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NEUE HYMNE: «Wettbewerb ist nicht zur Freude aller»

Die drei Finalbeiträge sind bekannt. Projektleiter Lukas Niederberger hat sie gestern auf dem Rütli vorgestellt. Er erklärt, was er sich von einer modernen Landeshymne verspricht.
Gestern in einer Scheune auf dem Rütli: Lukas Niederberger (vorne) präsentiert den Besuchern der Vernissage die drei Finalbeiträge im Wettbewerb um eine neue Landeshymne. (Bild: Keystone / Urs Flüeler)

Gestern in einer Scheune auf dem Rütli: Lukas Niederberger (vorne) präsentiert den Besuchern der Vernissage die drei Finalbeiträge im Wettbewerb um eine neue Landeshymne. (Bild: Keystone / Urs Flüeler)

Interview Kari Kälin

Lukas Niederberger, Sie sind Geschäftsleiter der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG). Was ist an einer neuen Landeshymne gemeinnützig? Was legitimiert die SGG dazu, solch einen Wettbewerb zu lancieren?

Lukas Niederberger: Die SGG hat sich seit ihrer Gründung 1810 immer mit Fragen zu den Werten und zur Identität der Schweiz befasst. 1858 entschied die SGG, das Rütli zu kaufen. Sie wollte verhindern, dass die Wiese überbaut wird. Man war sich bewusst, dass die Schweiz einen Ort braucht, der die Einheit in der Vielfalt widerspiegelt, an dem das Geschichtsbewusstsein gepflegt wird und mit dem sich alle Landesteile identifizieren können. Auch hat sich die SGG in der Zeit der Staatsgründung für die obligatorische unentgeltliche Volksschule und für die Volksgesundheit eingesetzt sowie Pro Juventute, Pro Senectute und eine Versicherung für die Elementarschäden der Bauern gegründet. Diese Aspekte legitimieren die SGG zur Durchführung eines Wettbewerbs für eine neue Hymne was nicht heisst, dass dies nicht auch eine andere Organisation hätte tun können.

Für eine neue Hymne besteht keine unmittelbare Notwendigkeit. Für den Wettbewerb verfügt die SGG über ein Budget von einer halben Million Franken, das vielleicht auf 600 000 Franken aufgestockt wird. Würde die SGG dieses Geld nicht besser im Sozialbereich ausgeben?

Niederberger: Das ist ein Killerargument.

Sie können es entkräften.

Niederberger: Das eine schliesst das andere nicht aus. Die SGG leistet im Jahr im Umfang von rund 1,3 Millionen Franken Hilfe an bedürftige Menschen sowie an soziale und kulturelle Projekte. Wir finanzieren das mit Spenden, welche für diesen Zweck bestimmt sind. Wir haben ein Vermögen von 85 Millionen Franken und erzielen eigene Einkünfte. Es steht uns frei, unsere eigenen Einkünfte zum Beispiel für einen Hymnenwettbewerb einzusetzen. Das Projekt hat eine nationale Bedeutung. So gesehen sind 600 000 Franken im Vergleich zu vielen anderen nationalen Projekten – kein extravagantes Budget.

Die SGG hat als Verwalterin der Rütliwiese kürzlich eine neue Benutzungsordnung erlassen. Demnach darf das Rütli nicht für Anlässe genutzt werden, welche die Öffentlichkeit polarisieren. Mit der gestern durchgeführten Präsentation der drei Finalbeiträge verletzt die SGG die eigenen Regeln, denn in der Öffentlichkeit polarisiert der Hymnenwettbewerb.

Niederberger: Natürlich begrüssen nicht alle Schweizerinnen und Schweizer eine neue Landeshymne, natürlich führen wir den Wettbewerb nicht zur Freude aller durch.

Aber?

Niederberger: Das tiefere Anliegen einer neuen Landeshymne lautet nicht, die Bevölkerung zu polarisieren. Deshalb bildet die Präambel der Bundesverfassung, welche das Volk im Jahr 1999 gutgeheissen hat, die Basis für den neuen Hymnentext. Mit dem Hymnenprojekt wollen wir also Identität stiften und die Einheit in der Vielfalt pflegen. Dass die Leute unterschiedliche Vorstellungen haben, mit was für einem Text und mit was für einer Melodie man dieses Ziel erreichen kann, ist normal.

Am 12. September wird in der TV-Sendung «Potzmusig» im Schweizer Fernsehen der Siegerbeitrag gekürt mit SMS-, Telefon- und Onlinevoting. Wie wollen Sie die neue Hymne nachher bekannt machen?

