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ORGANSPENDEN: «Schweizer sind nicht spendeunwillig»

Bis zu 100 Menschen sterben pro Jahr in der Schweiz, weil sie nicht rechtzeitig ein Spenderorgan erhalten. Das liegt laut Swisstransplant nicht unbedingt am Unwillen der Schweizer.
Interview Andrée Stössel
Ein Arzt transportiert während einer Nierentransplantation im Universitaetsspital Basel das kurz zuvor entnommene Organ fuer die Implantation in den benachbarten Operationssaal. (Bild: Keystone)

Ein Arzt transportiert während einer Nierentransplantation im Universitaetsspital Basel das kurz zuvor entnommene Organ fuer die Implantation in den benachbarten Operationssaal. (Bild: Keystone)

Dominique Trachsel, im vergangenen Jahr haben gut 450 Menschen in der Schweiz ein neues Organ erhalten. 1200 warten immer noch. Wieso?

Dominique Trachsel*: Das hat verschiedene Gründe. Zum Beispiel fehlt es in der Schweiz eindeutig an den nötigen Strukturen, aber auch an den Ressourcen und am Know-how in den Spitälern. Oft werden potenzielle Spender vom medizinischen Personal nicht als solche erkannt. Da braucht es mehr Sensibilisierung und Ausbildung, ein besseres Qualitätsmanagement und auch finanzielle Mittel: Es gibt noch immer Menschen, die ehrenamtlich Aufgaben im Gesundheitswesen übernehmen.

In der Schweiz leben fast 8 Millionen Menschen. Und nur 96 Menschen wurden im letzten Jahr Organspender. Das sind 12 Personen pro 1 Million Einwohner. Wieso spenden nicht mehr?

Trachsel: Zum einen setzt sich der Mensch nicht gerne mit seiner eigenen Endlichkeit auseinander. Zum anderen müssen Sie sich einmal in die Lage eines Menschen versetzen, der gerade einen nahen Angehörigen verloren hat oder – zum Beispiel im Falle eines Hirntods – im Begriff ist zu verlieren. Da kommt ein Arzt auf Sie zu, der Sie über die Möglichkeiten einer Organtransplantation aufklärt. Und Sie sollen in dieser Situation auch noch im Sinne des Ablebenden über dessen Organe entscheiden. Da braucht es beim medizinischen Personal enorm viel Fingerspitzengefühl und umfassende Kenntnisse, um transparent informieren zu können.

Dennoch: In Spanien, Österreich, Frankreich und Italien ist die Spenderate etwa doppelt so hoch wie in der Schweiz.

Trachsel: Schweizer sind nicht per se spendeunwillig. Wir gehen davon aus, dass 50 Prozent der Schweizer Bevölkerung unentschlossen ist, ob sie im Todesfall für oder gegen eine Transplantation wäre. Viele sind unsicher, wissen einfach nicht, wie das Ganze abläuft oder an welche Stellen sie sich wenden müssen. Da braucht es mehr Aufklärungsarbeit. Spanien hat während Jahren Ressourcen investiert, Strukturen und Know-how aufgebaut und Prozesse optimiert und standardisiert.

In der Schweiz gibt es eine Liste mit Menschen, die ein Organ benötigen. Wie wird entschieden, wer wann ein Organ erhält?

Trachsel: Es gibt ganz klare Kriterien. Zuerst hängt es von der medizinischen Dringlichkeit ab. Der medizinische Nutzen ist ebenso relevant: Was bringt die Transplantation letztendlich? Zudem müssen verschiedene Kriterien wie die passende Blutgruppe erfüllt sein. Kinder haben zudem andere Prioritäten als Erwachsene, denn Kinderorgane sind seltener. Man kann praktisch davon ausgehen, dass ein Kind auf der Liste ein ausländisches Organ bekommen wird.

Welche Organe werden am nötigsten gebraucht?

