Pandemie
Kommt der Omikron-Hammer?

Die Variante verbreitet sich rasant. Luzern steht bald vor harten Triagen. Der Bund sieht keinen Handlungsbedarf.

Nina Fargahi
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Auf Luzerner Intensivstationen können Patienten wegen knapper Ressourcen bald nicht mehr aufgenommen werden. Harte Triagen seien absehbar, sagte der Luzerner Gesundheitsdirektor Guido Graf am Dienstag vor den Medien. «Es ist fünf nach zwölf.» Graf fordert vom Bund, wie in der ersten Welle den Lead zu übernehmen und schweizweite Massnahmen zu ergreifen. Denn das Virus höre nicht an der Kantonsgrenze auf.

«Es ist klar, dass es weitere Massnahmen brauchen wird, wenn sich die Lage nicht bald deutlich entspannt», sagt Luzerner Gesundheitsdirektor Guido Graf.

«Es ist klar, dass es weitere Massnahmen brauchen wird, wenn sich die Lage nicht bald deutlich entspannt», sagt Luzerner Gesundheitsdirektor Guido Graf.

Philipp Schmidli

Allerdings sehen nicht alle Kantone derart akuten Handlungsbedarf. So heisst es beim Berner Gesundheitsdepartement: «Die Situation ist unter Kontrolle.» Die Intensivpflegeplätze (IPS) werden zentral vom Inselspital für den ganzen Kanton koordiniert. Und: «Bis jetzt haben wir keine grosse Anzahl an schweren Skiunfällen, was in dieser Situation sehr gut ist.» Auch aus Basel, Zürich und dem Aargau klingt es ähnlich: Die Situation in den Spitälern ist angespannt, aber stabil.

Ist Luzern also ein Sonderfall? Nein. Der Präsident der Gesundheitsdirektoren, Lukas Engelberger, teilt die Sorge von Gesundheitsdirektor Graf. «Es ist klar, dass es weitere Massnahmen brauchen wird, wenn sich die Lage nicht bald deutlich entspannt.» Derzeit gehe es vor allem darum, die Folgen der Omikron-Variante besser zu erfassen, damit dann die richtigen Massnahmen getroffen werden können, so Engelberger.

Mitte Januar verdoppeln sich Fallzahlen jede Woche

Die Aussichten sind düster. Omikron verbreitet sich äusserst schnell und ist mittlerweile verantwortlich für mehr als die Hälfte der Coronaansteckungen in der Schweiz. Taskforce-Chefin Tanja Stadler sagt, so rasch wie Omikron habe sich zuvor noch keine Variante verbreitet. Sie präsentierte drei verschiedene Szenarien, wie die Fallzahlen sich weiterentwickeln könnten. Auch im besten Fall wird es Mitte Januar zu über 20'000 Neuinfektionen pro Tag kommen. Die aktuellste epidemiologische Lagebeurteilung der Taskforce geht davon aus, dass sich die Fallzahlen im Januar 2022 jede Woche mehr als verdoppeln, wenn die Menschen ihre Kontakte nicht reduzieren.

Tanja Stadler an der Pressekonferenz.

Tanja Stadler an der Pressekonferenz.

Peter Klaunzer / KEYSTONE

Kommt hinzu, dass Omikron die Delta-Variante ablöst und der Impfschutz nicht mehr so hoch ist. Gemäss Stadler ist eine vollständig geimpfte Person zu 90 Prozent gegen einen schweren Verlauf bei Delta geschützt, bei Omikron betrage der Schutz noch 70 Prozent. Durch eine Drittimpfung wird der Schutz auch bei Omikron wieder massiv erhöht. Aktuell sind aber nur knapp zwei Millionen Bürgerinnen und Bürger geboostert, das sind 22,5 Prozent.

Die grosse Frage bleibt, ob Omikron zu vielen schweren Verläufen in den Spitälern führen wird. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) habe Kenntnis von 42 Fällen von geboosterten Personen, die wegen einer Omikron-Infektion hospitalisiert worden seien, sagt Patrick Mathys, Leiter Sektion Krisenbewältigung. Doch eine genauere Antwort auf diese Frage fehle derzeit noch.

Die Verlegung zwischen Spitälern funktioniert

Auf den Intensivstationen in den Spitälern hat es zwar noch Platz. Aber die Zahl der freien Betten ist endlich, aktuell sind es noch 175. Auf den Intensivstationen liegen schweizweit 336 Covid-Patienten. Laut Mathys wird der Druck auf die Spitäler zunehmen, die steigenden Infektionszahlen führten zwangsläufig zu mehr Hospitalisierungen.

Derzeit arbeiten die Spitäler gut zusammen. Die Verlegung von Patienten funktioniert, wie der Oberste Kantonsarzt Rudolph Hauri sagt. «Allerdings stossen einzelne Spitäler an ihre Grenzen. Einen Ausgleich gibt es, weil die Zahl der Nicht-Covid-Patienten abnimmt.»

Omikron könnte den Druck auf die Spitäler verstärken.

Omikron könnte den Druck auf die Spitäler verstärken.

Gaetan Bally / KEYSTONE

Weiterer Appell an die Eigenverantwortung

Laut Experten kommen auf die Schweiz, vor allem auf Spitäler und das Gesundheitspersonal, schwere Zeiten zu. Die Taskforce appellierte gestern zum wiederholten Mal an die Eigenverantwortung: Impfen lassen, testen, Maske tragen, Distanz halten und lüften. Den Hilferuf des Luzerner Gesundheitsdirektors quittiert Mathys mit den Worten: «Das klang schon ein bisschen düster.» Es sei aber etwas einfach nach dem Bund zu rufen, nachdem die Kantone mehr Verantwortung übernehmen wollten. Mathys betont, jeder Einzelne könne mit seinem Verhalten einen Beitrag leisten. Es brauche nicht immer eine offizielle Anweisung.