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PARTEIEN: Kosmopolit am Schalthebel der SVP

Er ist seit einem Jahr Generalsekretär der SVP: Gabriel Lüchinger kam über den hohen Norden und den Nahen Osten in die Zentrale der grössten Schweizer Partei.
Eva Novak
Generalsekretär Gabriel Lüchinger (rechts) im Gespräch mit SVP-Übervater Christoph Blocher an der gestrigen Delegiertenversammlung der Volkspartei in Lausen im Kanton Baselland. (Bild: Georgios Kefalas/Keystone)

Generalsekretär Gabriel Lüchinger (rechts) im Gespräch mit SVP-Übervater Christoph Blocher an der gestrigen Delegiertenversammlung der Volkspartei in Lausen im Kanton Baselland. (Bild: Georgios Kefalas/Keystone)

Eva Novak

Wenn die SVP wie gestern diskutiert, wie sich die Schweiz am besten vom Rest der Welt abgrenzen kann, zieht im Hintergrund ein Mann die Fäden, der einen guten Teil der Welt kennen und schätzen gelernt hat. Gabriel Lüchinger, 40-jährig, seit einem Jahr Generalsekretär der SVP, entspricht so gar nicht dem Bild eines Spitzenvertreters seiner Partei.

Angefangen bei den Sprachen, von denen der Jurist einige beherrscht. Als seine liebste nennt er nicht etwa Berndeutsch, das er, der in einem Weiler am Rand des Emmentals aufgewachsen ist, mit leichtem Oberaargauer Einschlag spricht. Auch nicht Italienisch, Französisch oder Englisch, die er allesamt viel besser beherrscht als Arabisch, obwohl es bei Letzterem immerhin reicht, um sich zu verständigen. Auch nicht Latein, das er im Gymnasium gelernt hat, was er rückblickend als «etwas vom Besten, was ich je gelernt habe», bezeichnet. Nein, die Lieblingssprache des SVP-Tätsch­meisters ist Schwedisch.

Jüngster Attaché aller Zeiten

Gelernt hat er es in Helsinki, wo an der Universität auch auf Schwedisch unterrichtet wird. Dort verbringt Lüchinger während des Studiums ein Ausland­semester. Dank dem von seiner Partei vielgescholtenen europäischen Austauschprogramm Erasmus, von dem Gabriel Lüchinger als einer der Ersten profitiert – und das er heute als «akademisch bedeutungsloses Völkerverständigungsprogramm» bezeichnet. Die Dunkelheit gefällt ihm, das Langlaufen ebenso. An der Uni Bern macht er seinen Master, daneben viel Sport und im Militär weiter und landet im Rechtsdienst des Eidgenössischen Verteidigungsdepartements (VBS). Doch die Juristerei packt ihn nicht. Nach zwei Jahren zieht es ihn wieder in den Norden, ins schwedische Uppsala, wo er den Master of international Studies hinzupackt, samt Abschlussarbeit zum Thema Neutralität.

Anwenden kann er das Gelernte als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Berner SVP-Generalsekretariat vor den Wahlen 2007. Es ist die Zeit, als auf jeder zweiten Plakatwand der Slogan «Blocher stärken – SVP wählen» prangt. Worauf die Partei einen Erdrutschsieg feiert – und Christoph Blocher aus dem Bundesrat hinausgeworfen wird.

Gabriel Lüchinger ist da schon wieder beim VBS, diesmal in der Abteilung für internationale Beziehungen. Kaum 30-jährig, wird er Verteidigungsattaché, der jüngste aller Zeiten. Vor die Wahl gestellt, wo er den Job – eine Mischung aus Diplomat, Sicherheitsexperte und Agent – zuerst ausüben will, wählt der Milizoffizier die exotischste Destination, die man ihm anbietet: Kairo.

