NOTFALL: Notvorrat nach Gutdünken

Erste Ergebnisse einer Krisensimulation liegen vor. Insbesondere ein Stromausfall würde der Schweiz zu schaffen machen. Ein Experte rät zu 10 Kilogramm Notvorrat.

Drucken
Teilen
Experten wollen die Schweizer wieder verstärkt für Notvorräte sensibilisieren. (Bild: Getty)

Experten wollen die Schweizer wieder verstärkt für Notvorräte sensibilisieren. (Bild: Getty)

Carole Gröflin

Stellen Sie sich Folgendes vor: In der Schweiz fällt nach einer Cyberattacke der Strom während 48 Stunden vollständig aus. In den folgenden zwölf Wochen herrscht ein Stromengpass eine sogenannte Mangellage –, sodass weniger als drei Viertel des benötigten Stroms zur Verfügung stehen. Zeitgleich grassiert ein hochansteckendes Grippevirus und infiziert 2 Millionen Schweizer, 40 000 müssen ins Spital. Eine verzwickte Ausgangslage, in welcher national, kantonal und auch kommunal Lösungen gefunden werden müssen. Über welche Strategien verfügen wir, um solchen Krisen zu begegnen?

Dieser Frage gingen Bund, Kantone und die Städte Luzern, Zürich und Winterthur vergangenen Herbst nach. Beteiligt waren auch die Armee und wichtige Akteure wie Grossverteiler und Netzbetreiber. Erstmals seit 16 Jahren wurde eine Sicherheitsverbundsübung (SVU) durchgeführt oder vielmehr durchgespielt.

«Wieder wie früher»

Der detaillierte Schlussbericht wird Ende April vorliegen. Ein erstes Fazit zieht SVU-Projektleiter Toni Frisch schon jetzt: «2,5 Millionen Schweizer Haushalte sollten wieder 10 Kilogramm Notvorrat anlegen, wie man das früher gemacht hat», sagt er gegenüber der «Schweiz am Sonntag». Für notwendig erklärt er Reis, Salz, Konserven, Trockenfleisch, Knäckebrot, Wasser und eine Taschenlampe.

Das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) hat sich bezüglich Notvorrat auch schon Gedanken gemacht: Im Jahr 2010 fertigte es im Zuge der drohenden Vogelgrippe-Pandemie ein Merkblatt mit dem Titel «Kluger Rat Notvorrat» an. Das BWL empfiehlt darin, einen Vorrat für eine Woche zu Hause aufzubewahren. «Das sollte zur Überbrückung reichen», sagt Alfred Flessenkämper, stellvertretender Direktor des BWL. Derzeit sieht er jedoch keinen Handlungsbedarf: «Wir haben keine Anhaltspunkte, dass punkto Notvorrat etwas geändert werden müsste.» Er selbst hat für seine Familie vorbildlich einen kleinen Vorrat angelegt. Der 52-Jährige will keine Panik schüren, stimmt SVU-Projektleiter Frisch allerdings zu, dass die Sensibilität für Notvorräte abgenommen habe. So gibt er zu bedenken: «Strom ist heutzutage derart essenziell für Wirtschaft und Versorgung, dass ein Ausfall oder eine resultierende Mangellage nicht vernachlässigt werden darf.»

Ins gleiche Horn stösst Werner Fischer: «Die Konsequenzen eines Stromausfalles werden oft unterschätzt.» Fischer ist Kommandant und Leiter der Zivilschutzorganisation Luzern, Kriens und Horw (ZSO Pilatus). Die Sicherheitsverbundsübung, an welcher der Gemeindeführungsstab Luzern und die ZSO Pilatus beteiligt waren, habe anschaulich vor Augen geführt, wie fragil die Grundversorgung in der Schweiz sei.

Baum liess Strom ausfallen

«Jeder sollte sich mal Gedanken machen, wie er zwei bis drei Tage ohne Strom auskommen würde», empfiehlt Fischer. Wie würden wir uns fortbe­wegen? Wie unseren Abfall entsorgen? Wie uns verpflegen? Dies seien Fragen, die anhand der vorgenommenen Krisensimulation unter die Lupe genommen worden seien. «Im Jahr 2003 waren fast 57 Millionen Menschen in Italien von einem Stromausfall betroffen weil bei uns in Brunnen ein Baum auf eine Leitung gefallen war!» Auch eine solche vermeintliche Lappalie könnte unangenehme Auswirkungen nach sich ziehen. Deshalb lohne es sich, wenn sich Herr und Frau Schweizer mal Gedanken machten, wie sie in einem solchen Fall zurechtkämen. «Ob und wie viel Essen man vorrätig haben will, bleibt jedem selber überlassen», findet Fischer. Er findet es aber sinnvoll, für einige Tage kalt geniessbare Lebensmittel im Haus zu haben.

300 Liter Mineralwasser

Die Aufforderung, Notvorräte anzulegen, ist nicht neu. Zuletzt äusserte sie im vergangenen April Armeechef André Blattmann. Er bunkere selber rund 300 Liter Mineralwasser, Konservenbüchsen und Cheminéeholz, liess er in einem Interview verlauten und erntete Hohn und Spott. Dies unter anderem vom Aargauer SP-Nationalrat Cédric Wermuth: Er wertete Blattmanns Ansage als «Panikmache» vor der Gripen-Abstimmung. Die Empfehlung des BWL nimmt Wermuth zur Kenntnis, «über einige essenzielle Nahrungsmittel verfüge ich selber auch», sagt er auf Anfrage. Den Bericht der Sicherheitsverbundsübung erwartet er mit Interesse, denn er werde Aufschluss geben über den aktuellen Stand des Krisenmanagements der Schweiz. «Die heutigen Herausforde­rungen machen nicht an Grenzen Halt», sagt er auf Anfrage. Deshalb sei es umso wichtiger, zu wissen, wie es um die nationale Infrastruktur bestellt sei.