Kampf gegen die Organknappheit: Neues Onlineregister soll Leben retten

Die Stiftung Swisstransplant hat ein Onlineregister lanciert, in dem jeder seinen Spenderwillen angeben kann. Das ist laut Experten ein wichtiger Schritt, doch längst nicht genug, um die Organknappheit in der Schweiz zu beenden.

Samuel Schumacher
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Warten kann mühsam sein – und manchmal auch tödlich. Dann zum Beispiel, wenn schwerkranke Menschen ein Spenderorgan brauchen, um weiterleben zu können. Derzeit stehen 1413 Personen auf den Wartelisten der Stiftung Swisstransplant, welche die Organspenden in der Schweiz koordiniert. Im Durchschnitt warten sie 299 Tage auf das dringend benötigte Organ. Für manche ist das zu lange. Rund 100 in der Schweiz wohnhafte Personen sterben jedes Jahr, weil nicht rechtzeitig ein Spenderorgan gefunden werden konnte.

Dieses Schicksal droht auch Markus Hänni. Der 37-jährige Berner erhielt als Kleinkind die Diagnose «Cystische Fibrose» (CF), eine nicht heilbare Krankheit, bei der die Lunge und der Verdauungstrakt zunehmend mit zähem Schleim verkleben. Hänni sitzt in der Berner Herbstsonne und erzählt mit auffällig fröhlichem Gemüt über sein Leben mit der unheilbaren Krankheit, seinen Suizidversuch mit 26, seine Leidenschaft fürs Theater und seine beiden Töchter. Gerade hat er mit seiner Frau das Buch «Weil jeder Atemzug zählt» herausgegeben, in dem das Paar über die Herausforderungen von Beziehungen mit chronischkranken Menschen schreibt. Hänni weiss nicht, wie lange er noch lebt. «Derzeit geht es mir gut, aber der Moment wird kommen, in dem ich eine Spenderlunge brauche, um weiterzuleben», erzählt er.

Tote könnten verhindert werden

Die nötigen Abklärungen hat er Anfang des Jahres nach einer besonders schweren Phase seiner Krankheit gemacht. Dass zuerst jemand sterben muss, damit er eine neue Lunge erhalten kann, das gibt Hänni zu denken. «Ich bin vorsichtig optimistisch, auch wenn ich persönlich Menschen gekannt habe, bei denen die Suche nach einer Spenderlunge vergeblich war.»

So funktioniert das Register

Seit gestern können sich alle in der Schweiz oder im Fürstentum Liechtenstein wohnhaften Personen über 16 Jahren unter www.organspenderegister.ch registrieren und angeben, ob sie ihre Organe spenden wollen oder nicht. Man kann den Entscheid auch einer Vertrauensperson übertragen und festlegen, ob nicht transplantierbare Organe zu Forschungszwecken verwendet werden dürfen.

Der Eintrag kann jederzeit abgeändert werden. Zugang zu den erfassten Daten erhalten Fachpersonen im behandelnden Spital erst dann, wenn jegliche Therapieversuche aussichtslos sind und der Behandlungsabbruch beschlossen worden ist. Bis zu diesem Zeitpunkt hält die Stiftung Swisstransplant, die das Register betreut, die Daten unter Verschluss. (sas)

Dass pro Woche fast zwei Personen in der Schweiz wegen fehlender Spenderorgane sterben, das müsste nicht sein. Nach einer aktuellen Erhebung der Organspende-Stiftung Swisstransplant sind 85 Prozent der Schweizer der Organspende gegenüber positiv eingestellt. Trotzdem hat nur rund jeder Zehnte einen Spenderausweis. Und nur in fünf von 100 Fällen ist dieser Ausweis im entscheidenden Moment auffindbar. Das führt dazu, dass in mehr als der Hälfte aller Fälle die Angehörigen entscheiden müssen, ob einer verstorbenen Person Organe entnommen werden dürfen oder nicht. In rund 60 Prozent der Fälle entscheiden sich die Angehörigen gegen eine Entnahme.

Swisstransplant will deshalb das System neu organisieren und hat gestern das «Nationale Organspenderegister» lanciert (siehe Kasten). Auf einer Internetseite kann sich jede in der Schweiz oder in Liechtenstein wohnhafte Person ab 16 Jahren registrieren und festlegen, ob sie im Fall der Fälle bereit ist, einen Teil oder alle Organe zu spenden oder eben nicht. Das Register ist ein digitaler Ersatz für die Spenderkarte. Franz Immer, Herzchirurg und Swisstransplant-Direktor sagte an der gestrigen Swisstransplant-Pressekonferenz: «Wir hoffen, dass sich bis Ende Jahr 100000 Menschen im Organspenderegister registriert haben.»