Er landet mitten im Arabischen Frühling. Brennende Polizeifahrzeuge, zu allem bereite Jugendliche und mittendrin die Schweizer Botschaft. «Life changing» sei diese Erfahrung gewesen, wie ein Aufwachen, sagt Gabriel Lüchinger, und seine Augen leuchten. Zum Posten gehört auch der Sudan und Libyen, wo er für den Schutz der Botschaft durch eigene Leute sorgen muss – auch das eine Premiere. Der Libanon, Jordanien und die Vereinigten Arabischen Emirate kommen dazu, bis Lüchinger nach Abu Dhabi wechselt, wo er auch für Saudi-Arabien, Kuwait und den Jemen zuständig ist. Da scheint es nur folgerichtig, dass er am Ende eine Frau mit jordanischen Wurzeln heiratet.

Links orientiertes Elternhaus

Einen Mann mit diesem Hintergrund würde man eher im öffnungsorientierten Forum «Foraus» vermuten. Doch Gabriel Lüchinger ist Mitglied der Auns, die sich mit der Unabhängigkeit des Landes das pure Gegenteil auf die Fahnen geschrieben hat. In die Wiege gelegt wurde ihm das nicht. Die Kindheit verbrachte er zwar in einem Bauernhaus, doch die Eltern haben weder von der Landwirtschaft gelebt, noch waren sie Mitglied der SVP, sondern eher links orientiert und in der Anti-AKW-Bewegung engagiert. Vater Lüchinger setzt sich beruflich für den öffentlichen Verkehr ein. Sohn Gabriel, der mit 16 der Jungen SVP beitritt, kämpft derweil gegen den EWR- und den UNO-Beitritt. Letzteren befürwortet der SVP-Generalsekretär inzwischen, womit er nicht gerade im Mainstream seiner Partei schwimmt. Sonst aber gelingt ihm das ausgesprochen gut. Etwa wenn er sagt: «Direkte Demokratie, Föderalismus, Neutralität und Unabhängigkeit – das ist das Erfolgsrezept der Schweiz.» Oder dass die bilateralen Verträge «überschätzt» würden und das Asylwesen «neu auszurichten» sei. Kein Zweifel: Gabriel Lüchinger liegt «politisch fadegrad auf Parteilinie», wie es SVP-Fraktionschef Adrian Amstutz formuliert.

«Gabriel Lüchinger ist der Fourier»

Mit Parteipräsident Albert Rösti, ebenfalls ein Neuling, der auch schon als «wandelnder Widerspruch» bezeichnet wurde, kann es Gabriel Lüchinger ausgesprochen gut. Beide sind Berner, im Stil gemässigt und in der Sache knallhart. Einen einfachen Auftrag hat der Kosmopolit mit SVP-Parteibuch dennoch nicht gefasst. Nicht nur, weil es per se ein Knochenjob ist, rund um die Uhr und auch am Wochenende präsent zu sein. Es ist auch kein Zuckerschlecken, die erfolgsverwöhnte Partei just in einem Moment managen zu müssen, in dem die Wähleranteile schrumpfen, in den Kantonen reihum SVPler abgewählt werden und die NZZ über «Röstis trägen Haufen» spottet.

Zumal Vorgänger Martin Baltisser, der die Strippen schon in den 1990er-Jahren zog, nicht nur grosse Fussstapfen zurückgelassen hat. Sondern auch in der Person von Silvia Bär eine Stellvertreterin, die als ehemalige Assistentin von Parteiübervater Christoph Blocher ebenso tüchtig wie dominant ist. «Gabriel Lüchinger ist der Fourier, der Feldweibel ist Silvia Bär», formuliert es der Luzerner SVP-Nationalrat Felix Müri.

Das fordert. In der Wandelhalle ist Lüchinger ein seltener Gast, und zum Joggen kommt er noch weniger als damals in Kairo, wo er auf der alten Pferderennbahn seine Bahnen zog. «Ich habe ein Jahr gebraucht, um mich einzuarbeiten», sagt der Generalsekretär. Jetzt will er die Kontakte zur Basis pflegen, um für die Wahlen 2019 gewappnet zu sein. Doch die Augen leuchten bei weitem nicht so, wie wenn er von Schweden, Ägypten oder dem Jemen spricht.

Vielleicht ist es mit der Begeisterung wie mit dem Schlaf. Als Gabriel Lüchinger aus Kairo in die Schweiz zurückkam, lag er nächtelang wach, weil es so ruhig war. Das hat sich gründlich geändert: «Jetzt ist es herrlich.»

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