PAKETBOMBE: Wie Glück und Zufall ein Blutbad verhinderten

Glücklichen Umständen ist es zu verdanken, dass eine zwölfköpfige Familiengesellschaft vor 15 Jahren in Küsnacht (ZH) einem Bombenanschlag entging. Der Zufall führte jetzt zum mutmasslichen Täter.

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Die kosovo-albanische Zeitung "Bota Sot", aufgenommen am Donnerstag 29. Maerz 2001 in Zuerich. Die kosovo-albanische Zeitung "Bota Sot" verbreitet von Zuerich aus antimazedonische Hetzparolen. Laut einer SDA-Meldung vom Donnerstag, 29. Maerz hat die Medienkommission der OSZE im Kosovo die Zeitung mehrfach wegen Verstosses gegen journalistische Ethik gebuesst. Jetzt untersucht die Kommission, ob "Bota Sot" ein Reuters-Foto gefaelscht hat.  (KEYSTONE/Michele Limina) === ELECTRONIC IMAGE === (Bild: MICHELE LIMINA (KEYSTONE))

Die kosovo-albanische Zeitung "Bota Sot", aufgenommen am Donnerstag 29. Maerz 2001 in Zuerich. Die kosovo-albanische Zeitung "Bota Sot" verbreitet von Zuerich aus antimazedonische Hetzparolen. Laut einer SDA-Meldung vom Donnerstag, 29. Maerz hat die Medienkommission der OSZE im Kosovo die Zeitung mehrfach wegen Verstosses gegen journalistische Ethik gebuesst. Jetzt untersucht die Kommission, ob "Bota Sot" ein Reuters-Foto gefaelscht hat. (KEYSTONE/Michele Limina) === ELECTRONIC IMAGE === (Bild: MICHELE LIMINA (KEYSTONE))

Balz Bruppacher

Langsam vervollständigt sich das Bild über den geplanten Sprengstoffanschlag vor 15 Jahren auf die Redaktion der kosovo-albanischen Zeitung Bota Sot in Zürich. Nach der Veröffentlichung von Verfahrensentscheiden im Juli, die zunächst mehr Fragen aufwarfen als beantworteten, liegt nun die Anklageschrift der Bundesanwaltschaft (BA) vor. Demnach muss sich am kommenden 16. August ein 41-jähriger mazedonisch-schweizerischer Doppelbürger wegen mehrfachen Mordversuchs vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona verantworten. Ihm wird vorgeworfen, er habe mit einer am 26. September 2002 auf der Post in Zürich-Oerlikon aufgegebenen Paketbombe versucht, mehrere Mitglieder der Bota-Sot-Redaktion in Zürich zu töten.

Laut Anklageschrift verwendete der Beschuldigte eine russische Splitterhandgranate vom Typ F1, die er im Juni 2001 als Dank für seinen mehrmonatigen Einsatz für die Befreiungsarmee des Kosovo UCK in Mazedonien erhalten habe. Die als Weinsendung getarnte Paketbombe soll er wie folgt gebastelt haben: Er verband den Abzugring der Handgranate mit einem Draht und einem an einem Holzbrettchen befestigten Schlüsselhaken, das auf der Innenseite des Deckels der Aussenverpackung befestigt war. Hinzu kamen eine Weissweinflasche in der Aussenverpackung und Zeitungen als Füllmaterial.

Raffiniert verpackte Handgranate

Die Ermittlungen des wissenschaftlichen Forschungsdienstes ergaben, dass beim Öffnen des Pakets von oben eine Zugkraft über die Verbindung Schlüsselbrett – Draht – Abzugring ausgeübt und mit einer Verzögerung von drei bis vier Sekunden die Explosion ausgelöst worden wäre. Der Anzugswiderstand sei durch eine reduzierte Spreizung des Sicherungssplints massiv verringert worden. Zur Sprengwirkung heisst es in der Anklageschrift, dass mit tödlichen Druckschädigungen und Splittern hätte gerechnet werden müssen, im Falle von letzteren vereinzelt bis zu einer Entfernung von neun Metern.