Die Schweiz hinkt hinterher

Um dieses Ziel zu erreichen, arbeitet die Stiftung mit interessierten Gemeinden und Spitälern zusammen. Die Gemeinde Montreux und insgesamt rund 20 Schweizer Spitäler haben sich bereit erklärt, spezielle Kontaktstellen einzurichten, an denen sich interessierte Personen direkt in das Register eintragen lassen können. Zu den Spitälern, die mitwirken wollen, zählen etwa das Kantonsspital Luzern und das Kantonsspital Baden.

«Wir hoffen, dass sich beis Ende Jahr 100'000 Menschen registriert haben.»

Franz Immer, Direktor Swisstransplant

Das Organspenderegister ist in den Augen von Swisstransplant ein erster Schritt hin zu einem zeitgemässen Organspende-System. Doch der Schritt geht vielen zu wenig weit. Im europäischen Vergleich hinkt die Schweiz trotzdem hinterher. Auch mit dem neuen Register darf in der Schweiz niemandem ein Organ ohne die explizite Zustimmung der verstorbenen Person oder ihrer Angehörigen entnommen werden. Zahlreiche europäische Länder – darunter Frankreich, Österreich, Italien, Spanien, Portugal, Bulgarien, die Türkei und Irland – kennen dagegen das System der «vermuteten Zustimmung». In diesen Ländern gilt grundsätzlich jeder als Spender, solange er sich nicht explizit ­dagegen ausspricht. Swisstransplant-­Direktor Franz Immer wünscht sich diesen Grundsatz auch für die Schweiz. «Holland hat das System gerade gewechselt, in Deutschland und England laufen die politischen Debatten. Die Schweiz ist der weisse Fleck inmitten Europas, in dem es anders läuft», sagt Immer.

Politik streitet über Systemwechsel

Doch es gibt Hoffnung für die Befürworter der «vermuteten Zustimmung». Eine Umfrage zeigt, dass 63 Prozent der Schweizer die Einführung dieses Systems befürworten würden. Das sind gute Neuigkeiten für die Initianten der Volksinitiative «Organspende fördern – Leben retten», die genau das erreichen will. Die Waadtländer Vereinigung Jeune Chambre Internationale Riviera, die hinter der Initiative steht, hat bereits 93000 Un­terschriften gesammelt.

Der Mensch ist nicht als Ersatzteillager geboren.
Ruth Humbel, Nationalrätin CVP (AG)

Auch wenn die Initiative problemlos zu Stande kommen dürfte: Das Anliegen hatte auf dem offiziellen politischen Parkett bislang einen schweren Stand. Im Jahr 2013 stimmte der Nationalrat einem entsprechenden Gesetz zwar zu, der Ständerat aber versenkte die Idee wieder. Zum Unmut der Walliser CVP-Nationalrätin und aktuellen Bundesrats-Anwärterin Viola Amherd, welche die Schweiz gerne im Kreis der europäischen Nachbarn sähe, wenn es um das Organspende-System geht. Amherd unterstützt deshalb die Volksinitiative: «Ich erhoffe mir davon, dass mehr Organe für die Transplantation zur Verfügung stehen werden», sagt sie. Auch mit dem von der Initiative geforderten System der «vermuteten Zustimmung» habe jeder Mensch noch immer das Recht, Nein zu sagen zu einer Organspende. «Diese Selbstbestimmung wird auch bei der sogenannten Widerspruchslösung nicht in Frage gestellt», betont Amherd.

Kopfschütteln über Argumente der Gegner

Ganz anders steht die Aargauer CVP-Nationalrätin Ruth Humbel zu dieser Frage. Amherds Parteikollegin und potenzielle Konkurrentin im Rennen um die Nachfolge der abtretenden Bundesrätin Doris Leuthard will am aktuellen System der «expliziten Zustimmung» festhalten. «Der Mensch ist nicht als Ersatzteillager geboren, die persönliche Integrität und Unversehrtheit gilt von der Geburt bis zum Tod», sagt Humbel. Sie gewichte diese persönliche Integrität höher als den Umstand, dass man mit einem neuen System allenfalls mehr Spender rekrutieren könnte.

Bei Markus Hänni löst diese Haltung nur erstauntes Kopfschütteln aus. Er legt die schlanken Hände übereinander und schaut eine Weile in den Herbsthimmel. Christliche Werte bedeuten ihm, dem gläubigen Kirchgänger, genauso viel wie der CVP-Politikerin Humbel. Er kommt aber zu einem ganz anderen Schluss als die Nationalrätin. «Die entscheidende Frage ist doch: Brauchen wir unsere Organe im Jenseits überhaupt noch? Falls das so wäre, hätte ich sowieso die allerschlechtesten Karten gezogen», sagt Hänni. Er hat einen Spenderausweis und will sich in den kommenden Tagen auch im neuen Onlineregister eintragen. «Auch als CF-Patient kann ich bestimmte Organe spenden und will das unbedingt tun.» Wer nehmen will, findet Hänni, der soll auch geben können.