OSTERN: «Wer verzeiht, ist offen für die Zukunft»

Kardinal Kurt Koch über die Bedeutung der Auferstehung und des Kreuzes für das Christentum. Und über die Schwierigkeit des Verzeihens und Vergebens.

Interview Dominik Straub, Rom
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«Auferstehung bedeutet, dass das Leben stärker ist als der Tod»: Kardinal Kurt Koch. (Bild Manuela Jans)

«Auferstehung bedeutet, dass das Leben stärker ist als der Tod»: Kardinal Kurt Koch. (Bild Manuela Jans)

Kurt Koch, ähnlich wie bei Weihnachten, wo die Geschenke für viele das Wichtigste sind, sind auch bei Ostern weltliche Aspekte in den Vordergrund getreten. Was bedeutet Ostern aus heutiger Sicht spirituell?

Kurt Koch*: Ostern ist das wichtigste Fest der Christenheit, weil es das Fundament des christlichen Glaubens ist. Ursprünglich konnten die Christen ohne Weihnachtsfest, nicht aber ohne Ostern leben. Die alte Kirche lebte in der Überzeugung: «Nimm die Auferstehung hinweg, und auf der Stelle zerstörst du das Christentum.»

Wie ist die Auferstehung zu verstehen? Wörtlich? Oder symbolisch, etwa als Neustart nach der vermeintlichen Katastrophe am Kreuz, als Beginn der christlichen Kirche?

Koch: Die Auferstehung ist ganzheitlich zu verstehen: Gott hat den Menschen als Ganzes erschaffen und will ihn auch so vollenden. Auferstehung bedeutet, dass das Leben stärker als der Tod und damit auch die Liebe stärker als die Gewalt ist. Ostern ist das Fest des Lebens.

Wie kann die Idee der Auferstehung in unser heutiges, modernes Leben gerettet werden?

Koch: Der Glaube an die Auferstehung schenkt uns vor allem eine neue Einstellung zur Zeit. Die deutsche Soziologin Marianne Gronemeyer hat es einmal so ausgedrückt: Früher lebten die Menschen vierzig Jahre plus ewig, heute leben sie nur noch neunzig Jahre; und dies ist ungemein viel kürzer. Der Glaube an das Leben über den Tod hinaus schenkt uns die Überzeugung, dass das jetzige Leben nicht gleichsam die letzte Gelegenheit ist, sondern das Leben letztlich auch über den Tod siegt.

Hat auch die Kirche eine Auferstehung nötig?

Koch: Ja, natürlich! Die Kirche hat als Ganzes wie jeder einzelne Getaufte am Geheimnis von Tod und Auferstehung Jesu Christi teil. Es gibt auch in der Kirche Todessituationen, aber auch neue Ostererfahrungen.

Das Kreuz ist immer noch das zentrale Symbol für das Christentum. Ist es im 21. Jahrhundert noch zeitgemäss, den Opfertod Jesu als zentralen Glaubensinhalt zu betonen?

Koch: Die Kreuzigung war bei den Römern die brutalste Hinrichtungsart und von daher ein Zeichen von Gewalt, die von aussen auf den Menschen zukommt. Jesus aber hat diese Gewalt von innen her zu seiner Lebenshingabe in Liebe umgewandelt. Das Kreuz ist deshalb nicht nur das Zeichen der Gewalt der Menschen, sondern auch das Zeichen der grössten Liebe, die Gott für uns Menschen hat. Denn wer von Gott bis in den Tod hinein geliebt wird, darf sich wirklich geliebt wissen.

Das Kreuz betont auch die Sündhaftigkeit des Menschen und das schlechte Gewissen, was wiederum ein Machtfaktor der Kirche war.

Koch: Wenn das Kreuz Jesu und das Gewissen der Menschen als Machtfaktoren benutzt werden, handelt es sich um Pervertierungen des christlichen Glaubens. Das Kreuz ist ja gerade das Zeichen der grössten Ohnmacht der Liebe Gottes, die sich freilich als die grösste Macht erweist. An dieser Botschaft der grenzenlosen Liebe Gottes wird erst sichtbar, was Sünde ist, nämlich das Verweigern dieser Liebe.

Im Kontext mit Ostern sind auch die Stichworte «Verzeihen» und «Barmherzigkeit» wichtig. Inwiefern stehen sie in Zusammenhang mit dem Tod Jesu und seiner Auferstehung?

Koch: Das erste Geschenk, das in der Sicht des Johannes-Evangeliums der auferstandene Christus seinen Jüngern macht, sind der Friedensgruss und die Vergebung der Sünden. Gottes Barmherzigkeit besteht im Kern darin, dass er jedem Menschen immer wieder einen Neuanfang ermöglicht, ihn nicht bei seiner Vergangenheit behaftet, sondern ihm Verzeihen schenkt.

Es gibt ja auch den therapeutischen Aspekt des Verzeihens, der schon in ganz kleinen Dingen wirkt. Man kann sich über jemanden aufregen – oder ihm nach kurzer Zeit innerlich verzeihen.

Koch: Verzeihen ist zwar nicht immer leicht. Mit Recht reden Psychologen von Versöhnungsarbeit. Doch Verzeihenkönnen ist ein wesentlicher Weg zur seelischen Gesundheit. Wer verzeiht, bleibt nicht im Vergangenen verhaftet, sondern wird offen für die Zukunft.

Mitunter erweist sich die Aussicht auf die Vergebung der Sünden als fatal: Regeln werden nicht mehr ernst genommen, da deren Verletzung ja später vergeben wird. Das ist ja wohl kaum der Sinn des christlichen Vergebungsgedanken?