Niederberger: Es kommt auf den Siegerbeitrag an. Wenn die Hymne gewinnt, bei der nur der Text, aber nicht die Melodie neu ist, müssen wir nur den Text bekannt machen. Schwingt ein Beitrag mit einer neuen Melodie obenauf, werden wir einen Interpretationswettbewerb lancieren, an welchem die besten Schulklassen, Sportnationalmannschaften, Blaskapellen und Chöre prämiert werden.

Wird ab September um Mitternacht im Schweizer Radio und Fernsehen 1 die neue Hymne laufen?

Niederberger: Das ist nicht geplant. Aber selbstverständlich soll die neue Hymne auch am Radio zu hören sein.

Der Bundesrat hält die aktuelle Hymne für populär und damit eine neue Version offenbar nicht für nötig. Im Parlament gibt es Vorstösse gegen Ihr Projekt. Hat es überhaupt eine Chance? Letztlich fällt der Entscheid auf politischer Ebene, vielleicht in einer Volksabstimmung.

Niederberger: Eine Volksabstimmung würde ich auf jeden Fall begrüssen. Ich denke, dass unser Projekt durchaus gute Karten hat. Viele Schweizer finden, man könne sich mit dem bestehenden Text nicht identifizieren. Die Akzeptanz einer neuen Hymne ist wahrscheinlich höher, wenn nur der Text ändert, die Melodie aber gleich bleibt. Bei der Melodie spielen Emotionen, das Herz und der Bauch eine grosse Rolle. Auch viele fortschrittliche Menschen wollen die bestehende Melodie nicht ersetzen. Es ist aber überhaupt nicht so, dass der Bundesrat gegen eine neue Hymne wäre. Der Bundesrat hält sich aus guten Gründen zurück mit persönlichen Kommentaren.

Hinweis

Lukas Niederberger (50) ist Geschäftsleiter der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft.


Die lange Suche nach der neuen Schweizer Nationalhymne

Voting lkz/sda. Es war heiss gestern auf dem Rütli, wo die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG) die drei Finalisten für die geplante neue Nationalhymne präsentierte. Live gesungen wurden die Lieder allerdings nicht. Stattdessen bekamen die Besucher sie auf einer Leinwand vorgeführt. Obwohl der Aufmarsch mit rund 40 Anwesenden nicht überwältigend war, ist das Interesse am Projekt laut SGG-Geschäftsführer Lukas Niederberger gross. Mehrere internationale Medien berichteten schon über die Suche der SGG nach einer neuen Hymne, vom deutschen Wochenmagazin «Der Spiegel» über die «New York Times» bis zur japanischen «Asahi Shimbun», der zweitgrössten Zeitung der Welt. Gestartet hat die SGG das Projekt vor bald drei Jahren. Der Text der aktuellen Hymne bilde die heutige politische und kulturelle Vielfalt der Schweiz nicht ab, begründet die Organisation ihr Vorhaben. Eingereicht wurden 208 Vorschläge, aus denen eine Jury die besten sechs auswählte. Aus diesen wiederum konnte sich die Öffentlichkeit in einem Online-Voting für drei Finalisten entscheiden.

Final am 12. September
Das finale Voting beginnt am Montag und dauert bis zum 6. September. In dieser Zeitspanne können auf den Seiten www.nationalhymne.ch oder www.chymne.ch Stimmen abgegeben werden. Der Gewinner wird am 12. September in der TV-Sendung «Potzmusig» von SRF 1 bekannt gegeben.

Politischer Widerstand
Die drei Finalhymnen (siehe Abbildung rechts) orientieren sich an der Präambel der Bundesverfassung. Der Text von Leonhard Widmer («Trittst im Morgenrot daher, seh’ ich dich im Strahlenmeer») wird somit aufgegeben. Die SGG will den Siegerbeitrag, sobald er die nötige Popularität erreicht, dem Bundesrat vorlegen. Dieser entscheidet über die Nationalhymne. Das Projekt der SGG stiess allerdings nicht nur auf Wohlwollen. Auch unter Politikern regte sich Widerstand. Mehrere Bundesparlamentarier machten sogar mit Vorstössen Druck, um eine Änderung der Hymne zu verhindern. So forderte der Nidwaldner SVP- Nationalrat Peter Keller, über eine allfällige neue Hymne müsse das Parlament und allenfalls das Volk befinden können. Seine Luzerner Parteikollegin Yvette Estermann verlangte, dass der Schweizerpsalm als Staatssymbol eingestuft und geschützt wird.

Bild: Grafik: Loris Succo

Bild: Grafik: Loris Succo

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