NUNTIUS: Botschafter im Gegenwind

Im Oktober hat der neue Botschafter des Papstes in der Schweiz sein Amt angetreten. Seither hat Thomas Gullickson bereits für einige Unruhe gesorgt. Ein Theologe fordert nun seine Absetzung.

Deborah Stoffel
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Der neue Nuntius Thomas Gullickson hat innert weniger Monate grosse Teile der Katholiken in der Schweiz gegen sich aufgebracht. (Bild: NZZ/Adrian Baer)

Der neue Nuntius Thomas Gullickson hat innert weniger Monate grosse Teile der Katholiken in der Schweiz gegen sich aufgebracht. (Bild: NZZ/Adrian Baer)

Er hat den Papst öffentlich kritisiert und setzt sich öffentlich für die Neuübersetzung der ultramontanen Schrift «Liberalismus ist eine Sünde» ein. Die Rede ist vom neuen Nuntius Thomas Gullickson, dem Botschafter des Vatikans in der Schweiz. Der 65-jährige US-Amerikaner ist erst seit Herbst im Amt, sorgt aber bereits mächtig für Wirbel. Unter anderem hat er vorgeschlagen, die Pfarreien, die aktuell keine Priester haben, einfach zu schliessen. Dazu nennt sich der aktive Blogger und Twitter-Nutzer einen «stolzen Ultramontanisten». Das bedeutet, er sympathisiert mit dem politischen Katholizismus des 19. und 20. Jahrhunderts. Die erzkonservative Strömung lehnte sich damals gegen Reformen betreffend Demokratie, Menschenrechte und Religionsfreiheit auf.

Brief an den Bundespräsidenten

Ende Januar warnte die Allianz «Es reicht!» in einem öffentlichen Schreiben davor, dass Gullickson mit seinen Äusserungen und seiner anti-liberalen Haltung die religiöse Gemeinschaft spalte, statt Brücken zu bauen. Das Bündnis besteht aus 12 Gruppierungen, die sich für eine befreiende und solidarische Kirche einsetzen. Sie kritisieren unter anderem, dass Gullickson die Situation der katholischen Kirche Schweiz verkenne. Würde man, wie von ihm vorgeschlagen, die Pfarreien, die aktuell keinen Priester hätten, schliessen, so wären allein in der Region Bern 12 von insgesamt 15 Pfarreien betroffen. Die Seelsorger der Region haben sich nun in einem Schreiben an den Nuntius gewandt. Sie erhofften sich mehr Verständnis für «die Realität der Kirche Schweiz».

Gar eine Gefahr für den religiösen Frieden in der Schweiz sieht Markus Arnold, Theologe und Studienleiter des Religionspädagogischen Instituts der Universität Luzern, im Nuntius. Anfang Februar verschickte er ein Schreiben an Bundespräsident Johann Schneider-Ammann (FDP). Darin verlangt er vom Bundesrat, dass er sich beim Vatikan für die Absetzung von Gullickson einsetze. In Bern müsse man wissen, dass mit Gullickson ein Ultramontanist und damit ein Hassprediger des 19. Jahrhunderts den religiösen Frieden in der Schweiz gefährde, sagte Arnold. «Im 19. Jahrhundert hätte die Schweiz Gullick­son ausgewiesen, weil er eine Überzeugung vertritt, die den liberalen Geist der Schweizer Bundesverfassung in Frage stellt». Von einem Botschafter in der Schweiz erwarte er, dass er sich nicht in religiöse oder politische Angelegenheiten der Schweiz einmische, sagt Arnold. «Aber Gullickson tut genau das.»

Der Theologe wie auch die Allianz «Es reicht!» befürchten aber vor allem, dass der Nuntius vom Vatikan eingesetzt wurde, um den Boden für einen neuen Bischof zu ebnen. Denn der aktuelle Churer Bischof Vitus Huonder wird 2017 beim Vatikan seinen Rücktritt einreichen. Was seine Nachfolge angeht, hat der Botschafter des Vatikans ein entscheidendes Wörtchen mitzureden. Er sammelt für den Vatikan Einschätzungen zu möglichen Kandidaten und übermittelt drei Namen nach Rom. Heisst der Papst diese Auswahl gut, entscheidet sich das 24-köpfige Churer Domkapitel für einen der drei Kandidaten.

Unerwarteter Fundamentalismus

Arnold hat vom Bundespräsidenten noch keine Antwort auf sein Schreiben erhalten. «Ich erwarte aber, dass der Bundesrat etwas unternimmt», sagt er. In der Schweiz sei man zwar sehr sensibilisiert, was islamischen Fundamentalismus angehe. Doch bei den Evangelikalen oder Katholiken bestehe diesbezüglich ein fast schon naives Vertrauen. «Wir sind diesbezüglich beinahe zu tolerant», sagt Arnold.

Dabei hat ein Bundesrat noch vor nicht allzu langer Zeit beim Vatikan für die Absetzung eines Bischofs geweibelt. Das war 1997, als der umstrittene Churer Bischof Wolfgang Haas ins Bistum Vaduz wechselte. Zu dieser «Verschiebung» hatte neben den Protesten aus katholischen Kreisen der damalige Bundesrat und Aussenminister Flavio Cotti beigetragen.