Warum kam es nicht zu diesen verheerenden Folgen? Das per Swiss-Express versandte Paket mit dem Hinweis „vertraulich/geschäftlich“ und dem Absender einer Weinhandlung in Adliswil (ZH) traf zwar am 27. September 2002 an der Adresse der damaligen Bota-Sot-Redaktion am Bahnhofplatz Zürich ein und wurde dort im Briefkasten deponiert. Weil der Geschäftsführer abwesend war, behändigte aber dessen Schwester das Paket und transportierte es an ihren Wohnort in Küsnacht. Tags darauf, am Abend des 28. Septembers, übergab sie das Paket an einer Familienzusammenkunft, zu der sich sieben Erwachsene und fünf Kinder eingefunden hatten, ihrem Bruder. Dieser war laut Anklageschrift jedoch skeptisch, worauf ein weiterer Bruder das Paket auf der Terrasse in Anwesenheit von zwei Kindern öffnete. Weil dies nicht von oben, sondern seitlich auf der Stirnseite des Pakets geschah, explodierte die Handgranate nicht. Vielmehr entdeckte die Familie nach der Entnahme der Weinflasche Drähte und alarmierte sofort die Polizei.

DNA-Hit nach Schlägerei

Die Ermittlungen von Polizei und Bundesanwaltschaft blieben ohne Erfolg, bis im Dezember 2016 „Kommissar Zufall“ zu Hilfe kam. Der Angeklagte war am 10. Dezember in eine Schlägerei in einem Zürcher Tanzlokal verwickelt und wurde von der Stadtpolizei erkennungsdienstlich behandelt. Dabei kam es zu einem DNA-Treffer im Zusammenhang mit Spuren der Paketbombe. Am 31. Januar wurde der mutmassliche Täter an seinem Arbeitsplatz bei einer Messgerätefirma in Fällanden (ZH) festgenommen. An seinem Wohnort in Uster stellte die Polizei zudem eine Pistole samt Munition sicher. Der Angeklagte befindet sich inzwischen im vorzeitigen Strafvollzug im Zürcher Flughafengefängnis.

Die Bundesanwaltschaft wird ihren Strafantrag erst am Prozess stellen, für den in Bellinzona drei Tage reserviert sind. Mord wird mit einer Freiheitsstrafe von nicht unter zehn Jahren bestraft. Das Mordmerkmal der besonderen Skrupellosigkeit ist laut BA gegeben, weil der Angeklagte der Bota-Sot-Redaktion einen Denkzettel habe verpassen wollen und weil es sich bei dem als Weinsendung deklarierten Paket um eine perfide Tarnung gehandelt habe. Zudem habe sich die Tat gegen Personen gerichtet, mit denen er in keiner Beziehung gestanden sei und die er in totaler Verachtung fremden menschlichen Lebens als Repräsentanten der Bota-Sot-Redaktion umgebracht hätte.

Politischer Hintergrund vermutet

Der damalige Geschäftsführer der Bota-Sot-Redaktion bestätigte auf Anfrage, dass der Angeklagte der Redaktion nicht bekannt gewesen sei. Er vermutet aber, dass es sich um eine Auftragstat mit politischem Hintergrund handelte. „Der Angeklagte hat nicht von sich aus gehandelt“, sagte der ehemalige Geschäftsführer. Er tritt am Prozess zusammen mit zwei weiteren Personen als Privatkläger auf. Sein Anwalt erklärte unserer Zeitung, der mutmassliche Täter behaupte, die Berichterstattung der damaligen Tageszeitung Bota Sot über den Kosovokrieg von 1999 habe Informationen über Fluchtwege und Aufenthaltsorte albanisch stämmiger Zivilisten enthalten. Diese hätten serbischen Kampfeinheiten als Quelle gedient und zu zahlreichen Toten unter der albanisch stämmigen Zivilbevölkerung geführt.

Die Bota-Sot-Redaktion bestreitet laut dem Anwalt diesen Vorwurf vehement. Sie sei stets für die Sache der Kosovaren eingetreten und habe nicht das geringste Interesse gehabt, serbische Kampftruppen zu unterstützen. Der Angeklagte habe sich auch nie bei der Redaktion beschwert. Die Redaktion von Bota Sot sieht gemäss dem Anwalt einen politischen Hintergrund: Die Redaktion habe den damaligen Präsidenten Ibrahim Rugova unterstützt, während es Anzeichen dafür gebe, dass der Täter damals auf der Seite links orientierter Politiker gewesen sei. „Der Gegnerschaft von Rugova waren damals alle Mittel recht, um diesen zu stürzen“, erklärte der Anwalt. Der Verteidiger des Angeklagten war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.