Nirgends in Europa werden so viele Schüler gemobbt wie in der Schweiz

Eine neue Auswertung im Rahmen der Pisa-Studie zeigt: Mobbing an Schulen nimmt zu. Die Anzahl körperlicher Übergriffe hat sich sogar verdoppelt.

Anna Miller
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Wer sich einsam fühlt, für den kann Mobbing ein Weg in die gefühlte Gemeinschaft sein – wer mitmacht, ist dabei, auf Kosten eines anderen.

Wer sich einsam fühlt, für den kann Mobbing ein Weg in die gefühlte Gemeinschaft sein – wer mitmacht, ist dabei, auf Kosten eines anderen. 

Symbolbild: Kitty

Auf dem Schulweg wird das Kind gehänselt, drangsaliert, bedroht, über Monate hinweg. Der Jugendliche beschimpft, beleidigt, sogar körperlich attackiert. Und keiner schaut hin. Was nach einem Albtraum klingt, ist im Durchschnitt für mindestens ein Schweizer Schulkind pro Klasse Realität. Die Zahlen von Mobbingopfern steigen seit Jahren an. Nun bestätigt die neuste Pisa-Studie aus dem Jahr 2018 einen Anstieg in sämtlichen Mobbingkategorien teilweise auf den doppelten Wert. Kein anderes europäisches Land weist ähnlich hohe Zahlen auf.

Vom Auslachen bis hin zu physischer Gewalt

Das Spektrum reicht von Ausgelacht- Werden bis hin zu physischer Gewalt. Die Befragung wurde in sechs Kategorien unterteilt. Die Schülerinnen und Schüler wurden gefragt, ob und wie häufig sie sich im letzten Jahr ausgeschlossen oder bedroht fühlten, ob sie geschlagen und geschupst wurden, gemeine Gerüchte über sie verbreitet wurden oder ob sich Mitschülerinnen und Mitschüler über sie lustig machten. Eine weitere Aussage mass, ob den Jugendlichen Dinge weggenommen oder zerstört wurden. Im Vergleich zur letzten Erhebung im Jahr 2015 verzeichneten die Wissenschafter einen Anstieg in sämtlichen Kategorien.

2015 hatten noch elf Prozent der Jugendlichen in der Schweiz angegeben, dass man sich mindestens ein paar Mal pro Monat über sie lustig gemacht habe. 2018 waren es 13 Prozent, wie es im Pisa-Bericht von 2018 heisst. Der Anteil jener, über die ein paar Mal im Monat gemeine Gerüchte verbreitet worden sind, sei von sieben auf rund elf Prozent gestiegen. Die Häufigkeit körperlicher Übergriffe hat sich im Zeitraum von nur drei Jahren auf sieben Prozent verdoppelt, wie die Schülerinnen und Schüler melden.

Wieso die Zahlen ansteigen, können die Wissenschafter nicht klar beantworten. Es sei möglich, dass die Anzahl der Mobbingfälle tatsächlich zugenommen habe. Möglich sei aber auch, dass die Jugendlichen sensibilisierter für das Thema sind – auch aufgrund der Aufklärungsarbeit der letzten Jahre.

Drangsalieren als Flucht vor Einsamkeit

Thomas Brunner von der Stiftung Pro Juventute ortet das Problem zum Teil in einer gefühlten Einsamkeit der Jugendlichen. Tatsächlich geben junge Menschen in Umfragen vermehrt an, dass sie sich einsam fühlen, obwohl sie faktisch in soziale Gruppen eingebunden sind. Fast die Hälfte der Schweizer Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 24 Jahren fühlt sich laut einer 2019 erschienenen Studie der Universität Zürich manchmal bis dauernd einsam.

Wer sich einsam fühlt, für den kann Mobbing ein Weg in die gefühlte Gemeinschaft sein – wer mitmacht, ist dabei, auf Kosten eines anderen. «Mobbing findet ja nicht isoliert zwischen zwei Menschen statt. Mobbing ist immer Plagen innerhalb einer definierten Gruppe», sagt Brunner.

Wenn sich Menschen gegen einen anderen zusammentun, kann sich das identitätsstiftend auf die Gruppe auswirken. Und führt beim Opfer zu langfristigen Folgeschäden auf emotionaler und psychischer Ebene, von Schlafstörungen bis Suizidgedanken. Studien zeigen: Wer in der Schule gemobbt wurde, hat als junger Erwachsener ein dreifach erhöhtes Selbstmordrisiko.

Doch so alarmierend die Zahlen sind: Der grosse Aufschrei bleibt bisher aus. Brunner ortet hier Handlungsbedarf auf breiter Ebene. Er sagt: Wir müssen als Gesamtgesellschaft anfangen, hinzuschauen. «Es liegt an uns allen, das Schweigen zu brechen. Natürlich gibt es immer einen Anführer, wenn es um Mobbing geht. Aber genauso wichtig für das Aufrechterhalten der Dynamik ist die schweigende Mehrheit, die nichts unternimmt», sagt der Experte.

Das habe gar nicht primär mit der Jugend zu tun – das fange beim Tratsch im Büro an oder damit, dass man sieht, dass es dem Nachbarn schlecht geht, und nichts unternimmt. «Es braucht neben einer weiteren Sensibilisierung für das Thema vor allem auch klare Bekenntnisse in Schulen und der Gesellschaft, dass Mobbing nicht geduldet wird», sagt Brunner.

Die Gefahren der 24-Stunden-Gesellschaft

Vor allem in einer Zeit, in der die sozialen Zugehörigkeiten eines Menschen immer weiter verschmelzen. Und ein Jugendlicher von morgens um sieben bis Mitternacht on- und offline mit den gleichen Menschen lebt. «Früher hatte man den Pfadiverein, die Familie, die Schule – diese unterschiedlichen Kreise konnten einen Puffer bilden», sagt Brunner. Heute sei man 24 Stunden miteinander verbunden und damit auch permanent einer potenziellen Mobbingkultur ausgesetzt.

Pro Juventute prüfe derzeit deshalb Möglichkeiten zum Aufbau einer Allianz gegen Mobbing. Die Idee steht schon, mit Bildungsinstitutionen und nationalen Akteuren. Akteure aus Politik und Wirtschaft wurden noch nicht angefragt. Der Wunsch sei aber da, auch diese mit einzubinden.