Nicht behindertentauglich! Neue Studie bringt Tram- und Busbetriebe unter Zugzwang

Das Gesetz macht klare Vorgaben, doch die Realität ist für viele Menschen mit Behinderungen ernüchternd. Die Mehrheit der öV-Betriebe erfüllt die Vorgaben für behindertenfreundliche Info-Tafeln und Billettautomaten nicht. Und nicht nur das. 

Benjamin Weinmann
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Den Rechten von Menschen mit Behinderungen schenken viele öV-Betriebe zu wenig Beachtung, obwohl das Gesetz klare Vorgaben macht. (Bild: Chris Iseli)

Den Rechten von Menschen mit Behinderungen schenken viele öV-Betriebe zu wenig Beachtung, obwohl das Gesetz klare Vorgaben macht. (Bild: Chris Iseli) 

Wenn jemand eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Wer kein Ticket lösen kann, nicht. Viele Menschen mit Behinderungen, darunter auch viele Senioren, sind mit diesem Problem konfrontiert – trotz deutlicher Vorschriften, die eine solche Situation eigentlich verhindern sollten. Denn seit Ende 2013 müssten die Billett-Automaten sowie die Informationssysteme für öV-Kunden in der Schweiz hindernisfrei zugänglich sein. So steht es im Behindertengleichstellungsgesetz.

Doch die Realität sieht anders aus. Agile.ch, der Schweizer Dachverband der Selbsthilfeorganisation für Menschen mit Behinderungen, hat eine Bestandsaufnahme gemacht und dabei 156 Transportunternehmen nach dem aktuellen Stand der Dinge befragt. 80 haben geantwortet. Dabei ging es um Funktionen wie akustische Kundeninformationen, Schriftgrössen, die Signalisierung für Rollstuhlwege oder die maximale Höhe des Schlitzes für den Münzeinwurf. «Diese Resultate sind ernüchternd», sagt Agile.ch-Sprecherin Silvia Raemy. «Ein Grossteil der Firmen hat noch nicht mal angefangen oder will nicht wahrhaben, dass sie etwas tun müssten.» Die Studie liegt CH Media vor. Ein Wert von 100 Prozent wird bei keiner der Themen erreicht. Die Erfüllungsquote liegt zwischen 19 und 90 Prozent.

Als Beispiel für eine nötige Anpassung nennt Raemy die Möglichkeit, dass öV-Unternehmen die Haltestellen und Anschlussmöglichkeiten via Lautsprecher verkünden, damit auch Menschen mit Sehbehinderungen informiert werden, wo sich das Tram gerade befindet, ob der Zug ausfällt, oder wann der nächste Bus fährt. Oft höre man von den Unternehmen, dass sie in erster Linie die grossen Haltestellen mit einer Sprachfunktion ausrüsten, sagt Raemy. «Das reicht aber nicht. Was sollen denn Reisende mit einer Sehbehinderung an kleineren Stationen machen?».

Stadt Bern als positives Beispiel 

Das Bundesamt für Verkehr weise die Aufsichtspflicht von sich und verweise auf das Klage und Verbandsbeschwerderecht, sagt Raemy. Das Problem sei aber, dass auch die Gerichte oftmals die wirtschaftlichen Interessen der Transportfirmen generell stärker gewichten als das autonome Leben und Reisen von Menschen mit Behinderungen. Anstatt dass sichergestellt werde, dass die Firmen die Gesetzesvorgaben erfüllten, werde Menschen mit Behinderungen die Botschaft vermittelt: Passt euch an und geht mit den Hindernissen so gut wie möglich um. «Das ist absurd.»

Agile.ch werde weiterhin versuchen, die Verantwortlichen der Transportunternehmen für die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen zu sensibilisieren, sagt Raemy. Dies habe zum Teil auch schon gefruchtet, wie das Beispiel der Stadt Bern zeige. Dort würden die Verkehrsbetriebe Bernmobil und die Behindertenkonferenz der Stadt und Region gut zusammenarbeiten – mit der Folge, dass viele technische Lösungen über die gesetzlichen Vorgaben hinausgehen. So wird bei der Abfahrten-Anzeige eine grössere Schrift verwendet, sowie eine Beschichtung, die weniger spiegelt. Und eine Vorlese-Funktion ist ebenfalls vorhanden.

Markus Schefer, der erste Schweizer im UNO-Ausschuss für Behindertenrechte, hatte erst kürzlich in einem Interview mit dieser Zeitung die hiesigen Busbetriebe und die SBB scharf kritisiert. Dabei ging es insbesondere um das selbstständige Ein- und Aussteigen. Denn Haltestellen von Trams und Bussen müssen bis Ende 2023 behindertentauglich umgerüstet werden. Auch dies schreibt das Behindertengleichstellungsgesetz vor.

«Bei den Bushaltestellen ist es einfach nur noch peinlich»

Gemäss der Schweizer Fachstelle für Hindernisfreie Architektur waren 2018 von den rund 50‘000 Bushaltestellen aber erst ungefähr 1‘000 umgebaut und für Personen mit eingeschränkter Mobilität benutzbar.

«Bei den Bushaltestellen ist es einfach nur noch peinlich», sagt Schefer. «Zudem kaufen manche öV-Betriebe noch heute Busse mit Türen, die nach aussen aufschwingen, was für mich unverständlich ist. Denn bei einer Haltekante mit den erforderlichen 23 Zentimeter Höhe geht eine solche Türe beim Öffnen kaputt.»

Hinzu kommt, dass die grösste Zug-Bestellung in der Geschichte der SBB in der Kritik ist. Schefer: „Es ist sehr bedenklich, dass die SBB über 60 Züge bestellt haben, welche die nächsten 30 oder 40 Jahre im Einsatz sein werden, die aber für durchschnittliche Rollstuhlfahrer mit Handrollstuhl nicht selbstständig benutzbar sind.“ Für sie besteht wegen der steilen Rampe bei den Zug-Türen des Herstellers Bombardier die Gefahr, beim Aussteigen umzufallen und sich den Kopf aufzuschlagen.

In der Schweiz leben mehr als 1,8 Millionen Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen.