ÖFFENTLICHER VERKEHR: Braucht es Gurtentragpflicht für Busse?

Linienbusse verkehren oft auf der Autobahn oder machen Überlandfahrten. Trotz besserer Überlebenschancen bei einem Unfall kann man sich oft nicht angurten.

Aleksandra Mladenovic
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In Linienbussen (im Bild ein Bus der Verkehrsbetriebe Luzern) besteht keine Pflicht, Gurte zu tragen. (Bild Eveline Beerkircher)

In Linienbussen (im Bild ein Bus der Verkehrsbetriebe Luzern) besteht keine Pflicht, Gurte zu tragen. (Bild Eveline Beerkircher)

Noch ist die Ursache des schweren Unfalls vom frühen Dienstagmorgen zwischen Endingen und Lengnau im Aargauer Surbtal unklar. Ein Lastwagen mit Anhänger war auf einem geraden Strassenstück frontal-seitlich in ein Postauto geprallt. Zwei Postautopassagiere starben. Drei weitere und zwei Insassen eines Personenwagens, der ebenfalls in den Unfall verwickelt war, erlitten zum Teil schwere Verletzungen.

Klar ist allerdings: Im verunglückten Postauto sassen sieben Passagiere. Alle hatten also einen Sitzplatz, und das Fahrzeug war sogar mit Sicherheitsgurten ausgerüstet. Angegurtet waren die Fahrgäste allerdings nicht, wie die Kantonspolizei Aargau mitteilte.

Kaum Überlebenschancen

Dabei können Gurte Leben retten. Ein vom TCS durchgeführter Crashtest veranschaulicht dies deutlich: Passagiere, die in einem Reisebus sitzen, haben demnach bei einer Kollision mit einem Lastwagen bei 63 Stundenkilometern wenig Überlebenschancen, wenn sie nicht angeschnallt sind. Dabei komme es nicht darauf an, wo im Bus eine Person sitze: «Die Kräfte auf den Körper sind gleich gross, die Gefahr also überall gleich gross», schreibt der TCS. Der Crashtest zeigte anhand von Dummys, dass die «angeschnallten Passagiere und ebenso die Kinder im Alter von drei und sechs Jahren den Unfall relativ glimpflich überstanden hätten».

In 21 Jahren nur 6 Tote

Schwere Unfälle passieren im öffentlichen Verkehr zwar verhältnismässig selten. So gab es zwischen 1992 und 2013 lediglich 6 Todesfälle, wie die Beratungsstelle für Unfallverhütung auf Anfrage mitteilt. Bei Unfällen mit Reisecars waren es hingegen im selben Zeitraum 59 Tote, wobei alleine 2 Unfälle 40 Menschenleben forderten: das Carunglück am Grossen St. Bernhard im Jahr 2005 und das Carunglück in Siders 2013, bei dem 28 Personen, darunter viele Kinder, ums Leben kamen. Viel häufiger kommt es allerdings zu Verletzungen: Alleine in Luzern verletzen sich rund 50 Buspassagiere jährlich, weil der Bus abrupt bremsen muss, wie Christian Bertschi, Sprecher der Verkehrsbetriebe Luzern (VBL), unserer Zeitung unlängst bestätigte. Die Folge der Stürze im Bus seien meistens kleinere Prellungen.

Stehplätze wären nicht möglich

Seit 2006 besteht in der Schweiz eine Gurtentragpflicht für Reisecars, nicht aber für öffentliche Linienbusse. Andreas Windlinger, Sprecher des Bundesamtes für Verkehr (BAV), erklärt gegenüber der «Aargauer Zeitung», ein Obligatorium sei kaum durchsetzbar: «Wenn zu Stosszeiten oder auf viel genutzten Strecken alle Sitzplätze besetzt wären, müssten weitere Passagiere, die zusteigen möchten, an den Haltestellen stehen gelassen werden.» Stehplätze könnten keine mehr angeboten werden, und die heutigen Fahrpläne könnten nicht mehr eingehalten werden, weil das Ein- und das Aussteigen länger dauern würden.

Ins gleiche Horn stösst Christian Bertschi: «Bei einem derart schnellen Fahrgastwechsel macht eine Gurtentragpflicht innerorts keinen Sinn. Die Gefahr ist zudem nicht gross, da unsere Busse im Stadtverkehr im Durchschnitt nicht einmal mit 25 Stundenkilometern unterwegs sind.»

