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Ovation für den Bundeskanzler

Begleitet von einer Delegation, hat Walter Thurnherr in seinem Heimatort Diepoldsau gesprochen – und das Publikum begeistert. Thurnherr wird immer wieder als möglicher Bundesrat genannt.
Othmar von Matt
Walter Thurnherr zieht im Festzelt das Publikum in seinen Bann. (Bild: Ralph Ribi (Diepoldsau, 1. August 2018))

Walter Thurnherr zieht im Festzelt das Publikum in seinen Bann. (Bild: Ralph Ribi (Diepoldsau, 1. August 2018))

Lange mussten sich die Diepoldsauer gedulden. Erst imdritten Versuch gelang es Gemeindepräsident Roland Wälter, den prominenten Bürger seines Dorfes nach Diepoldsau zu lotsen – hier in der Ostschweiz, wo Bundeskanzler Walter Thurnherr sein Heimatrecht hat. Der Bundeskanzler ist für seine 1.-August-Rede nicht alleine angereist. Eine Delegation begleitet ihn: Weibelin, Chauffeur und zwanzig Mitglieder der Grossfamilie Thurnherr.

Walter Thurnherr gilt nicht nur als einer der besten Bundeskanzler, welche die Schweiz bisher hatte. Die Medien sehen in ihm seit 2016 auch immer wieder den idealen Kandidaten, wenn es darum geht, wer aus der CVP die Nachfolge von CVP-Bundesrätin Doris Leuthard antreten soll. Ein Karriereschritt, der in der Schweizer Geschichte noch keinem Bundeskanzler gelang.

«Man denkt nach, man hinterfragt»

Der Bundeskanzler ist der Hitze zum Trotz sehr offiziell gekleidet: schwarzer Anzug, weinrote Krawatte. Und er fesselt die Zuhörer mit einem rhetorischen Feuerwerk, das er dem Begriff «Humor» entlang aufbaut. «Ich habe gelernt, dass die Diepoldsauer ­einen ziemlich direkten Humor haben.» In der übrigen Schweiz frage man bei jemandem, der schlecht aussehe, höflich nach, ob er noch ein wenig müde sei. Nicht so in Diepoldsau. Dort rede man – im Sinne einer klärenden Feststellung – Tacheles: «Hey, hesch du wieder an wüeschte Grind.»

Humor sei «ein wichtiges Element für die Politik», sagt Thurnherr. «Man denkt nach, man ­hinterfragt.» Als Diepoldsaus Gemeinderätin Karin Aerni-Stricker den Ehrengast zu Beginn vor­gestellt hatte, lauschte neben der Festgemeinde auch die ­De­legation Thurnherrs gespannt ihren Worten. Er sei ein «guter Schüler» gewesen, sagte Aerni – und löste schallendes Gelächter aus. Wer im Festzelt sass, spürte: Dieser Satz war eine massive Untertreibung. Das zeigt sein Lebenslauf. Er gleicht einer Bilderbuchkarriere, obwohl Thurnherr sich nur ein einziges Mal selber beworben hatte: für seine Wahl zum Bundeskanzler vom 9. Dezember 2015. Zuvor hatte er theoretische Physik an der ETH Zürich studiert. Mit 25 Jahren trat er in den diplomatischen Dienst ein und war an der Schweizer Botschaft in Moskau tätig. Der damalige Aussenminister Flavio Cotti holte ihn persönlich nach Bern zurück und machte ihn zu seinem Mitarbeiter, weil er ­dessen kluge Analysen schätzte. Danach steuerte er als Generalsekretär drei Departemente: das Aussen-, das Wirtschafts- und das Verkehrsdepartement.

Thurnherr erhält gute Noten von links bis rechts. Er sei «der fähigste Bundeskanzler seit ­langem», hielt Hotelier Peter ­Bodenmann in seiner Analyse zum Bundesratsfoto 2018 fest. Die «Weltwoche» schrieb ein wohlwollendes Porträt («Einer, der sich einmischt») über den Bundeskanzler, der die Berner Machtzentrale so gut kenne wie kaum ein anderer. Und SVP-Wahlkampfleiter Adrian Amstutz meinte in der «NZZ am Sonntag»: «Thurnherr wäre der beste Bundesratskandidat, den die CVP momentan noch hat.»

Wäre also Walter Thurnherr ein idealer Bundesrat? In seiner Rede kommt er – indirekt nur – auf das Thema zu sprechen, das in der Luft liegt: auf das Thema Bundesrat. «Humor stellt Distanz zur Macht her», sagt er. In Ländern wie den USA verehre man bis heute Präsidenten wie John F. Kennedy und Franklyn D. Roosevelt, in Grossbritannien Winston Churchill und in Frankreich Charles de Gaulle und François Mitterrand. Doch wer schwärme in der Schweiz von den Bundesräten Jakob Stämpfli (BE, 1854–1863), Rodolphe Rubattel (VD, 1948–54) oder Hans Streuli (ZH, 1954–59), alles FDP-Bundesräte notabene. Seine Folgerung: «Bundesräte kommen und gehen.»

Nur: Reizt ihn eine Bundesratskandidatur nicht trotzdem? Thurnherr schüttelt am Rande der Veranstaltung den Kopf. «Ich möchte nicht Bundesrat werden. Ich fühle mich wohl als Bundeskanzler und sehe nicht, weshalb man diese Situation ändern ­sollte.» Das zumindest sehen die Diepoldsauer anders. Das zeigte der Applaus nach seiner Rede. Er war tosend, mit Jubelschreien durchmischt.

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