Koch: Wenn Sündenvergebung zur Gleichgültigkeit des Laissez-faire führt, ist ihr Ernst gerade nicht erfasst. Sie will vielmehr zur Umkehr führen und schliesst die Bereitschaft ein, sein Verhalten in Zukunft zu ändern. Wenn Jesus im Evangelium zur Ehebrecherin sagt: «Auch ich verurteile dich nicht. Geh hin und sündige nicht mehr», ist eben beides ernst zu nehmen.

Wie verbringen Sie selber die Osterwoche? Gibt es in Rom auch Feierlichkeiten abseits von Gottesdiensten?

Koch: Am Hohen Donnerstag feierte ich den Gottesdienst in einer deutschsprachigen Gemeinschaft. Ansonsten nehme ich an den Gottesdiensten des Papstes in der St.–Peters-Basilika teil.

«Franziskus weiss sich in der Tradition von Benedikt XVI.»

Franziskus ging am Gründonnerstag ins Römer Jugendgefängnis Casal del Marmo, um bei einer Messe den jugendlichen Insassen die Füsse zu waschen. Was sagt uns das über den neuen Papst?

Kurt Koch: Zunächst zeigt uns dies, dass sich Franziskus in der Tradition von Benedikt XVI. weiss, der im Jahr 2007 ebenfalls dieses Jugendgefängnis besucht hat. Ich empfinde es als sehr schönes Zeichen, dass der Papst gerade am Hohen Donnerstag ins Gefängnis zu den jungen Menschen geht, die gerne vergessen werden. Als Christen müssen auch wir lernen, anderen die Füsse – und nicht die Köpfe – zu waschen.

Steht die Kirche mit einem Papst, der sich mit seinem Namen auf Franz von Assisi beruft, vor einer Phase der Bescheidenheit? Und ist dies vielleicht der wahre Grund für die Begeisterung, die Franziskus ausgelöst hat?

Koch: Sicher spricht die Art und Weise, wie sich der neue Papst gibt, viele Menschen an. Auch mich hat schon sein erster Auftritt nach seiner Wahl, als er sich vor den Gläubigen auf dem Petersplatz verneigte und sie bat, für ihn zu beten, sehr beeindruckt. Das war ein sehr starkes Zeichen. Vieles, was jetzt bei Papst Franziskus fasziniert, ist freilich nicht so neu. Denn auch Papst Benedikt XVI. war ein sehr demütiger Papst und bescheidener Mensch. Wenn es Papst Franziskus gelingt, die Kirche als Ganzes zu mehr Bescheidenheit zu führen, ist dies gewiss positiv.

Mit der Wahl eines Argentiniers haben die Kardinäle – und damit auch Sie – sich für eine geopolitische Neuausrichtung der Kirche entschieden, auch für andere Schwerpunkte. Wie wichtig war die Herkunft des Papstes, was bedeutet sie für die Kirche?

Koch: Ich hatte schon vor dem Konklave meinen Wunsch zum Ausdruck gebracht, dass wir uns diesmal über Europa hinaus nach Südamerika oder Afrika orientieren sollten. Während des Konklaves war ich dann selbst erstaunt, wie die Wahl immer deutlicher auf Kardinal Bergoglio zulief, zumal wenn man bedenkt, dass eine Zweidrittelmehrheit notwendig gewesen ist. Ich halte die Wahl für ein gutes Zeichen für unsere Kirche, in der die Mehrheit der Katholiken in Lateinamerika lebt.

War bei den Diskussionen in den Generalkongregationen auch die argentinische Herkunft des Papstes ein Thema? Immerhin birgt sie das Risiko, dass plötzlich unschöne Verbindungen Bergoglios mit der Militärdiktatur ans Tageslicht kommen.

Koch: Für Menschen, die keine Erfahrung von Diktaturen haben, dürfte es nicht leicht sein, über das Verhalten von Menschen in einer Militärdiktatur zu urteilen. Wie ein Mensch unter solchen Bedingungen seine Ablehnung der Diktatur äussert und zugleich seine Verantwortung gegenüber seinen Schutzbefohlenen, die er nicht gefährden darf, wahrnimmt, kann einer quälenden Gratwanderung gleichkommen.

Der neue Papst hat letzten Samstag seinen Vorgänger besucht. Ist das Nebeneinander zweier Päpste nicht gewöhnungsbedürftig?

Koch: Ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass sich Benedikt zurückhalten wird. Es wird nicht «zwei Päpste» und schon gar keinen «Gegenpapst» geben. Die Herzlichkeit dieser Begegnung ist für mich ein weiteres Anzeichen dafür, dass es nicht zu Konflikten kommen wird.

Ist sie auch Zeichen für inhaltliche Kontinuität bei strittigen Fragen wie Frauenordination oder Sexualmoral?

Koch: Man wird sehen, welche Akzente Papst Franziskus in seinem Pontifikat setzen wird, zumal er aus einem anderen Kontinent mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Herausforderungen stammt. Die bisherigen Ansprachen und Predigten von Papst Franziskus zeigen freilich auch eine grundlegende Kontinuität mit dem Lehramt von Benedikt.

Werden also Vatikankritiker, die sich diesbezüglich eine Öffnung wünschen, mit Franziskus enttäuscht werden?

Koch: Papst Franziskus wird gewiss nicht alle Erwartungen erfüllen. Es wäre auch nicht gut, wenn er dies im Alleingang täte. Meine Hoffnung richtet sich vor allem darauf, dass das Verhältnis zwischen der Kirchenleitung in Rom und den Ortskirchen in neuer Weise ausbalanciert werden wird. Dies erfordert freilich auch von der Kirche in der Schweiz und überhaupt in Westeuropa die Bereitschaft, sich von Ortskirchen in anderen Kontinenten noch vermehrt bereichern zu lassen.

* Der Luzerner Kurt Koch (63) ist Kurienkardinal der römisch-katholischen Kirche.