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ÖFFENTLICHER VERKEHR: «Die Tendenz zeigt in Richtung Ausbau, und zwar in allen Regionen»

«Wir müssen im Freizeitverkehr attraktiver werden», sagt Ueli Stückelberger, Direktor Verband öffentlicher Verkehr, und fordert eine Abkehr von der Politik der Tariferhöhungen.
Eva Novak
Ueli Stückelberger, Direktor des Verbands öffentlicher Verkehr, posiert im Bahnhof Bern. (Bild: Jakob Ineichen (7. Juli 2017))

Ueli Stückelberger, Direktor des Verbands öffentlicher Verkehr, posiert im Bahnhof Bern. (Bild: Jakob Ineichen (7. Juli 2017))

Interview: Eva Novak

Ueli Stückelberger, die SBB dünnen ihr Angebot im Fernverkehr erstmals aus und streichen am Abend ein Dutzend Verbindungen im Mittelland. Ist das der Anfang vom Ende des Ausbaus im öffentlichen Verkehr?

Ganz sicher nicht. Das Angebot im ÖV wird weiter ausgebaut, denn bis 2040 wird es gemäss Prognosen des Bundes eine Zunahme der gefahrenen Kilometer um 40 Prozent geben. Das heisst aber nicht, dass das Angebot punktuell nicht auch mal bereinigt würde. Es ist sinnvoll, dass man Verbindungen streicht, wenn die Nachfrage gering ist und es für die Kundinnen und Kunden kaum Nachteile gibt. Die so frei werdenden Mittel können für besser nachgefragte Angebote gebraucht werden.

Die IG Öffentlicher Verkehr spricht von einem «Kahlschlag im Abendverkehr».

Das ist völlig falsch, denn für die Kunden sind noch immer gute Lösungen vorhanden. Sie kommen weiterhin ans Ziel, fahren aber ein bisschen länger oder müssen umsteigen. Wenn ich am späten Abend von Basel nach Bern fahre, muss ich vielleicht in Olten umsteigen. Aber ich mache dies ja nicht täglich zu Randzeiten und bin froh, dass ich zuverlässig nach Hause komme. Wir jammern da auf einem sehr hohen Niveau. Die Tendenz zeigt nicht in Richtung Abbau, sondern Ausbau, und zwar in allen Regionen.

Wie viel soll der nächste Ausbauschritt «Step 2030/35» kosten: 7 oder 12 Milliarden Franken?

Wenn wir die heutigen Engpässe sehen und das erwartete Wachstum sowohl im Personen- wie auch im Güterverkehr, sind wir ganz klar der Meinung: Es braucht einen Ausbauschritt von 12 Milliarden Franken.

In den letzten Jahren ist das Bahnfahren immer teurer

geworden, heuer aber ist der Preisüberwacher bisher nicht aktiv geworden. Werden die Billett- und Abopreise zum kommenden Fahrplanwechsel für einmal nicht steigen?

Das ist möglich. Kommuniziert wird demnächst, ich kann nicht vorgreifen.

Stoppen Sie die Preisspirale?

Das Thema beschäftigt uns sehr. Mit Fabi, der Vorlage zu Finanzierung und Ausbau der Bahninfrastruktur, wollte der Bund die Kundinnen und Kunden stärker an den Kosten des ÖV beteiligen. Dadurch sind die Preise in den letzten Jahren stark gestiegen, was wir als Branche auch mitgetragen haben. Jetzt sind wir aber der Meinung, die stetige Tariferhöhung müsse ein Ende haben. Denn die Strasse ist gleichzeitig nicht teurer geworden, sondern billiger. Diese Kostenschere darf sich nicht weiter öffnen.

Was wollen Sie dagegen tun?

Im Berufs- und Schülerverkehr sind wir sehr gut, die Preise für die Abonnemente sind angemessen. Im Freizeitverkehr aber müssen wir attraktiver werden. Denn dieser Bereich wird immer wichtiger, und die Einzeltickets sind relativ teuer.

Wie will die Branche dieses Problem lösen?

Indem wir etwa Rail-away-Angebote und Sparbillette fördern. Es ist dies eine Daueraufgabe. Einige Züge weisen zu bestimmten Zeiten eine extrem starke Belegung auf. Mit Sparbilletten wollen wir einerseits neue Leute auf den Zug bringen, aber anderseits einen Anreiz schaffen, damit die Leute freiwillig weniger gut gefüllte Züge benützen. Wer dazu bereit ist, fährt um bis zu 50 Prozent billiger.

Das tun aber nur wenige. Haben Sie weitere Ideen?

Wir müssen uns intensiv Überlegungen machen, den ÖV für Jugendliche in der Freizeit attraktiv zu machen. Im Parlament haben wir uns erfolgreich dafür eingesetzt, dass die Mittel für den regionalen Personenverkehr etwas erhöht wurden. Man war bereit, etwas mehr Mittel zu sprechen, um in den nächsten Jahren möglichst eine Tariferhöhung vermeiden zu können.

