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EPFL-Professor Matthias Finger: «Ohne den Léman Express käme es bald zum Kollaps»

Matthias Finger ist Professor für Management von Netzwerkindustrien an der ETH Lausanne. Der renommierte Verkehrsexperte wohnt selbst im Ballungsraum Gross-Genf und hält das öV-Projekt für wegweisend. Er sagt, weshalb er ihn selber aber dennoch nicht benutze wird.
Benjamin Weinmann aus Genf
EPFL-Professor Matthias Finger (Bild: people.epfl.ch)

EPFL-Professor Matthias Finger (Bild: people.epfl.ch)

Wie wichtig ist der „Léman Express“ für die Genfersee-Region?

Matthias Finger: Er ist absolut zentral. Denn die Region ist nahe am Verkehrskollaps, weil sie in den letzten Jahren massiv gewachsen ist. Hinzu kommen die Hunderttausenden Grenzgänger, die täglich von der Waadt und vor allem von Frankreich nach Genf im Auto zur Arbeit fahren. Ich selber gehöre auch dazu.

Wie lange dauert Ihre Autofahrt von St. Julien (F) nach Lausanne?

Wenn ich um 6 Uhr los fahre, dann dauert es eine Stunde, um 6.15 Uhr eineinhalb und um 6.30 bereits zwei Stunden.

Also werden Sie ab Dezember auf den „Léman Express“ umsatteln?

Nein, und hier liegt das Grundproblem, das auch der Léman Express nicht lösen kann. Zahlreiche Regionen auf der französischen Seite sind noch immer viel zu wenig an den öV angebunden. Von der französischen Stadt Annecy zum Beispiel fährt der Léman Express einen Umweg nach Genf, dort werden die Leute weiterhin das Auto nehmen. Vielerorts bleibt der Stau.

Weshalb baut Frankreich das öV-Netz nicht aus?

Vieles hat mit den Finanzen zu tun. Viele der Bewohner im grenznahen Frankreich arbeiten wie gesagt in der Schweiz und bezahlen hier ihre Quellensteuer. Was dazu führt, dass die französischen Gemeinden nahe Genf zu wenig Geld haben, um in ein gutes Bus- und Tramnetz zu investieren. Und von Paris erhalten diese Randregionen zu wenig Unterstützung, obwohl sie viele wichtige Arbeitsplätze haben. Die französische Staatsbahn ist zudem hoch verschuldet und konzentriert sich auf ihre Hochgeschwindigkeitsstrecken.

Also ist der „Léman Express“ nur ein Tropfen auf den heissen Stein?

Nein, das nicht. Er entschärft das heutige Verkehrsproblem deutlich und schafft Abhilfe für die dringendsten Probleme. Ohne ihn käme es bald zum Kollaps. Aber er löst nicht alles, und die Region wächst weiter. Es bräuchte viel mehr grenzüberschreitende Busse der Genfer Verkehrsbetriebe. Doch da kommt die Lokalpolitik ins Spiel. Und zwischen den Grenzregionen und Genf gibt es halt auch einige Animositäten.

In Genf sind die Grenzgänger, die so genannten Frontaliers, nicht bei allen beliebt.

Genau, die Ausländerfeindlichkeit spielt auch eine Rolle. Wobei man nicht vergessen darf, dass viele dieser Frontaliers Schweizer sind, die sich eine Wohnung im teuren Genf schlicht nicht mehr leisten können.

Wo stufen Sie das Projekt von der Bedeutung her ein in der jüngeren SBB-Geschichte?

Der Gotthard-Basistunnel bleibt das bedeutendste nationale Projekt. Aber der „Léman Express“ ist das grösste grenzüberschreitende Projekt. Alle sind beteiligt: Die Schweiz, Frankreich, beide Staatsbahnen, der Kanton, die französischen Randregionen. Rein finanziell kommt es die SBB alleine nicht so teuer wie andere Projekte. Aber von der Idee her, mit dem grenzüberschreitenden Betrieb, ist der „Léman Express“ innovativer als der Gotthardtunnel.

Und international betrachtet?

In Dänemark und Schweden gibt es ein vergleichbares Konzept zwischen Kopenhagen und Malmö, aber nur mit einer Linie. Auch der Grenzverkehr in Basel funktioniert nicht schlecht. Der „Léman Express“ ist aber um ein Vielfaches grösser. Die EU hat finanziell auch etwas beigetragen. Von meiner Arbeit mit EU-Behörden weiss ich, dass die EU sehr genau nach Genf schaut, denn der „Léman Express“ hat Vorzeigecharakter und könnte für andere Projekte in Europa wegweisend sein.

Zürich erhielt vor 30 Jahren eine S-Bahn. Kann Genf diesen Rückstand aufholen??

Schwierig zu sagen. Hinzu kommt, dass die Autokultur der Genfer vieles zerstört hat, denn in den 30er-Jahren hatte die Stadt das dichteste Tramnetz der Welt. Dann wurde es aber zugunsten der Autos praktisch aufgegeben. Zudem haben die SBB traditionell mehr in der Deutschschweiz investiert. Die Stadt will das ändern und hat Pläne für deutlich mehr Tramlinien. Man müsste das viel radikaler angehen. An sich bräuchte es eine Metro und eine autofreie Genfer Innenstadt, aber das ist politisch unrealistisch.

Die Bahnhöfe Lausanne und Genf werden in den kommenden Jahren zusätzlich massiv ausgebaut. Wie lange reicht diese Infrastruktur aus?

Vielleicht für die nächsten zehn bis fünfzehn Jahre. Aber wegen des starken Bevölkerungswachstums bleibt die Region eine permanente Baustelle. Heute wohnen im so genannten „Gross Genf“ rund eine Million Menschen. In den nächsten 20 Jahren dürfte sie die 2-Millionen-Grenze knacken, da die einzelnen Gemeinden und Städte zwischen Lausanne, Genf und Frankreich zunehmend verschmelzen.

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