niederberger erst 19 000 Personen beteiligt. «Mehr nicht?», fragt Spörri. Und wieder ist ihm die klammheimliche Freude anzuhören.

Projekt für die Schulen

Momentan läuft der grösste Angriff auf den Schweizerpsalm seit Jahrzehnten, doch dessen grösster Fan bleibt gelassen: «Wir führen das friedlich zu Ende», sagt er. Und bereitet sich schon auf die Zeit vor, «wenn der Spuk vorbei ist». Wieder arbeitet er bis in die Nacht hinein an seinem nächsten Projekt. Diesmal sind es Arbeitsblätter für Schulen. Damit die Schweizer Jugend endlich merkt, was hinter der Nationalhymne ihres Landes mit dem seltsam altmodisch anmutenden Text eigentlich steckt.

Eva Novak