PARIS: «Im Tessin spricht man noch heute von Manuel»

Sie war Lehrerin in Biasca. In Paris lernte sie ihren Mann kennen, in Barcelona kam ihr Sohn auf die Welt. Jetzt ist er Regierungschef in Frankreich. Eine neue Erfahrung für die Mutter.

Stefan Brändle
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Frankreichs Premier Manuel Valls auf dem Weg zur ersten Kabinettssitzung im Elysée-Palast. (Bild: AP/Jacques Brinon)

Frankreichs Premier Manuel Valls auf dem Weg zur ersten Kabinettssitzung im Elysée-Palast. (Bild: AP/Jacques Brinon)

Natürlich hatte Luisa Galfetti am Montag verfolgt, wie ihr Sohn Regierungschef Frankreichs wurde. Aber so richtig realisierte sie es erst, als sie ihn Abends am Fernsehen inmitten des republikanischen Pomps sah. «Eine Mutter stellt sich ihren Sohn auch dann noch in kurzen Hosen vor, wenn er längst erwachsen ist», lacht die rüstige Frau mit der kräftigen Stimme. «Als ich ihn in der Tagesschau sah, war ich schon stolz und sagte mir: Mein Sohn ist Premierminister Frankreichs!»

Grossvater war Schiffsjunge

Manuel Carlo Valls Galfetti, wie der neue Pariser Regierungschef mit ganzem Namen heisst, ist hinter dem Staatspräsidenten der zweitmächtigste Mann im flächenmässig grössten EU-Land. Und nicht nur das: Seine Familienwurzeln reichen bis ins abgeschiedene Bleniotal in der Schweiz. Dort stammt seine Mutter Luisa Galfetti her. Luisa arbeitete nach der Schule als Dorflehrerin in Biasca. Mit ihrem ersten Monatslohn leistete sie sich eine Reise nach Paris. Dort traf sie ihren späteren Mann, den katalanischen Maler Xavier Valls. Den Sommer 1962 verbrachten sie in Barcelona, als ihr Sohn Manuel auf die Welt kam. Manuel wurde erst mit 20 in Frankreich eingebürgert.

Luisa Galfetti, die Mutter von Manuel Valls. (Bild: Stefan Brändle)

Luisa Galfetti, die Mutter von Manuel Valls. (Bild: Stefan Brändle)

Klein Manuel besuchte oft seine Grossmutter im Tessin. Auch als Jugendlicher verbrachte er seine Ferien in Ludiano ob Biasca, wo die Galfettis e

in Haus besassen. «Als Sohn und Enkel der Familie war Manuel dort gern gesehen, und im Dorf spricht man noch heute von ihm», meint seine Mutter. «Später kam er auch mit seinem ersten Kind ins Bleniotal.»

«Er ist stark, willensstark»

Und seine direkte, bisweilen halsstarrige Art, die ihn zu einem der populärsten Minister gemacht hat – enthält sie etwas Schweizerisches? «Ich weiss nicht, ob da eher etwas Helvetisches oder Katalanisches drinsteckt», meint Signora Galfetti. «Vielleicht ist das einfach sein Charakter.» Erstaunt ist sie, wie Valls sich öffentlich ereifern kann und bisweilen mit rotem Kopf Missstände anprangert: «So war Manuel früher nie; er war ein sehr gehorsames, pflegeleichtes Kind.» Über Politik sprechen die beiden kaum. Und über die Schweiz? «Das letzte Mal schüttelten wir den Kopf, als ich ihm erzählte, dass die Tessiner zu fast 70 Prozent für die Einwanderungsinitiative gestimmt hätten.»

Dann noch die Gretchenfrage: Wird Valls einmal Staatspräsident? «Ich hoffe nur, dass sich Manuel als Premierminister behaupten kann», sagt sie. Auch gegenüber Präsident François Hollande? «Hollande ist derzeit auf einen guten Premier angewiesen», meint sie. «Und Manuel ist stark, willensstark.»