Trachsel: Am nötigsten sind grundsätzlich die vitalen Organe wie Herz, Leber oder Lungen. Aber auf der Warteliste gibt es am meisten Menschen, die auf eine Niere warten. Die Gründe für ein Nierenversagen sind vielseitig. So können zum Beispiel Diabetes oder Bluthochdruck oder auch eine Infektion die Nierenfunktion schädigen und eine Transplantation nötig machen. Es kann also jeden treffen.

Woher kommen die Organe, die in der Schweiz transplantiert werden?

Trachsel: Zum einen kommen sie aus der Schweiz. Und wir haben mit Frankreich einen guten Partner, von dem wir hin und wieder Organe beziehen können. Aber auch aus Polen und Spanien hat es schon Angebote gegeben. Es warten jedes Jahr über tausend Patienten auf der Warteliste, und wir haben 80 bis 100 Spender pro Jahr. Das heisst, dass die Wahrscheinlichkeit, Spender zu werden, sehr viel kleiner ist als die Tatsache, einmal ein Organ zu benötigen. Eigentlich sollten wir uns alle zuerst die Frage stellen, ob wir ein Organ annehmen möchten, und uns erst nachher Gedanken machen, ob wir Organspender werden wollen.

Es gibt Berichte, dass in China Häftlingen Organe entfernt werden. Wie wird in der Schweiz die Unbedenklichkeit ausländischer Organe überprüft?

Trachsel: Swisstransplant arbeitet nur mit nationalen Zuteilungsstellen zusammen, die dieselben gesetzlichen Grundlagen haben wie die Schweiz.

In der Schweiz ist jedes Organ unentgeltlich, Kosten für Empfänger und Spender werden durch die Grundversicherung der Krankenkasse des Empfängers abgerechnet. Was würde sich ändern, wenn Spender oder Hinterbliebene Geld für Organe bekommen würden?

Trachsel: Man würde Organhandel favorisieren und einer gewissen Kriminalität die Tür öffnen. Organhandel in der Schweiz schliesse ich heute aus; die Kontrollen sind dermassen strikt, dass Betrug praktisch unmöglich ist. Es ist auch nicht möglich, dass eine reiche Person aus dem Ausland bevorzugt behandelt wird.

In Deutschland gab es jüngst Skandale, weil Ärzte Empfängerlisten angepasst haben.

Trachsel: Auch das kann in der Schweiz nicht passieren, weil wir andere Kontrollmechanismen haben.

Wer kann in der Schweiz zum Spender werden?

Trachsel: Potenziell sind wir alle Spender. Und grundsätzlich kann jeder Patient, der hirntot ist, zum Spender werden. Einem Menschen können bis zu sieben Organe für Transplantationen entnommen werden. Auch Lebendspenden – etwa bei Nieren – sind möglich. Das Alter ist nicht unbedingt massgebend: Wir hatten zum Beispiel im letzten Jahr einen 88-jährigen Spender. Was die ethisch-religiösen Bedenken betrifft: Bis auf einige wenige buddhistische Richtungen befürworten die Weltreligionen Organtransplantationen.

Auf politischer Ebene wird in der Schweiz die Widerspruchslösung diskutiert (siehe Box). Das heisst, dass jeder Mensch, der sich nicht explizit gegen eine Organentnahme ausspricht, nach seinem Ableben zum potenziellen Spender wird. Wie steht Swisstransplant dazu?

Trachsel: Die Widerspruchslösung allein reicht nicht. Sie muss mit anderen Massnahmen kombiniert werden. Insbesondere braucht es ein Register für jene Menschen, die nicht spenden möchten. Die Bevölkerung müsste weiterhin umfassend informiert werden, um die nötige Entscheidungsgrundlage zu haben. Und Strukturen, Abläufe und Finanzierung müssten ebenso gewährleistet sein.

Hinweis

* Dominique Trachsel ist Medienbeauftragte von Swisstransplant, der nationalen Zuteilungsstelle für Organe.

Wer Organspender werden will, kann auf der Website von Swisstransplant online einen Spenderausweis ausfüllen und ausdrucken: www.swisstransplant.ch

Telefonische Bestellung der Organspenderkarte unter 0800 570 234 (gratis).

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