Kommentar

Neuer SBB-Chef: Zurück in die Vergangenheit?

Ein altgedienter, bodenständiger Bähnler wird neuer SBB-Chef: Wie die CH-Media-Zeitungen bereits heute Morgen meldeten, übernimmt Vincent Ducrot den Chefposten. Nach dem visionären Andreas Meyer also eine graue Maus? Keineswegs! Ein Kommentar.

Patrik Müller
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Ihn hatte niemand auf der Rechnung. Vincent wer? Den Namen des neuen SBB-Chefs Vincent Ducrot muss man sich merken. Der oberste Bähnler steht im Schaufenster der Öffentlichkeit wie kaum ein anderer Wirtschaftsführer in diesem Land. An dieses grelle Licht wird sich Ducrot erst gewöhnen müssen, auch wenn der 57-Jährige eine Art «Übergangspapst» ist. Denn bei den kleinen Freiburgischen Verkehrsbetrieben, die er zurzeit leitet, konnte er ungestört im Hintergrund arbeiten.

Pionier beim elektronischen Ticketverkauf

Vordergründig haben der SBB-Verwaltungsrat - unter segensreicher Einwirkung von Verkehrsministerin Simonetta Sommaruga - einen Anti-Meyer gewählt. Dieser gilt als Visionär und Digitalisierungs-Euphoriker, aber auch als weit weg von der Bähnler-Basis und den ganz alltäglichen Problemen wie Pünktlichkeit, Lokführermangel, Sicherheit. 

Im Zug nach oben: Vincent Ducrot, neuer SBB-Chef.

Im Zug nach oben: Vincent Ducrot, neuer SBB-Chef. 

Moritz Hager, EQ IMAGES

Doch der Lebenslauf und sein Leistungsausweis in Freiburg zeigen: Vincent Ducrot ist keine graue Maus. In den acht Jahren bei den regionalen Verkehrsbetrieben bewies er gleichermassen Innovationsgeist wie politisches Gespür. Die Freiburger sind landesweit Pioniere im elektronischen Ticketverkauf, haben die Passagierzahlen rekordverdächtig stark gesteigert. Und dass Ducrot die Politik mitzunehmen weiss, beweist allein schon die Tatsache, dass man ihn immer wieder auf der Zuschauertribüne des Kantonsparlaments sah.

Die zwei grossen Herausforderungen

Ducrot, der bis 2011 bei den SBB arbeitete, stammt zwar aus der Ära des populären SBB-Chefs Benedikt Weibel. Aber er ist keiner, der zurück in die Vergangenheit will. Er muss zwei Herausforderungen meistern:

  • Kurzfristig die SBB wieder aufs Gleis bringen. Die Häufung von Pannen, Pech und Störungen hat das ganze Unternehmen verunsichert. Hier sind die Fähigkeiten des Krisenmanagers Ducrot gefragt, der beim Personal und den Gewerkschaften auf viel Goodwill zählen darf. Er muss Ruhe in den Betrieb bringen.
  • Langfristig die SBB fit für die Zukunft machen. Die Mobilität verändert sich rasend schnell. Die Bahn hat - gerade in Zeiten des Klimawandels - eine grosse Chance und eine grosse Verantwortung. Hier ist der Innovationsmanager Ducrot gefragt. Er - und sein Nachfolger, nach dem er nun fahnden soll - müssen aufzeigen, wie die SBB das Wachstum bewältigen wollen,  im Agglo-Verkehr ebenso wie auf internationalen Strecken als Alternative zum Flugzeug. 

Beide Herausforderungen kann Ducrot nur lösen, wenn er eng mit der Politik zusammenarbeitet. Zwanzig Jahre nach der Bahnreform und der Umwandlung in eine AG werden die SBB wieder näher an den Bund rücken.  Dass Ducrot weniger verdienen wird als Andreas Meyer, passt ins Bild und ist richtig.

Die SBB sollen effizient und betriebswirtschaftlich geführt werden, aber zugleich voll und ganz zum Service public stehen. Dafür steht Vincent Ducrot. Er ist der richtige Mann zur richtigen Zeit.

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