Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Olympische Winterspiele im Wallis – ein Tanz am Abgrund

Die Regierung beteuert, die Olympischen Winterspiele seien gut für die Region. Doch viele Walliser glauben ihr nicht. Die Kandidatur droht in neun Tagen am Volk zu scheitern.
Pascal Ritter
Pirmin Zurbriggen auf dem Matterhorn. (Bild: Valentin Flauraud/Keystone (8. Februar 2018))

Pirmin Zurbriggen auf dem Matterhorn. (Bild: Valentin Flauraud/Keystone (8. Februar 2018))

Adolf Ogi hat schon aufgegeben. Nachdem er zwei Tage im Wallis verbracht hatte, sagte er am Telefon: «Im Wallis ist kein olympischer Geist zu spüren.» Im Westschweizer Fernsehen meinte er schon am 11. Mai: «Wenn wir heute Abend über Olympia 2026 abstimmen würden, käme ein Nein heraus.» Ogi ist ein gebranntes Kind. Wie ein Löwe kämpfte der damalige Sportminister schon vor zwei Jahrzehnten darum, die Olympischen Spiele ins Wallis zu holen. Damals herrschte im Tal eine Begeisterung, die blind – oder zumindest taub – machte. Als die Stimme von Juan Antonio Samaranch per Lautsprecher auf den Place de la Planta in Sion übertragen wurde, meinten die versammelten Sittener, «Sion» zu hören, und rissen die Arme in die Höhe. Doch der damalige Präsident des Olympischen Komitees (IOC) hatte «Torino» gesagt. Ernüchterung breitete sich aus auf dem grossen Platz vor dem Walliser Rathaus.

Olympia und die Hanflegalisierung

Einundzwanzig Jahre später steht Fernande Bolli (77) auf dem Place de la Planta und erinnert sich: «Ich war damals eine überzeugte Befürworterin von ‹Sion 2006›», sagt die pensionierte Lehrerin. Doch am 10. Juni, wenn die Walliser Stimmberechtigten um 100 Millionen für «Sion 2026» gebeten werden, wird sie ein «Nein» einlegen. «Ich möchte meinen sechs Enkeln und drei Kindern keine Schulden hinterlassen», sagt sie. Den Beteuerungen der Walliser Regierung, es werde keinen Schuldenberg geben, glaubt sie nicht.

Tage der Entscheidung

Am Sonntag, 10. Juni, stimmen die Walliser Stimmberechtigten über einen Kredit von 100 Millionen Franken ab. 60 Millionen sind für «dauerhafte Infrastrukturbauten» reserviert. 40 Millionen sollen für die Sicherheit während der Spiele ausgegeben werden. Eine erste Olympia-Abstimmung gibt es bereits am 8. Juni. Dann befindet die Gemeindeversammlung von Kandersteg über einen Kredit von 1,5 Millionen Franken. Im Berner Oberländer Dorf sollen die Nordische Kombination und das Skispringen auf der Normalschanze stattfinden. Nötig sind ein neuer Sprungrichterturm und eine temporäre Zufahrtsstrasse. Bei einem Nein könnte man auf Engelberg OW ausweichen. (pr)

Bolli ist nicht die Einzige, die ihre Meinung geändert hat. Am 8. Juni 1997 stellten sich noch 67 Prozent der Stimmenden hinter eine Walliser Kandidatur. Das Wallis war von einer Sporteuphorie ergriffen. Am Mittwoch vor der Abstimmung war der FC Sion zum ersten Mal Schweizer Fussballmeister geworden, und am Abstimmungssonntag holte der Verein im Cupfinal sogar das Double. Diese Saison ist der FC Sion gegen einen Erstligisten aus dem Cup geflogen, in der Meisterschaft dümpelt er im Mittelfeld. Eine Umfrage geht davon aus, dass eine Mehrheit der Walliser Nein zu Olympia sagen wird.

Peter Bodenmann (66) kann seine Schadenfreude kaum verbergen. Der ehemalige SP-Präsident, der als erster Sozialdemokrat in die Walliser Regierung gewählt wurde, sitzt im Restaurant seines Hotels in Brig, einem in die Jahre gekommenen Betonbau, und macht gleich klar: Er hat es schon immer gesagt. Bodenmann kann seine Behauptung belegen. Das Dokument trägt den Titel «Kleiner Input in Sachen Olympische Spiele 2026 zwecks Realisierung vorgezogener Vermächtnisse». Schon in der Einleitung denkt er darüber nach, wann das Projekt stirbt. «Im Parlament? Bei der Volksabstimmung im Wallis? Vor dem Olympischen Komitee?» In der Durchführung der Spiele sah Bodenmann eine Strafe für das Wallis.

