POLITIKUM: Berner Hassliebe zur Reitschule

Viele machen die Kulturinstitution für die wiederkehrenden Ausschreitungen in der Bundesstadt verantwortlich. Doch so einfach ist es nicht.

Reto Wissmann
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Versprayt und umstritten: die Reitschule. (Bild: Keystone (Bern, 20. Dezember 2013))

Versprayt und umstritten: die Reitschule. (Bild: Keystone (Bern, 20. Dezember 2013))

Reto Wissmann

Die Reitschule ist die umstrittene Visitenkarte von Bern. Wer mit dem Zug in die Bundesstadt fährt, sieht zuerst das wunderbare, von Sprayern verunstaltete Gebäudeensemble aus dem späten 19. Jahrhundert. Und wenn, wie am vergangenen Wochenende, wieder einmal eine Strassenschlacht vonstattengeht, weiss die ganze Schweiz: Das ist der Hort der linksextremen Chaoten und Krawallbrüder. Doch die Sache ist komplizierter.

Eingeklemmt zwischen Eisenbahnviadukt, Parkplatz und Hauptverkehrsachsen hat sich in den letzten 30 Jahren ein Kulturbetrieb etabliert, der jede Woche Hunderte von Besuchern aus nah und fern anzieht. Allein bis Ende dieser Woche stehen etwa noch ein Strassenfussballturnier, mehrere Konzerte, Theateraufführungen, Partys sowie ein Flohmarkt auf dem Programm. Die Reitschule, das sind verschiedenste Institutionen wie das Tojo-Theater, das Restaurant Sous le Pont, der Frauenraum, ein Kino, die Veranstaltungsräume Dachstock und Grosse Halle oder eine Holzwerkstatt. Als Ganzes ist die Reitschule längst zu einem der wichtigsten Player in der Berner Kulturszene geworden – mit Subventionen, Leistungsvertrag und allem.

Rückzugsort für Chaoten

Die Umgebung der Reitschule wird aber immer wieder auch zur Kampfzone, in der sich gewaltbereite Demonstranten aus der linksextremen Szene Strassenschlachten mit der Polizei liefern. Dann brennen Autos, werden Schaufenster eingeschlagen, und manchmal wird sogar die Feuerwehr mit Steinen beworfen. Vergangenes Wochenende waren es Leute aus dem Umfeld der Hausbesetzer­szene, die gegen eine Zwangsräumung demonstrierten. Während vor der Reitschule der Kampf tobte, lief im Innern der Partybetrieb auf Hochtouren. Am Ende waren zehn Polizisten und zwei Demonstranten verletzt, der Sachschaden ging in die Hunderttausende von Franken. Unter den 18 Verhafteten waren drei Frauen und neun Minderjährige.

Oft flüchten Chaoten nach solchen Exzessen in die Reitschule. In den unübersichtlichen Gebäuden ist es für die Polizei schwierig, die Täter in der Menge zu identifizieren. Schnell entsteht der Eindruck, die Reitschule sei ein rechtsfreier Raum und die Betreiber täten zu wenig, um sich von den Vandalen abzugrenzen. Am Wochenende distanzierte sich die Reitschule zwar von der Gewalt, solidarisierte sich aber gleichzeitig mit den Hausbesetzern und kritisierte die Polizei. Mit dem Aufruf «Für mehr Freiräume – Fight for your Reit» schloss sie ihre Mitteilung. An der Reitschule hing zudem ein Transparent mit dem Demoaufruf. Und Material, das Demonstranten für die Barrikaden benutzt hatten, stammte aus der Reitschule.

Einsicht ist nicht die grösste Stärke der Autonomen. «Einmal mehr wurde das Areal um die Reitschule zum Austragungsort gesellschaftlicher Konflikte», so die «Mediengruppe». Kein Wort darüber, dass man vielleicht selbst Teil des Problems sein könnte. Ein wenig muss man ihnen aber trotzdem recht geben. Die Reitschule ist ein Hotspot, an dem sich städtische Probleme konzentrieren. In unmittelbarer Nähe befinden sich die Notschlafstelle und das Fixerstübli. Oft treiben sich Drogendealer auf dem Vorplatz herum. Schon lange will die Stadt das Areal beleben und abseits eine zweite Drogenanlaufstelle eröffnen, um die Reitschule zu entlasten. Doch wer will schon eine solche Institution in seiner Nachbarschaft?

Bevölkerung stimmte schon fünfmal für die Institution

Die Reitschule ist in Bern ein Politikum erster Güte. Nachdem in den Achtzigerjahren eine unzufriedene Jugend einer bürgerlichen Stadt ein Stück Freiraum abtrotzte, schlägt sich seit nunmehr über 20 Jahren eine rot-grüne Mehrheit mit den Autonomen herum. Mit 600 000 Franken an jährlichen Subventionen, ohne die Reitschule und Grosse Halle nicht überleben könnten, hätte sie zwar ein Druckmittel in der Hand. Die linke Regierung weiss aber genau, dass die Stadt explodieren würde, wenn sie es hart auf hart kommen liesse. Auch die Bevölkerung hat zwar allmählich genug von den Sachbeschädigungen, sieht aber dennoch ein, dass es keine einfachen Lösungen gibt. Als die Reitschule vergangenen Sommer von sich aus den Laden während eines Monats dichtmachte, verlagerten sich die Probleme in die Quartiere. Nicht zuletzt aus Eigennutz haben sich die Berner in Abstimmungen fünfmal hinter die Reitschule gestellt.

Die Gegner lassen dennoch nicht locker. Vor allem die SVP will sich als Hüterin von Recht und Ordnung profilieren, hat aber auch keine schlaueren Lösungen parat, als die Schliessung der Reitschule zu fordern. Nationalrat Erich Hess versucht den Konflikt nun mit einer weiteren Volksinitiative auf die kantonale Ebene zu heben – und dort dank der bürgerlichen Mehrheit zu reüssieren. Seine Chancen stehen jedoch schlecht. Und so wird sich die Schweiz wohl weiterhin über das merkwürdige Verhältnis der Berner zu ihrer Reitschule wundern müssen.