Auch nicht auf der Autobahn?

Dennoch stellt sich die Frage, ob Gurte nicht zumindest bei Überlandfahrten oder in Linienbussen, die auf der Autobahn verkehren, Sinn machen würden. Wie etwa beim Tellbus, der Luzern mit Altdorf UR verbindet – die VBL fahren die Strecke im Auftrag der SBB. Obwohl es das Gesetz nicht vorschreibe, würden die VBL auf solchen Strecken immer Reisecars einsetzen. «Diese sind mit Reisegurten ausgestattet. Das ist uns aus Sicherheitsgründen sehr wichtig», sagt Bertschi. Reisecars würden die VBL etwa auch als Schulbus Horw einsetzen. Die Fahrgäste in den VBL-Reisecars würden zudem mit Aufklebern auf die Gurte hingewiesen.

Das ist allerdings nicht bei allen Transportunternehmen so: Weil Busunternehmen regelmässig Extrafahrten (etwa Vereinsausflüge oder Hochzeitsfahrten) anbieten, rüsten sie neue Fahrzeuge zwar mit Sicherheitsgurten aus. Bei Postauto Schweiz ist etwa die Hälfte der Fahrzeuge damit ausgestattet. Wie viele Fahrgäste sich freiwillig angurten, ist bei Postauto zwar nicht bekannt. Im Linienbetrieb werden sie dennoch nicht auf die Gurte hingewiesen.

Angurten nicht möglich

Einige Linienbusse der Auto AG Rothenburg verkehren zwischen Luzern und Rothenburg über die Autobahn. Eingesetzt werden hierbei reguläre Linienbusse, in denen nicht die Möglichkeit besteht, sich anzugurten. Bei der Auto AG Rothenburg heisst es auf Anfrage, man respektiere die bestehenden Gesetze und wende sie an, weitere Auskünfte wolle man zum Thema nicht erteilen.

Nachgefragt

Wie schützen sich Busspassagiere?

Im öffentlichen Verkehr herrscht keine Gurtenpflicht. Auch für die Beratungsstelle für Unfallverhütung würden die Nachteile eines Obligatoriums den Gewinn an Sicherheit überwiegen. Trotzdem gibt es Tipps für Buspassagiere, wie sie sich schützen können.

Daniel Menna*, muss man sich damit abfinden, dass tragische Busunglücke passieren können?
Daniel Menna: Es geht nicht darum, fatalistisch zu sein. Aber es bestehen immer gewisse Gefahren, und es gibt keine absolute Sicherheit. Wir befinden uns in einem Spannungsfeld zwischen einem Bedürfnis nach Freiheit und einem Bedürfnis nach Sicherheit, welches wiederum Einschränkung bedeutet. Hier gilt es, eine verhältnismässige Mischung zu finden. Nochmals: Man kann nicht auf alle Eventualitäten im motorisierten Verkehr vorbereitet sein.


Wäre eine Gurtentragpflicht im öffentlichen Verkehr kein probates Mittel?
Menna: Beim tragischen Unfall in Endingen geht man anscheinend eher davon aus, dass auch Sicherheitsgurten bei einer seitlichen Kollision nichts gebracht hätten. Gurte sind eine zusätzliche Sicherheitsmassnahme. Aber die Effizienz im öffentlichen Verkehr würde massiv eingeschränkt werden. Wartende Passagiere müssten stehen gelassen werden, sofern keine Sitzplätze mehr frei wären. Ausserdem könnten die Fahrpläne nicht eingehalten werden. Die meisten Postautos in Bergregionen sind mit Gurten ausgerüstet. Witzigerweise sind sie da übrigens obligatorisch, sobald dasselbe Fahrzeug beispielsweise mit einer Hochzeitsgesellschaft unterwegs ist.


Gibt es dennoch Tipps, wie sich Passagiere schützen können?
Menna: Im Linienbus müssen sich die Passagiere sichern und sich an den Stangen festhalten. Man sollte nicht an einer Stange lehnen und gleichzeitig vom Smartphone abgelenkt sein. Denn die Bremsen in diesen Fahrzeugen sind sehr effizient. Aber die Möglichkeiten für die Passagiere sind begrenzt.

* Daniel Menna, Mediensprecher Beratungsstelle für Unfallverhütung BfU