NOMINATION: Tessiner FDP setzt nur auf Ignazio Cassis

Praktisch oppositionslos schlägt die Kantonalpartei ihren Fraktionschef im Bundeshaus zum offiziellen und alleinigen Bundesratskandidaten der italienischen Schweiz vor.

Gerhard Lob, Lattecaldo
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Die FDP Tessin schickt Nationalrat und Fraktionschef Ignazio Cassis (2. von rechts) ins Bundesratsrennen. Laura Sadis (links) geht leer aus. (Bild: Nicolai Morawitz, sda)

Die FDP Tessin schickt Nationalrat und Fraktionschef Ignazio Cassis (2. von rechts) ins Bundesratsrennen. Laura Sadis (links) geht leer aus. (Bild: Nicolai Morawitz, sda)

Es ist extrem heiss an diesem 1. August im Muggiotal – einem der südlichsten Punkte der Schweiz. Und vielleicht ist dies der Grund, warum sich bei der Delegiertenversammlung der FDP Tessin im Schulzentrum von Lattecaldo keine lebhafte Diskussion entfalten will. Überall perlt Schweiss, Hütchen mit FDP-Logo kursieren, Sonnenbrillen funkeln.

Zur DV unter freiem Himmel sind fast alle wichtigen Repräsentanten des Tessiner Freisinns erschienen, auffällig allerdings die Abwesenheit des langjährigen nationalen FDP-Präsidenten Fulvio Pelli, der als Stratege für die vom Präsidium favorisierte Einerkandidatur gilt. Der amtierende Kantonalpräsident Bixio Caprara verteidigt diese Strategie mit dem Hinweis, dass Ignazio Cassis der aussichtsreichste Kandidat sei. Wenn die italienische Schweiz wieder im Bundesrat vertreten sein wolle, müsse sie voll auf Cassis setzen. Scheinkandidaturen hätten keinen Sinn. Auch die Freisinnigen in der Romandie würden mit Sicherheit eine Kandidatin oder einen Kandidaten für ein Ticket präsentieren. Sollte die Westschweiz auf eine Kandidatur verzichten, hätte die Strategie auch anders ausfallen können.

Die Meinungen in der DV sind schnell gemacht, vor allem weil die möglichen weiteren Kandidaten, alt Regierungsrätin Laura Sadis und der amtierende Regierungsrat Christian Vitta, umgehend der Einerkandidatur und Ignazio Cassis ihre Unterstützung zusagen. «Cassis war für mich immer der Kandidat», so Laura Sadis, die deutlich macht, dass sie keinesfalls für eine wilde Kandidatur zur Verfügung stünde. Vitta hingegen genoss ganz offensichtlich die mediale Aufmerksamkeit, die ihm und dem Tessin in den letzten Wochen zuteil wurde. Doch torpedieren will er die Kandidatur Cassis nicht. Nur zwei Voten gibt es gegen die Strategie der Einerkandidatur. Sie verhallten wirkungslos.

Nach einer Standing Ovation legt Cassis die Hand aufs rote T-Shirt mit Schweizer Kreuz, auf dem der Text des Schweizer Psalms prangt. Er wolle dem Land dienen, sagt er, und zeigt sich bewegt.

In seiner Rede spielt Cassis die Karte der kulturellen Vielfalt und singt das Hohelied der Freiheit. Er stehe als Kandidat für die italienische Schweiz bereit. «Eine Schweiz ohne Italianità ist keine ganze Schweiz.» Er kündigt aber auch an, sein Amt als FDP-Fraktionschef im Bundeshaus vor­übergehend in die Hände seines Stellvertreters, Nationalrat Beat Walti, zu legen. Zudem werde er weitere Posten, etwa das umstrittene und hochdotierte Amt als Präsident des Krankenkassenverbandes Curafutura, ruhen lassen.

Nach seiner Nomination zeigt sich Cassis erleichtert, warnt aber vor Euphorie: «Es kann immer Enttäuschungen geben.» Doch die Freude überwiegt. Er scherzt gar über sein legeres Outfit mit Turnschuhen. «Als Bundesrat könnte ich so kaum noch rumlaufen.»

Um die Mittagszeit landet mit Johann Schneider-Ammann ein echter Bundesrat am 1.-August-Fest der Tessiner Freisinnigen. In seiner Ansprache lobt er die Qualitäten von Cassis und beschwört die Wichtigkeit der Svizzera italiana. Eine Sympathie für dessen Kandidatur drückt durch. Doch konkret äussern will sich der Wirtschaftsminister nicht: «Möge der Beste gewinnen.»

 

Gerhard Lob, Lattecaldo