Noch vor der Abstimmung zum Vaterschaftsurlaub starten Aktivisten eine Elternzeit-Initiative – und verärgern damit SP und Gewerkschaften

Die Köpfe hinter der Sammelplattform «WeCollect» preschen zum Ärger von SP und Gewerkschaften mit einer Volksinitiative für eine Elternzeit von 32 Wochen vor.

Christoph Bernet
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Nach der Diskussion über den Vaterschaftsurlaub geht es jetzt um die Elternzeit.

Nach der Diskussion über den Vaterschaftsurlaub geht es jetzt um die Elternzeit.

Keystone / Gaëtan Bally

Die Umfragen sagen ein klares Ja zum zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub voraus. Noch bevor die Stimmen ausgezählt sind, ist die nächste Volksinitiative zum Thema beschlossene Sache: Die vor Kurzem ins Leben gerufene «IG Elternzeit» will bereits im Dezember bei der Bundeskanzlei den Initiativtext zur Vorprüfung einreichen. Die Unterschriftensammlung soll im nächsten Sommer starten.

Der Inhalt steht schon fest: Die Initiative verlangt insgesamt 32 Wochen bezahlte Elternzeit. Diese wird paritätisch aufgeteilt auf Mutter und Vater. Beide erhalten je 16 Wochen. Der bestehende 14-wöchige bezahlte Mutterschaftsurlaub würde um zwei Wochen verlängert. Der Vaterschaftsurlaub würde nach dem Willen der Initianten neu ebenfalls 16 Wochen betragen.

«Der Zeitpunkt ist reif»

Hinter der Initiative stecken die Demokratie-Aktivisten Daniel Graf und Che Wagner. Bekannt geworden sind sie als ehemalige Inhaber der Sammelplattform «WeCollect», über die seit 2015 hunderttausende Unterschriften für Initiativen und Referenden zusammengekommen sind. Seit Juli 2020 ist «WeCollect» in den Händen der «Stiftung für direkte Demokratie».

Che Wagner ist Geschäftsführer der Stiftung und Koordinator der «IG Elternzeit». Für ihn ist klar: «Der Zeitpunkt für die konkrete Vorbereitung der Elternzeit-Initiative ist reif.» Sollte es den Umfragen entsprechend ein klares Ja zum Vaterschaftsurlaub geben, sei dies zwar ein wichtiger Zwischenschritt. Aber zufriedengeben könne man sich damit nicht.

Das zähe Ringen im Parlament, das am Ende unter dem Druck der zurückgezogenen Initiative für einen vierwöchigen Vaterschaftsurlaub die «zweiwöchige Minimallösung» beschloss, zeige: «Innerhalb der bestehenden Strukturen sind weitreichende Fortschritte im Bereich der Gleichstellung unmöglich».

«Initiative darf nicht übers Ziel hinausschiessen»

Mit der gleichmässig zwischen Mutter und Vater aufgeteilten Elternzeit fokussiere sich die Initiative klar auf das Thema Gleichstellung. Dieses sei unter dem Aspekt des Fachkräftemangels auch in der Wirtschaft ein grosses Anliegen. Erfahrungen im Ausland zeigten, dass jener Teil der Elternzeit, über welche Paare frei bestimmen könnten, zu grossen Teilen von der Mutter bezogen werden. Linke und Gewerkschaftskreise haben in der Vergangenheit eine Präferenz für solche nicht zwangsläufig paritätisch aufgeteilte Elternzeit-Modelle gezeigt.

Auch sei die Dauer von 32 Wochen mehrheitsfähiger als andere Modelle, ist Wagner überzeugt: «Die Initiative darf mit Blick aufs Ständemehr nicht übers Ziel hinausschiessen», ist Wagner überzeugt – und nennt die kantonale Initiative der SP in Zürich für eine Elternzeit von 36 Wochen als Beispiel. Die Berner SP verlangt in einer Initiative gar 38 Wochen.

«Ich bedaure, dass wir uns nicht an einen Tisch setzen»

Mit ihrem Vorpreschen machen sich Che Wagner und Daniel Graf nicht nur Freunde: «Ich bedaure, dass wir uns nicht erst an einen Tisch setzen, unsere Kräfte bündeln und gemeinsam über die nächsten Schritte beraten, sagt Adrian Wüthrich. Der Präsident des Gewerkschaftsdachverbandes Travailsuisse und Ex-SP-Nationalrat koordinierte die Vaterschaftsurlaubsinitiative, die auch von «WeCollect» unterstützt worden ist. Dass die Initiative nun am Sonntag in einen politischen Erfolg münden dürfte, «war nur dank einer breiten Allianz möglich», gibt er zu bedenken.

Gewerkschafter und Sozialdemokrat Adrian Wüthrich.

Gewerkschafter und Sozialdemokrat Adrian Wüthrich.

Keystone

Bei der SP Schweiz, die sich 2019 grundsätzlich für eine Elternzeit-Initiative aussprach und der ein flexibles 38-Wochen-Modell vorschwebt, heisst es: «Zunächst gilt es, die Abstimmung vom Sonntag zu gewinnen.» Über Wagners und Grafs Pläne äussere man sich bis dahin nicht, so Parteisprecher Clément Borgeaud. Che Wagner reicht den verärgerten Allianzpartnern einen Olivenzweig: «Unsere Türen sind offen. Wir wollen niemanden ausschliessen, aber vorwärts machen.»

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