NEUER PAPST: «Ortskirchen brauchen mehr Freiheiten»

Gibt es erstmals einen «schwarzen Papst»? Der Abt des Klosters Engelberg ist skeptisch. Er fordert, dass Rom mehr Rücksicht auf die Regionen nimmt.

Interview Dominik Buholzer
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So sah es bei der letzten Papstwahl im Jahre 2005 aus: Kardinal Christian Wiyghan Tumi aus Kamerun (links aussen) betet zusammen mit den anderen Kardinälen in der Sixtinischen Kapelle. (Bild: AP/Osservatore Romano)

So sah es bei der letzten Papstwahl im Jahre 2005 aus: Kardinal Christian Wiyghan Tumi aus Kamerun (links aussen) betet zusammen mit den anderen Kardinälen in der Sixtinischen Kapelle. (Bild: AP/Osservatore Romano)

Abt Christian, Benedikt XVI. gibt gesundheitliche Gründe für seinen Rücktritt an. Könnten auch interne Gründe, Intrigen im Vatikan, die Ursache sein?

Abt Christian:Das glaube ich nicht. Die Intrigen hat er wohl gar nicht so wahrgenommen. Es scheint mir viel eher plausibel, dass er die Kraft nicht mehr hat, dieses Amt auszuüben. Schauen Sie sich doch sein Gesicht an, und vergleichen Sie es mit jenem vor acht Jahren, als er Papst wurde. Benedikt XVI. ist alt, mag nicht mehr, ist vielleicht krank. Er will einfach nicht so ausgestellt sein wie sein Vorgänger Johannes Paul II.

Es müsse nicht nur grosse, sondern auch kleine Päpste geben, sagte Benedikt XVI. mal selber. Was ist er aus Ihrer Sicht?

Abt Christian: Ob grosser oder kleiner Papst, das spielt für mich keine Rolle. Das ist auch nicht entscheidend. Das Wirken von Benedikt XVI. werden wir erst mit zeitlicher Distanz beurteilen können.

Was erwarten Sie vom neuen Papst?

Abt Christian: Ich erwarte gar nichts, ich versuche, offen zu bleiben. Ich wünsche mir nur, dass die heutige Dialogform – ich halte sie für eine besondere Art von Benedikt XVI. – zumindest weitergeht oder gar intensiviert wird.

Wir sollen also keine Erwartungen vom neuen Papst haben, weil wir sonst nur enttäuscht werden?

Abt Christian: Ich habe es bei meinem Besuch unseres Tochterklosters in Afrika deutlich erlebt: Wir Europäer haben ein ganz anderes Bild von der katholischen Kirche als die Afrikaner. Ich wünschte mir deshalb, der künftige Papst würde ein Synodalsystem einrichten, also zulassen, dass es regionale Unterschiede gibt. Die Ortskirchen brauchen mehr Freiheiten. Ich bin überzeugt, die Kirche als Ganzes würde so lebendiger.

Das heisst, Rom wäre nur noch für Glaubensfragen und nicht mehr für die Organisation der Kirche zuständig.

Abt Christian: Ganz genau. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass dies sehr gut gehen kann, dass ein solches System funktioniert. Ich glaube, dies würde auch Rom entlasten.

Müssen wir Europäer auch einfach akzeptieren, dass sich die Gewichte in der katholischen Kirche verschoben haben, dass drei Viertel aller Katholiken heute in Asien, Afrika und Lateinamerika leben?

Abt Christian:Es ist richtig, die Gewichte haben sich verschoben. Aber ich weiss nicht, ob andere Länder die Führung für uns Europäer übernehmen können.

Mit dem Rücktritt von Benedikt XVI. wird der Ruf nach einem «schwarzen Papst» laut. Wie stufen Sie die Chancen dazu ein?

Abt Christian: Ich glaube nicht daran. Dies sagen mir mein Bauchgefühl, meine Erfahrung und meine Überlegungen.

Weshalb?

Abt Christian: Es heisst manchmal: Ein Schwarzer wäre besser. Ich glaube aber nicht, dass dies die Lösung des Problems ist.

Welche Kirche hinterlässt Benedikt XVI.?

Abt Christian: Benedikt XVI. hat eine gewisse Ruhe in die Kirche gebracht. In vielen Fragen ist die Kirche aber stehen geblieben. Es ist ihm zu wenig gelungen, die Fragen der heutigen Menschen zu beantworten. Benedikt XVI. hat während seiner Amtszeit drei brillante Bücher geschrieben, die sehr viele ansprachen. Bei der Seelsorge merkte man aber, dass er nicht «us em Daig» kommt, wie die Basler sagen würden.

Welchen Papst braucht die Kirche deshalb?

Abt Christian: Sie braucht jemanden, der mutig in die Zukunft schreiten will.

Inwiefern ist Rom das Problem?

Abt Christian: Rom ist insofern das Problem, dass es nicht gelungen ist, griffige Antworten zu finden. Das andere Problem sind wir selber. Wir haben Angst vor dem eigenen Glauben. Im Islam ist es eine Selbstverständlichkeit, dass Gläubige fünf Mal am Tag beten. Dies ist fest im Alltag verankert. Bei uns tun sich viele schon schwer, das Kreuzzeichen zu machen oder am Tag mindestens einmal zu beten.

Es kursieren bereits zahlreiche Namen. Welchem würden Sie das Papstamt am ehesten zutrauen?

Abt Christian: Ich kann die Leistung des einen oder anderen beurteilen, gewisse kann ich mir auch gut als Papst vorstellen. Aber ich will hier jetzt nicht eine Empfehlung abgeben. Das ist nicht meine Sache.

Wie sieht es mit dem Luzerner Kardinal Kurt Koch aus?

Abt Christian: Ich kann das nicht beurteilen. Wie das Konklave entscheiden wird, kann heute niemand sagen.

Benedikt XVI. war 78, als er Papst wurde. Würde ein Jüngerer Rom nicht guttun?

Abt Christian: Jung sein, bedeutet nicht automatisch auch jung sein im Kopf. Viel wichtiger scheint mir, dass ein neuer Papst die Positionen in der Kurie neu besetzt mit Leuten, die sein Denken teilen. Dies hat Benedikt XVI. nicht gemacht, vielleicht auch wegen seines Alters.

Hinweis

Christian Meyer (46) ist seit November 2010 der 59. Abt des Benediktinerklosters Engelberg.