Ärztetarif

Neue Tarife? Jetzt wehren sich die Gynäkologen und Kinderärzte

Auf der Schlussgeraden droht das Reformprojekt nicht nur an der Kostenfrage zu scheitern. Der Streit weitet sich aus.

Anna Wanner
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Gegen den Tarmed-Eingriff: Chirurgen lehnen die Tarifreform ab.gaetan bally/keystone

Gegen den Tarmed-Eingriff: Chirurgen lehnen die Tarifreform ab.gaetan bally/keystone

KEYSTONE

Die Gegnerschaft formiert sich: Neben Chirurgen, Gynäkologen, Kardiologen und Radiologen lehnen jetzt auch die Haus- und Kinderärzte die von langer Hand geplante Revision des Ärztetarifs (Tarmed) ab.

Allerdings gelang es ihnen nicht, die Reform in einem ersten Anlauf zu bodigen. Denn gestern empfahl die Mehrheit der 33 Delegierten des Ärzteverbands FMH, die Tarmed-Revision anzunehmen. Die Ärztekammer entscheidet nächste Woche.

Trotzdem konnten die Spezial-, Kinder- und Hausärzte gestern einen Zwischenerfolg verbuchen. Zwar hat eine Mehrheit die neue Tarif-Struktur akzeptiert, der zweite Teil der Reform, eine Normierungsvereinbarung, wurde aber abgelehnt.

Sie hätte sicherstellen sollen, dass die Revision keine neuen Kosten verursacht. FMH-Vorstandsmitglied Urs Stoffel, der die Revision unterstützt, sagt, das sei ein Problem:

«Denn ohne die Normierung können wir die Reform nicht dem Bundesamt für Gesundheit überreichen. Sie ist integrativer Bestandteil der Gesamtrevision und der Vereinbarung mit den Projektpartnern.» Damit meint er die Versicherer, mit welchen die Ärzte die neuen Tarife ausgehandelt haben. Auch sie müssen der Reform zustimmen.

Die Arztrechnung ist zu hoch

Seit gestern zeichnet sich ab, dass sich die Zweifel an der Reform häufen. Das Projekt deswegen einfach zu begraben, ist vorerst keine Option.

Denn allen ist klar: Die heutigen Tarife sind überholt. Ob für eine Arthroskopie zur Behandlung des Kniegelenks oder für eine Katarakt-Operation, bei der die eingetrübte Linse des Auges entfernt wird:

Unter dem Strich bezahlen die Krankenkassen zu viel. Und das wirkt sich direkt auf die Höhe der Prämien aus.

Das Ziel ist also, den Tarif dem technischen Fortschritt anzupassen. Denn die Kosten der Behandlungen stützen sich auf Angaben der Neunzigerjahre. Seither konnten Eingriffe vereinfacht werden: Der Aufwand für den Arzt ist gesunken, die Preise sind aber unverändert hoch geblieben.

Unheilige Allianzen

Die Krux: Werden sich Ärzte und Versicherer nicht einig, greift der Bundesrat ein. Unter den Akteuren des Gesundheitswesens besteht deshalb der Wille, die Tarifstruktur zu überarbeiten. Die Frage ist bloss: Auf wessen Kosten? Die Revision soll Hausärzte besser entschädigen, gleichzeitig darf sie keine neuen Kosten verursachen. Das heisst, dass andere Ärzte weniger erhalten.

Wenig überraschend stellten sich Anfang Woche 20 Fachgesellschaften quer – darunter die erwähnten Chirurgen, Kardiologen und Radiologen.

Zusammen mit dem Krankenkassenverband Santésuisse fordern sie einen «Marschhalt». Die Revision verbessere die Anreizprobleme des Tarmed nicht, sondern verschlechtere sie eher noch.

Die beiden Verbände wollen die Struktur umkrempeln, um die Fehlanreize zu minimieren. Ihre Forderungen blieben inhaltlich aber wenig konkret.

Gestern haben die Gegner nun neue Unterstützung erhalten. Auch die Hausärzte, die durch den Tarif eigentlich hätten bessergestellt werden sollen, sind zum Schluss gekommen, dass «wesentliche Anforderungen an einen fairen und vereinfachten Tarif nicht erfüllt» sind, wie der Verband der Haus- und Kinderärzte (MFE) mitteilte. Die Hausärzte hätten mit Einbussen zu rechnen, wohingegen «zahlreiche von Spitälern und Spezialisten erbrachte Leistungen zu hoch tarifiert» seien.

Die Fronten verhärten sich

Das letzte Wort im Tarif-Streit ist nicht gesprochen. Nächste Woche entscheidet die Ärztekammer, ob sie der Reform den Todesstoss verpassen will. Wahrscheinlich ist aber auch, dass alle FMH-Mitglieder in einer Urabstimmung definitiv entscheiden werden, ob sie die Reform wollen – oder nicht. Unabhängig vom Resultat zeichnet sich ab, dass der Streit einen Keil zwischen die Akteure des Gesundheitswesens treibt. Nicht nur die Ärzte sind zerstritten, auch die Versicherer, die sich längst in zwei Verbände aufgeteilt haben, sind sich uneins. Während Curafutura die Reform stützt, weibelt Santésuisse seit Monaten dagegen: Das Projekt verursache Kosten in Milliardenhöhe.