PATRICK RENZ: «Wir müssen uns überflüssig machen»

Was kann uns ein kirchliches Fest wie Ostern heute noch bringen? Patrick Renz, der Direktor des Schweizer Fastenopfers, über Konsum, Enthaltsamkeit und Entwicklungshilfe.

Interview Dominik Buholzer
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Patrick Renz posiert für unseren Fotografen auf der Luzerner Ufschötti: «Das Bedürfnis nach anderen Werten ist sehr wohl vorhanden.» (Bild Philipp Schmidli)

Patrick Renz posiert für unseren Fotografen auf der Luzerner Ufschötti: «Das Bedürfnis nach anderen Werten ist sehr wohl vorhanden.» (Bild Philipp Schmidli)

Ostern ist das kirchliche Fest der Erlösung, der Auferstehung von den Toten. Was bedeutet Ostern für Sie, Herr Renz?

Patrick Renz: Für mich ist Ostern sowohl Hochfest als auch das Ende der Fastenzeit. Diese bietet eine gute Gelegenheit, über das Leben nachzudenken. So verzichte ich während der Fastenzeit auf Alkohol. Aber ich muss gestehen: Ich bin jeweils froh, wenn sie zu Ende ist. 40 Tage enthaltsam zu leben ist nicht einfach. Das fällt mir überhaupt nicht leicht. So ein Feierabendbier habe ich ab und zu ganz gern.

Sie leiden jeweils?

Renz: Heftig ist vor allem der Karfreitag. Nur schon die Textstelle in der Bibel hat es in sich: «Er ist hinabgestiegen in das Reich der Toten.» Sie müssen sich dies mal vorstellen: Er ist während dreier Tage da unten geblieben – das ist unfassbar!

Ostern als kirchliches Fest sagt Ihnen also noch viel?

Renz: Ich wäre nicht vor einem Jahr Direktor des Fastenopfers geworden, wenn ich mit der Osterzeit nichts anfangen könnte. Das Spannende ist: Auch ich musste erst zu meinem Glauben finden, das konnte man mir nicht einfach in die Wiege legen.

Wie haben Sie ihn gefunden?

Renz: Ich lebte zwei Jahre in den USA. Eines Tages realisierte ich plötzlich, dass ja Osternacht ist. Ich machte mich auf die Suche nach einer Kirche, irrte in den Strassen umher und stiess dann auf eine – just in der halben Stunde, als das Osterfeuer brannte. Ich realisierte erst viel später, wie symbolträchtig dieser Moment war. Und so muss letztlich jeder für sich seinen Zugang zum Glauben, zur Spiritualität finden.

Verkommen kirchliche Feste nicht immer mehr zu einer Konsumschlacht?

Renz: Wenn man nur die Schaufenster anschaut, könnte man diesen Eindruck gewinnen. Doch gerade Ostern ist mehr. Wenn ich sehe, wie viele Angebote es im Bereich des Fastens oder der Spiritualität gibt, muss ich dies verneinen. Das Bedürfnis nach anderen Werten ist sehr wohl vorhanden.

Aber mittlerweile gibt es bereits an der Fasnacht die ersten Osterhasen zu kaufen.

Renz: Ich streite ja nicht ab, dass es die Konsumlust gibt. Sie ist aber nichts Natürliches, kein menschliches Grundbedürfnis. Sie wird durch riesige Marketingbudgets geweckt.

Machen Sie es sich mit dieser Aussage nicht ein wenig zu einfach?

Renz: Nein, ich weiss, wovon ich spreche. Ich habe jahrelang für einen amerikanischen Grosskonzern in diesem Bereich gearbeitet.

Was brachte Sie dazu, quasi die Seiten zu wechseln und Direktor des Fastenopfers zu werden?

Renz: Ich kam an einen Punkt, an dem ich mir überlegte, was eigentlich auf meinem Grabstein stehen soll. Will ich wirklich, dass darauf steht, dass ich die Umsatzzahlen verdoppelt habe und besonders gut im Verkaufen von Windeln war? Ich kam zum Schluss, dass ich die Zeit, die ich nicht mit meiner Familie verbringen kann, viel bewusster einsetzen will.

Und sind darum beim Fastenopfer gelandet. «Weniger für uns. Genug für alle» – lautet die aktuelle ökumenische Kampagne von Fastenopfer, Brot für alle und Partner sein. Ist sie angesichts der Konsumlust nicht zum Scheitern verurteilt?

Renz: Nein, denn mit der Kampagne wollen wir die Leute zum Nachdenken animieren. Und das tut sie. So erhielten wir zahlreiche engagierte Reaktionen auf den Fastenkalender. Oder gar der lokale Metzger fand unseren Aufruf zu bewussterem Fleischkonsum anregend. Diese Reaktionen sind das beste Beispiel dafür. Das macht eine erfolgreiche Kampagne aus.

Wie soll ein Umdenken stattfinden?