Der kleine Input war in Wahrheit ein grosser. Hätten die Olympia-Promotoren auf Peter Bodenmann gehört, würden die Walliser am übernächsten Sonntag nicht nur über einen 100-Millionen-Beitrag, sondern auch über die Installation von modernsten Handyfunkzellen, selbstfahrende Elektrobusse und die Hanflegalisierung abstimmen.

So absurd die Verknüpfung von Hanflegalisierung und Olympia wäre, sie hat einen Vorläufer. Als es um die Kandidatur für das Jahr 2006 ging, war Bodenmann Staatsrat und schwieg, obwohl er dagegen war. Als Gegengeschäft setzte er durch, dass Neubauten des Kantons den Minergiestandard erfüllen müssen. Das Wallis war der erste Kanton, der sich dazu verpflichtete. Die Olympia-Kandidatur bekam auf diese Weise einen grünen Anstrich und Bodenmann einen politischen Erfolg. Dass er dieses Mal mit der Hanflegalisierung ein politisch völlig unrealistisches Anliegen mit Olympia verknüpfen wollte, sagt vieles über die Gegner der Olympischen Spiele. Ihre Kritik ist fundamental. Es geht vielen nicht in erster Linie um einzelne Schwächen der Kandidatur, etwa finanzielle Risiken oder unnötige Bauten. Einige linke und grüne Walliser wollen aus Prinzip keine Olympischen Spiele in ihrem Kanton. Weil sie das Olympische Komitee für korrupt halten oder weil sie prinzipiell gegen Grossveranstaltungen sind.

Fackelträger Zurbriggen

Um Olympia-Euphorie zu finden, muss man die Miesepeter im Tal zurücklassen. Tausend Höhenmeter weiter oben und ein paar Spitzkehren weiter hinten ist die Welt eine andere.

Zermatt ist eine Art Monaco der Alpen. Auch in der Zwischensaison, wenn kaum ein Hotel geöffnet ist, strömen Touristen aus Indien, China oder Japan an der Bergstation aus den Eisenbahnwagen und stehen sich in teuren Uhrenläden auf die Füsse. Die Touristen kommen hierher wegen des Matterhorns. Das pyramidenförmige Wahrzeichen der Alpen gehört wie der Eiffelturm oder der Big Ben zu den Top-Sehenswürdigkeiten für Europareisende aus Übersee. Und wenn nicht gerade eine Nebelwand vor dem «Horu» hängt, kann man den Berg durch das Fenster der Olympia-Suite im Hotel von Pirmin Zurbriggen (55) sehen. Der ehemalige Skifahrer ist spätestens seit er 1988 an den Olympischen Winterspielen in Calgary die Abfahrt gewonnen hat, ein Volksheld. Wer nie selber mit der Schweizer Fahne eingelaufen sei, verstehe nicht, was es bedeute, an Olympischen Spielen teilzunehmen, sagt Zurbriggen. «Da zittern dir die Knie.» Er träumt davon, die Spiele in seine Heimat zu holen.

Für diesen Traum legt er sich ins Zeug. Am 8. Februar, als im südkoreanischen Pyeongchang die diesjährigen Winterspiele eröffnet wurden, liess sich Zurbriggen von einem Helikopter auf das Matterhorn fliegen, um dort auf 4478 Metern das olympische Feuer zu entzünden. Spektakuläre Bilder zeigen Zurbriggen mit einer Fackel und einer brennenden Tonne. Statt damit das olympische Feuer auch in den Herzen seiner Landsleute zu entfachen, löste er einen Sturm der Entrüstung aus. Helikopterflüge seien das Gegenteil von Nachhaltigkeit, hiess es. Andere vermuteten Schleichwerbung, weil auf der brennenden Tonne, die Zurbriggen spontan vom Helikopterstartplatz mitgenommen hatte, ein Firmenlogo zu sehen war. Seriöse Kritik und Stimmungsmache vermischten sich. Zurbriggen nimmt die Kritik gelassen. «Die Gegner finden immer irgendeinen Skandal», sagt er und lächelt. Der Hotelier Zurbriggen möchte durch die Olympischen Spiele das Wallis in der ganzen Welt bekannt machen und schielt dabei auf Touristen aus China oder Indien. Schon heute steigen ein paar von ihnen bei Zurbriggen ab. Die Begeisterung in ihren Augen, wenn sie realisieren, dass ihr Gastgeber Olympiasieger ist, zeigt für ihn die Strahlkraft der Spiele. Den Umfragen traut Zurbriggen nicht. Nur weil die Gegner im Moment lauter seien als die Befürworter, seien sie nicht unbedingt in der Mehrheit.

