Gastkommentar

Norman Gobbi: «Was während der Notlage erreicht wurde, muss auch morgen gelten: Bürgersinn, der zur Schaffung von Wohlstand für alle führt»

Die Schweizer sollen den Bürgersinn wiederentdecken. Ein Gastkommentar von Norman Gobbi zum 1. August.

Norman Gobbi
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Norman Gobbi, Präsident der Tessiner Kantonsregierung.

Norman Gobbi, Präsident der Tessiner Kantonsregierung.

Bild: Keystone

Die Schaffung eines neuen «Paktes» zu Gunsten der Schweiz: Das wünsche ich allen Schweizerinnen und allen Schweizern anlässlich dieses 1. August. Angesichts der Krise, mit der wir konfrontiert waren und sind, erhält dieser Feiertag eine neue Bedeutung.

Unser System ist auf die Probe gestellt worden. Wir kommen gut da raus, vor allem dank des grossen Solidaritätsgeistes. Aber Vorsicht: Die Schweiz – bestehend aus Kantonen, aus Gemeinden, aus Bürgerinnen und Bürgern – muss ihren neu gefundenen Modus Vivendi angesichts dieses unsichtbaren Virus erst noch bestätigen.

Es ist insbesondere notwendig, sich als Menschen wiederzuentdecken, der eingefügt in eine Gemeinschaft ist. Eine Gesellschaft, in der jeder Einzelne der Schlüssel zum Erfolg einer ganzen Gemeinschaft ist. Die Coronavirus-Krise hat uns dies gezeigt: Der Bundesrat und der Regierungsrat jedes Kantons haben die Eigenverantwortung ihrer Mitbürgerinnen und Mitbürger eingefordert, um die Ausbreitung der Ansteckung zu bekämpfen. Opfer wurden von allen gefordert.

Gerade als Präsident der Tessiner Kantonsregierung bin ich mir dessen wohl bewusst. Das Opfer, das wir von allen gefordert haben – ich spreche insbesondere von der Tessiner Realität, die ich am besten kenne – hat zu einer massiven Eindämmung der Kurve geführt. Eine fast bewegende Reaktion, die das wahre Gesicht der Schweiz und der Schweizer zeigte. Tatsächlich hat jeder seinen Teil dazu beigetragen, indem er an sich selbst und andere dachte.

Was während der Notlage erreicht wurde, muss jedoch auch heute und vor allem morgen noch gelten: ein wiederentdecktes Konzept des Bürgersinns und des Verantwortungsbewusstseins, das zur Schaffung von Wohlstand für alle führt. Am 1. August müssen wir uns dies sagen und uns daran erinnern.

Die durch die Krise auferlegte Isolation hat uns unser Territorium, «unsere Heimat», wiederentdecken lassen. Der Ort der Zuneigung, der Ort unserer Wurzeln, der Ort, den wir am meisten lieben und für den es sich lohnt, sich einzusetzen. Viele von uns kannten bestimmte Inseln oder weit entfernte Nationen und waren mit dem Gebiet, in dem sie aufwuchsen, nicht vertraut.

In den letzten Monaten haben wir stattdessen die Gelegenheit zu schätzen gewusst, durch die Strassen «unserer Heimat» zu gehen und – endlich – die Orte «unserer Heimat» zu besuchen. Die Produkte «unseres Hauses» zu kaufen, indem man dem Erzeuger, dem Bauern oder dem Gastwirt in die Augen schaut, der uns ein Gericht mit einheimischen Produkten serviert hat.

Der Wert der Wiederentdeckung «unserer Heimat» hat unser Wohl begünstigt, das Wohl unseres Volkes, das Wohl der Arbeiter und der ansässigen Arbeitnehmer. Das Gemeinwohl. Am Tag des 1. August müssen wir es uns sagen und uns daran erinnern.

Diese Wiederentdeckung sollte uns dazu bringen, am 1. August über einen neuen «Pakt» nachzudenken, den jeder von uns mit der Schweiz schliessen kann. Wir müssen stolz darauf sein, was wir in Krisenzeiten getan haben. Aber dieser Stolz kann nur dann in eine treibende Kraft umgewandelt werden, wenn wir in der Lage sind, die Werte zu respektieren und zu erneuern, die unser Heimatland aufgebaut haben.

Werte wie die gegenseitige Hilfe (d.h. die Solidarität zwischen den Menschen), die Verteidigung unserer Freiheit gegen jede Einmischung, auch von aussen, der föderalistische Aufbau unseres Staates, die Achtung der Minderheiten, die Gewährleistung der Autonomie der Kantone, die Freiheit unserer Wirtschaft. Damit jeder Bürger – alle Bürger – frei und Schweizer ist.

Zum Autor: Norman Gobbi ist Präsident des Staatsrates des Kantons Tessin. Er politisiert für die Lega.