Neue Wasser-Strategie: So will Nestlé Sodastream Kunden abjagen 

Der Nahrungsmittelriese expandiert mit Automaten, die Leitungwasser Gas, Geschmäcker oder Mineralien zusetzen. Die Strategie hat mehrere Gründe. 

Benjamin Weinmann aus Genf
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Nestlé-Chef Mark Schneider will mit Wasser-Automaten expandieren. (KEYSTONE, LAURENT GILLIERON)

Nestlé-Chef Mark Schneider will mit Wasser-Automaten expandieren. (KEYSTONE, LAURENT GILLIERON)

Nestlé-Chef Mark Schneider dürstet es nach mehr Umsatz mit Wasser. Vor einem Monat stellten Schneider und sein Team einer Gruppe nationaler und internationaler Journalisten am Forschungszentrum in Lausanne eine Maschine namens «Refill+» vor: Ein Wasserspender für Mehrweg-Flaschen.

Damals wollte Nestlé noch nicht allzu viel preisgeben was die künftige Strategie anbelangt. Noch handle es sich um Tests in einzelnen Märkten. Doch nun ist klar: Der Hersteller von Nespresso-Kaffee, Thomy-Mayonnaise und Kitkat-Schokolade will mit «Refill+» die Umsätze zum Sprudeln bringen.

Wie die deutsche Fachzeitschrift «Lebensmittelzeitung» berichtet, bringt Nestlé-Chef Schneider die Maschine zur Aufbereitung von Hahnenwasser schon im kommenden Jahr auf den Markt, wie er im Gespräch mit Analysten im Rahmen Präsentation der Quartalszahlen gesagt habe. Demnach haben Schneider die Tests in den USA und einigen europäischen Ländern überzeugt.

Gegenüber Sodastream im Hintertreffen

Die Lancierung von «Refill+» sei einer der Hauptmassnahmen, um Nestlés schwächelndes Wassergeschäft wieder auf Kurs zu bringen. Zuletzt setzten Nestlés abgefüllte Wasserflaschen von Marken wie Henniez, San Pellegrino, Vittel oder Perrier rund 8 Milliarden Franken um. Das sind etwa 9 Prozent des Gesamtumsatzes, doch in den vergangenen Quartalen waren die Zahlen oftmals rückläufig. 

Ins Visier nimmt Nestlé die israelische Firma Sodastream, den führenden Hersteller von Wassersprudlern. Denn Nestlés Maschinen sollen auch für den privaten Konsum zu Hause erhältlich sein. Dabei ist Nestlé im Hintertreffen: Sodastream setzte zuletzt 700 Millionen Dollar um, wächst jährlich um 30 Prozent und wurde 2018 vom US-Getränkeriesen PepsiCo für 3,2 Milliarden gekauft.

Das Nestlé-System könne mehr, als Wasser zum Blubbern zu bringen, sagte Schneider gegenüber den Analysten. «Wir sprechen von High-Tech-Geräten, die Leitungswasser reinigen und mineralisieren.» Zudem könnten Konsumenten ihr Wasser personalisieren, indem sie es mit Aromen, Karbonisierung und Geschmäckern anreichern. Wie die Maschinen für zu Hause und die Nachfüllpacks für das Sprudelgas und die Geschmacksvarianten aussehen und wo sie verkauft werden, verrät Nestlé noch nicht.

Zuerst soll «Refill+» im so genannten Ausser-Haus-Markt lanciert werden, also zum Beispiel bei Firmen oder an öffentlichen Standorten. Nestlés Geschäftsleitungsmitglied Magdi Batato nennt im Gespräch mit dieser Zeitung auch US-Flughäfen als Ziel. Kein Wunder: Der Flughafen San Francisco hat vergangenen Sommer im Kampf gegen Plastikmüll den Verkauf von PET-Wasserflaschen verboten. Andere Flughäfen könnten diesem Beispiel folgen, was Nestlé einiges an Umsatz kosten würde.

Bankanalyst traut Nestlés Wasserstrategie viel zu

Jean-Philippe Bertschy, Analyst der Bank Vontobel, bezeichnet Nestlés Strategie als vielversprechend. «Mit Nestlés enormer Power im Bereich der Distribution, der Forschung und Entwicklung, haben sie durchaus die Möglichkeit, den Rückstand gegenüber Sodastream aufzuholen.» Zudem sei Hahnenwasser nun mal gesund und im Trend. Systeme wie Sodastream würden in der Regel die bessere Umweltbilanz als PET-Wasserflaschen aufweisen.

Und hier hat Nestlé Nachholbedarf. Schliesslich gehört Nestlé laut einer Greenpeace-Studie zu den Top 3 der grössten Plastik-Sündern der Welt, zusammen mit Pepsi und Coca-Cola. Der «Refill+»-Automat wurde denn auch im Rahmen der Eröffnung des «Nestlé Institute of Packaging Sciences» vorgestellt, in dem der Konzern nachhaltigere Verpackungen entwickeln will.