Der Steuerzahler wird also stärker zur Kasse gebeten?

Wichtig ist: Der Kostendeckungsgrad der ÖV-Unternehmungen steigt von Jahr zu Jahr. Weil aber das Angebot ebenfalls wächst, kostet es halt unter dem Strich doch ein bisschen mehr. Der Gegenwert für die ganze Bevölkerung ist aber auch sehr gross. Das ÖV-Angebot kommt allen zugute.

Der Bund spart immer mehr. ­Fürchten Sie keine Kürzungen?

Wenn die öffentliche Hand zu wenig Mittel hätte, was ich nicht hoffe, dann müsste man darüber diskutieren, ob man geplante Angebotserweiterungen verzögert in Angriff nimmt. Ich gehe nicht davon aus, dass es zu einem Streichprogramm im Angebot kommt. Dafür ist der ÖV zu notwendig und beliebt.

Freut Sie, dass der Bundesrat die Billettpreise in den Stosszeiten nicht erhöhen will und auf Pilotversuche mit Mobility-Pricing verzichtet?

Ja. Wir halten Mobility-Pricing im ÖV nicht für eine geeignete Lösung, um Verkehrsspitzen zu glätten. Die Inhaber von Abonnementen sind unsere zufriedensten Kundinnen und Kunden. Abokunden lassen sich preislich nicht steuern. Die Preise zu Stosszeiten zu erhöhen, macht sie nur unzufrieden. Eine zwangsweise Bestrafung der treusten Kunden kommt nicht gut an. Freiwillige Massnahmen wie Sparbillette oder das Anzeigen der Auslastung der Züge sind viel zielführender.

Sparen können Bahnfahrer mit der neuen App, die den richtigen Preis ausrechnet und erst nachträglich abrechnet.

Wir stecken da mitten in einer rasanten Entwicklung. Die mobilen Billettverkäufe nehmen extrem zu. Es gibt Regionen, in denen schon mehr als die Hälfte der Tickets nicht mehr am Automaten oder am Schalter verkauft wird. In einzelnen Verkehrsverbunden gibt es schon die neue Lösung, dass man nicht mehr vor der Reise ein Billett kaufen muss, sondern beim Ein- und Aussteigen einfach über eine App wischt und der Preis im Hintergrund berechnet wird. Jetzt versucht man, das landesweit anzubieten.

Fürchten Sie keinen Aufschrei wie vor ein, zwei Jahren bei der Einführung des Swiss Pass?

Nein, denn anders als beim Swiss Pass bleibt das bestehende Angebot unverändert. Wir nehmen den Kunden nichts weg, sondern bieten eine neue, zusätzliche Lösung an, welche nur jene annehmen können, die das wünschen. Jene, die ihre Billette wie bis anhin am Automaten lösen wollen, können das weiterhin tun.

Ist die Kritik am Swiss Pass ­inzwischen verstummt?

Ja, im Gegenteil: Jetzt ist er sogar ausgesprochen beliebt. Alle sind ein bisschen stolz auf ihren Swiss Pass, denn er gibt auch ein bisschen Identität. Es gibt viele Angebote für Zusatzdienste. Wir konnten den Swiss Pass schon ein bisschen zur Mobilitätskarte ausbauen, mit der man zum Beispiel Autos und Velos mieten kann. Wir sind offen, mit den unterschiedlichsten Partnern zusammenzuarbeiten.

Wie steht es um die Zusammenarbeit mit Fernbussen? Können diese stark befahrene Strecken entlasten?

Daran glaube ich nicht. Zu den Zeiten, in denen wir die grössten Engpässe haben, ist auch die Strasse überlastet. Es gäbe also einfach eine Verlagerung. Wir verlangen aber nicht, dass man Fern­busse verbietet, sondern fordern gleich lange Spiesse. Sie sollen auch Menschen mit Behinderungen transportieren und Schweizer Löhne bezahlen. Wenn es im Inland einer versuchen will, stehen wir ihm nicht im Weg. Ganz kritisch sehen wir aber die ausländischen Unternehmungen, die mit ausländischen Löhnen hier fahren, Leute aufnehmen und wieder in der Schweiz absetzen. Das geht klar nicht.

Ist dies aktuell das grösste Problem des ÖV?

Man spricht immer von Problemen. Dabei steht der ÖV in der Schweiz wirklich gut da. Wir haben ein gutes Angebot, zufriedene Kunden, die Unterstützung der Politik und finanzielle Mittel – völlig anders als im umliegenden Ausland. Das fordert uns auch heraus, die Kunden wollen ein gutes Angebot, das kontinuierlich verbessert wird. Die grösste Herausforderung ist, kundenfreundliche Antworten auf die neuen Formen der Mobilität und Digitalisierung zu finden, mit Wertschöpfung in der Schweiz. Und dafür zu sorgen, dass der ÖV bezahlbar bleibt.

Hinweis

Der Jurist Ueli Stückelberger (48) ist der Direktor des Verbands öffentlicher Verkehr (VöV).

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