Constantins Büchlein

Der kernige Zurbriggen wirkt glaubwürdig, seine Argumente sind entwaffnend. Er nimmt weder das Olympische Komitee noch seine Sportlerkollegen in Schutz. Korruption und Doping seien leider eine Realität im Sport. Man dürfe sich davon nicht entmutigen lassen. «Wir können zeigen, dass es auch anders geht», sagt er. Zurbriggen ist für die Olympia-Promotoren ein Glücksfall. Denn die Nichtsportler, die sich bisher für die Spiele einsetzten, bewiesen vor allem ein Talent. Das, in Fettnäpfchen zu treten.

Jean-Philippe Rochat und Christian Constantin zogen sich nach Skandalen aus dem Organisationskomitee zurück. Des einen Anwaltskanzlei tauchte im Zusammenhang mit den Panama Papers auf, der andere verprügelte vor laufender Kamera den Fussballexperten Rolf Fringer.

Constantin, umtriebiger Bauunternehmer und Präsident des FC Sion, versucht, den Schaden mit Worten gutzumachen. Er liess allen Wallisern ein Büchlein in den Briefkasten legen mit dem Titel «Ich möchte Ihnen etwas sagen». Constantin fleht darin mit Pathos die Bevölkerung an, Ja zu sagen. Bevor er zu einer Lobeshymne auf das Wallis und den sportlichen Nachwuchs anhebt, will er seinen Kritikern den Wind aus den Segeln nehmen. «Sie werden jetzt sagen, der Constantin will uns umgarnen, dass wir Ja sagen zu seinen Olympischen Spielen und er seine Bauten aufstellen und noch mehr verdienen kann. Aber nein, darum geht es nicht.»

Ob Constantins Worte die Menschen überzeugen, wird sich in zehn Tagen zeigen. Seine Mission nicht gerade erleichtert hat die Westschweizer Sonntagszeitung «Le Matin Dimanche». Sie zeichnet Constantin zuletzt als römischen Kaiser, der das Wallis wie einen Klientelstaat regiert. Und mit Constantin kommt die ganze Walliser Elite unter Druck. Der «Nouvelliste» stellt in der Bevölkerung einen Argwohn gegenüber den Institutionen fest. Es ist dieser Argwohn, den auch die pensionierte Lehrerin Fernande Bolli aus Sion spürt. Er könnte dazu führen, dass die Walliser dieses Mal ihren Traum von Olympia selber platzen lassen.

Immer wieder gescheitert

1968
Roger Bonvin (CVP), der Stadtpräsident von Sion und spätere Bundesrat, lancierte die Idee einer Kandidatur für die Olympischen Winterspiele 1968. Schon damals war die Bevölkerung aber zutiefst gespalten. Am 8. Dezember 1963 scheitert die Idee bei einer Volksabstimmung im Wallis dann knapp an der Urne.

1976
Beim zweiten Versuch rauften sich die Walliser zusammen. Auch das Oberwallis, das die Kandidatur von 1968 noch abgelehnt hatte, sprach sich nun für Winterspiele 1976 aus. Im Juli 1969 hiessen die Walliser einen Kredit über 10 Millionen gut. Die Delegierten des Olympischen Komitees (IOC) entschieden sich schliesslich für Denver (USA).


2002
Die Walliser Olympia-Fans liessen sich von der Niederlage nicht entmutigen. Und sie wussten das Volk hinter sich. Die Walliser sagten mit 61 Prozent Ja zu einer Defizitgarantie über dreissig Millionen Franken. Doch die Kandidatur scheiterte erneut an den Delegierten des IOC. Diese gaben am 16. Juni 1995 Salt Lake City (USA) klar den Zuschlag.

2006
Eine Woche nach der Niederlage von 1995 fasste das Walliser Kantonsparlament einen dringenden Beschluss, eine Kandidatur für 2006 zu unterstützen. 67 Prozent der Stimmenden stellten sich am 8. Juni 1997 hinter die Kandidatur. Bundesrat Adolf Ogi legte sich mächtig ins Zeug. Es nützte alles nichts. Das IOC vergab die Spiele an Turin.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.