Renz: Die aktuelle Kampagne liefert dazu ein anschauliches Beispiel: Durch den industriellen Anbau von Soja in Brasilien leidet das Klima. Weil das Soja auch für Tiere in der Schweiz angebaut wird, hat dies direkt mit uns hier zu tun: Unser Überkonsum von Fleisch zerstört die Lebensgrundlagen der Menschen in Entwicklungsländern. Die Kampagne zeigt nicht nur die Zusammenhänge, sie regt zum Nachdenken und Handeln an: Weniger Fleisch essen, mehr saisonale und regionale Produkte einkaufen, Klima­menüs und vieles mehr. Und das muss letzten Endes bei jedem Einzelnen passieren.

Und das soll funktionieren?

Renz: Das funktioniert. Nehmen wir das Beispiel Glasrecycling. Vor 30 Jahren erschien es uns noch unvorstellbar, dass wir unser Altglas zu einer Sammelstelle tragen und dort entsorgen. Heute ist es für uns eine Selbstverständlichkeit. Wir können unser Verhalten also sehr wohl ändern.

Und deshalb will Fastenopfer, dass Arme die Zukunft selber in die Hand nehmen.

Renz: Genau. Beispielsweise in Senegal haben Tausende von Bauernfamilien dank Fastenopfer die jährliche Hungerszeit verkürzt. Doch was helfen unsere Projekte vor Ort, wenn diese Bauernfamilien dann für ihre Hühner auf dem Markt keine Kundschaft finden, weil die subventionierten Importprodukte aus Europa, den USA und China günstiger sind? Deshalb engagiert sich Fastenopfer auch auf entwicklungspolitischer Ebene für die Anliegen der Menschen in Entwicklungsländern. Wir wollen hier wie dort anregen und die Leute ermuntern, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Und: Hilfe soll nicht aus Selbstzweck erfolgen. Wenn ich in Afrika bin, frage ich die Menschen etwa: Weshalb soll jemand in der Schweiz für euch sein hart erarbeitetes Geld spenden?

Und was bekommen Sie zur Antwort?

Renz: Die ganze Bandbreite an möglichen Antworten. Ich mache ihnen dann deutlich, dass auch bei uns in der Schweiz das Geld nicht einfach so aus dem Wasserhahn fliesst.

Wie bewerkstelligen Sie dies?

Renz: Ich zeige Ihnen jeweils ein Bild von unserem jährlichen Rosenverkauf, auf dem zu sehen ist, wie sich ein Passant demonstrativ abwendet, weil er nichts mit uns zu tun haben will. Das berührt die Menschen in Afrika meistens und dann frage ich sie: Wollt ihr Solidarität oder Almosen?

Was erwidern sie Ihnen?

Renz: Sie wollen, dass wir ihnen auf Augenhöhe begegnen. Und das ist doch genau Solidarität.

Was bedeutet dies für ihre Arbeit?

Renz: Wir gehen nicht zu den Menschen im Süden hin und sagen ihnen, wie sie dieses oder jenes zu machen haben. Das ist nicht zielführend, das ist nicht von Dauer. Wir erarbeiten zusammen mit den Menschen vor Ort Lösungen.

Wie muss ich mir dies vorstellen?

Renz: In Senegal etwa animieren wir die Frauen und Männer, sich in Spargruppen zu organisieren und gemeinsam Geld für Notsituationen zu sparen. So laufen sie nicht mehr Gefahr, sich bei einer Einschulung oder einem Krankheitsfall zu verschulden und später ihre Ernte zu verlieren. Die Gruppen geben Sicherheit und sie stärken die Beziehungen zwischen den Mitgliedern.

Hat es nicht zu viele Hilfswerke oder weshalb hört, sieht und liest man mehr von Organisationen wie World Vision statt von Fastenopfer?

Renz: Konkurrenz ist zweifellos vorhanden, aber die Spendenbereitschaft in der Schweiz ist weiter hoch. Gemäss den Statistiken steigt jährlich das Volumen weiter. Fastenopfer pflegt sicher einen anderen Stil als andere Hilfswerke. Und wir können mit unseren Kampagnen eine sehr gute Präsenz in den Medien feststellen.

Sind religiöse Werte, wie sie das Fastenopfer vertritt, beim Sammeln von Spenden heutzutage ein Nachteil?

Renz: Nein, überhaupt nicht. Und es ist nicht so, dass wir deswegen weniger ernst genommen werden. Wir dürfen stolz auf unseren Leistungsausweis sein. Wir führen heute kritisch konstruktive Debatten im Rohstoffkontext; wir konnten wie keine zweite Organisation auf die Problematik der seltenen Rohstoffe, die in den Handys stecken, aufmerksam machen. Aber eigentlich wäre ich froh, wenn es uns nicht gebe.

Weshalb?

Renz: Dann gebe es keine Armut weltweit.

Was aber niemals eintritt?

Renz: Ich hoffe aber, dass es irgendwann mal so sein wird. Gleichwohl sage ich meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern immer wieder, dass wir uns überflüssig machen müssen. Schliesslich wollen wir ja auch, dass alle Benachteiligten ihr Leben selber in die Hände nehmen.
 

Interview Dominik Buholzer