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POPULISMUS: «Die Lega hat Fans, keine Mitglieder»

Vor fünf Jahren ist Giuliano Bignasca, der Gründer und Präsident der Lega dei Ticinesi, gestorben. Einen Nachfolger gab es nicht. Trotzdem ist die Bewegung erfolgreich geblieben.
Gerhard Lob, Lugano
Giuliano Bignasca (Bild: Karl Mathis/Keystone)

Giuliano Bignasca (Bild: Karl Mathis/Keystone)

Es war der 7. März 2013. Giuliano Bignasca, der umstrittene Leader der Lega dei Ticinesi, starb überraschend im Alter von 67 Jahren in Lugano. Selbst politische Gegner waren konsterniert, denn «Nano» – der Zwerg – gehörte zum Inventar des Südkantons. Mit der Gründung der EU-feindlichen Partei Anfang der 1990er- Jahre hat er Geschichte geschrieben. Die Bewegung hat das Tessin politisch umgekrempelt.

Nach Bignascas Tod glaubten viele, das Ende dieser Bewegung sei gekommen. Als Präsident auf Lebenszeit war er Mentor und Gesicht der Lega. Er schrie und tobte gegen Grenzgänger, forderte den Bau einer Mauer an der Grenze zu Italien, setzte sich aber auch für eine zusätzliche AHV-Rente ein. Doch es sollte anders kommen. Nur wenige Wochen nach seinem Tod gelang in Lugano das Husarenstück: Der langjährige Lega-Staatsrat Marco Borradori wurde zum Stadtpräsidenten der grössten Tessiner Stadt gewählt, drei von sieben Sitzen in der Exekutive sind seither von der Lega besetzt. Die Stimmbürger bestätigten das Ergebnis 2016. Im Staatsrat hatte die Lega bereits 2011 zwei Sitze und damit die relative Mehrheit erobert. Im Kantonsrat ist die Lega die zweitstärkste Fraktion. Auch in anderen Gremien hat sie Einfluss gewonnen. So wird etwa die wichtige Spitalbehörde EOC seit 2016 vom Leghisten Paolo Sanvido präsidiert. Der anhaltende Erfolg mag verwundern. Denn kein Politiker hat das Erbe von Giuliano Bignasca als Leader angetreten. Sein Bruder Attilio wirkte bis vergangenen Dezember als Koordinator. Doch er hatte nie das Charisma seines Bruders. «Jetzt bin ich nur noch Nonno – Grossvater», sagt der 74-jährige alt Nationalrat.

Partei kommt ohne Vorstandssitzungen aus

Eine Theorie für den Lega-Erfolg hat Pierre Rusconi, der 2003 von der Lega zur SVP gewechselt war und ebenfalls im Nationalrat sass: «Das geniale Erbe von Bignasca war, dass er es geschafft hat, Wähler emotional an die Bewegung zu binden.» Die Lega habe keine Mitglieder, sondern Fans, die zur Lega wie zu einem Verein stehen, auch wenn Trainer und Spieler wechseln. Sie bleiben treu, auch wenn gewisse Entscheide – etwa Steuererhöhungen oder die Einführung von Sackgebühren – im Gegensatz zu einstigen Forderungen der Lega stehen. «Es gab keinen Kampf um das Präsidium, so konnten die verschiedenen Seelen der Lega nebeneinander bestehen», analysiert Politikwissenschafter Oscar Mazzoleni, Leiter des Observatoriums für Regionalpolitik an der Uni Lausanne. Zweifelsfrei habe die institutionelle Seite der Lega in den letzten Jahren an Gewicht zugelegt.

Die Lega kennt keine Parteitage oder Vorstandssitzungen. Damit unterscheidet sie sich klar von ihrer politischen Schwester SVP, die klassisch aufgestellt ist – mit Präsidium, Delegiertenversammlungen und Parolenfassungen. Wichtige Entscheide der Lega werden in einem kleinen Zirkel getroffen, von so genannten «Colonelli» (Offizieren), die sich in der Regel am Sonntagabend treffen: die beiden Staatsräte, die drei Stadträte von Lugano, die zwei Lega-Nationalräte und Mitglieder der Familie Bignasca. «Eine ähnliche Struktur gibt es in Westeuropa nur noch in Holland bei der Freiheits-Partei von Geert Wilders», sagt Mazzoleni. Tatsächlich ist die Rolle der Familie Bignasca nach wie vor zentral bei der Lega, auch wenn mit Boris Bignasca, dem 31-jährigen Sohn des verstorbenen Giuliano, nur noch ein Familienmitglied als Grossrat aktiv ist. Hinter den Kulissen zieht aber Antonella Bignasca, Tochter von Attilio, die Fäden. Wer über sie spricht, sagt mit einem Augenzwinkern: «Governo ombra», das Schattenkabinett.

Eigene Zeitung ist weniger angriffig

Am Sitz der Baufirma Bignasca in Lugano befindet sich nach wie vor die Redaktion des «Mattino della domenica», das Gratis-Kampfblatt der Lega, das die Handschrift von Bignasca trug und von der Familie grosszügig gesponsert wird. Dort hat Nationalrat Lorenzo Quadri das Sagen, der einen zahmeren Kurs fährt. Während Bignasca mit Strafanzeigen wegen Beleidigungen und Ehrverletzung eingedeckt wurde, sagt Quadri: «Ich gehe nur bis zum Rand des Erlaubten, habe bisher keine Anzeige eingefangen».

Gerhard Lob, Lugano

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