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Antibiotika-Debatte: Pflanzen und Kügeli gegen Keime

Neue Zahlen zeigen: Ärzte, die auch alternative Heilmittel anwenden, verordnen viel weniger Antibiotika. Doch der Bund ignoriert das. SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher will ihn nun zu seinem Glück zwingen.
Eva Novak
Sujet der aktuellen Kampagne des Bundes zum Antibiotika-Einsatz. (Bild: PD)

Sujet der aktuellen Kampagne des Bundes zum Antibiotika-Einsatz. (Bild: PD)

Es ist die Woche des Kampfs gegen heimtückische Keime, die heute zu Ende geht. Gegen Er­reger, denen Antibiotika nichts mehr anhaben können, weil sie Resistenzen gegen die vermeintlichen Wundermittel entwickelt haben, nachdem diese zu häufig oder unnötig eingesetzt worden waren. Gemäss Experten sterben deswegen weltweit mehr als 2 Millionen Menschen pro Jahr. In der Schweiz sind es jährlich gegen 300 Tote.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO versucht denn auch, das Bewusstsein für Antibiotikaresistenzen zu schärfen. Und die Schweiz macht mit: Damit Ärzte nicht unnötig Antibiotika verschreiben und Patienten diese richtig einnehmen, hat der Bund erstmals eine breite Informationskampagne mit Plakaten und TV-Spots lanciert – als Teil der «nationalen Strategie Antibiotikaresistenzen StaR». Man habe einen breiten Ansatz gewählt, rühmte Pascal Struppler, Chef des Bundesamtes für Gesundheit (BAG), beim Kampagnenstart vor Wochenfrist.

Hausärzte: Antibiotika für 13 Prozent der Patienten

Nicht breit genug, kritisiert der Dachverband Komplementärmedizin (Dakomed). Er untermauert das mit Zahlen, wonach Hausärzte mit entsprechender Zusatzausbildung nur halb so viel Antibio­tika verschreiben wie ihre rein schulmedizinisch ausgebildeten Kolleginnen und Kollegen. Dazu liess er Sasis, eine Tochtergesellschaft des Krankenkassenverbandes Santésuisse, die Rechnungsdaten auswerten, welche die Ärzte im vergangenen Jahr an die Krankenkassen schickten.

Das Resultat: Reine Haus- und Kinderärzte verschrieben an durchschnittlich 13 Prozent ihrer Patienten Antibiotika. Bei den Haus- und Kinderärzten mit Zusatzausbildung in Akupunktur, Chinesischer Medizin oder An­throposophie hingegen waren es 7 Prozent, bei jenen mit Zusatzausbildung in Homöopathie gar nur 6 Prozent. Am besten im Sinn von WHO und BAG gehandelt haben die Mediziner mit Diplom in Phytotherapie beziehungsweise Pflanzenheilkunde: In nur gerade 4 Prozent der Erkrankungen griffen sie zur Antibiotika-Keule.

Studien sind noch nicht übersetzt

Woran das liegt, erklärte Marianne Ruoff, Fachärztin FMH mit Fähigkeitsausweisen in Phytotherapie, Akupunktur sowie chinesischer Arzneitherapie, diese Woche an einer Dakomed-Veranstaltung in Bern: «Pflanzen wachsen in engem Kontakt mit Pilzen, Viren und Bakterien und entwickeln dynamisch ausgeklügelte Schutzmechanismen», sagte sie. «Damit schützen sie auch Menschen vor Infektionen» – und zwar nicht nur von solchen, die durch Bakterien verursacht und folglich mit Antibiotika bekämpft werden. Sondern auch vor durch Viren verursachte Krankheiten, gegen die Antibiotika ohnehin nichts ausrichten können.

In China gebe es dazu zahlreiche Studien, die allerdings noch nicht übersetzt und deren Resultate bei uns deshalb noch unbekannt seien, meinte Ruoff und prophezeite: «In Zukunft wird uns das überschwemmen.» Vorläufig aber setzen viele Ärzte auf Antibiotika, namentlich bei (häufig von Viren verursachten) Atemwegserkrankungen und bei Harnweginfekten. Dabei ginge es ohne oft besser, hiess es bei Dakomed. Wo mehr Komplementärmedizin eingesetzt werde, kämen in den Spitälern weniger gegen Antibiotika resistente Keime vor, erklärte etwa Lukas Schöb, ärztlicher Leiter der Klinik Arlesheim, und nannte einen Teil der Toskana als Beispiel. Der genaue Zusammenhang müsse allerdings noch wissenschaftlich erforscht werden.

Bei der Tiermedizin fehlen die Berührungsängste

Das findet auch Dakomed-Präsidentin Edith Graf-Litscher. Die Thurgauer SP-Nationalrätin hatte bereits in mehreren Anfragen den Bundesrat ersucht, die alternativen Therapiemethoden und Erkenntnisse in StaR aufzunehmen, ist aber bisher auf taube Ohren gestossen.

«Der Bundesrat hat das Gefühl, da laufe alles bestens. Ich sehe das anders», sagt sie jetzt und kündigt eine Motion an. Mit ihr und den Sasis-Zahlen im Rücken will sie den Bund zwingen, das Potenzial der Komplementärmedizin zur Reduktion des Antibiotikaverbrauchs zu nutzen.

Zuerst soll er die Gründe erforschen lassen, warum jene Ärzte, die auch alternative Therapiemöglichkeiten einsetzen, weniger Antibiotika verordnen. Die Erkenntnisse sollen anschliessend in die Richtlinien für Hausärzte und Kinderärzte einfliessen, damit diese sie ebenfalls anwenden können. «Das Wissen ist vorhanden, jetzt muss man es noch breiter nutzen», sagt Graf-Litscher. So stiefmütterlich behandelt der Bund die Komplementärmedizin übrigens nur im Humanbereich. In der Tiermedizin unterstützt er im Rahmen von StaR ein Beratungsangebot mit alternativen Behandlungsmethoden für Tierhalter. In der Humanmedizin ist der Antibiotika­einsatz in zwei Jahren um 5 bis 10 Prozent gesunken, in der Tiermedizin wurde er in den letzten zehn Jahren halbiert.

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