PORTRÄT: Geri Müller taucht politisch wieder auf

Er gilt als Idealist und beschäftigt sich mit Krisen auf der ganzen Welt. Nach der Nackt-Selfie-Affäre betritt Geri Müller ab Montag wieder politisches Parkett. Ob er das meistert, muss sich weisen.

Lukas Leuzinger
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Es dürfte Geri Müller nicht leicht fallen, nach seiner Nackt-Selfie-Affäre wieder im Rampenlicht zu stehen. (Bild: Keystone/Ennio Leanza)

Es dürfte Geri Müller nicht leicht fallen, nach seiner Nackt-Selfie-Affäre wieder im Rampenlicht zu stehen. (Bild: Keystone/Ennio Leanza)

Der kommende Montag wird kein einfacher für Geri Müller. Am Morgen steht eine Sitzung des Badener Stadtrats auf dem Programm – die erste unter der Leitung von Müller, seit dieser bekannt gegeben hatte, dass er als Stadtammann nicht zurücktritt. Am Nachmittag beginnt in Bern die Herbstsession des Parlaments.

Müller wird im Rampenlicht stehen. Seit dem 17. August dürfte ihm das schwerer fallen als auch schon. An diesem Tag machte die «Schweiz am Sonntag» die Chat-Beziehung öffentlich, die der grüne Nationalrat mit einer jungen Frau geführt hatte. Im Verlauf des Chats hatte er auch intime Fotos von sich verschickt.

«Naiv und dumm»

«Naiv und dumm» war das, wie Müller später eingestand. Aber nicht strafrechtlich relevant. Der Verdacht des Amtsmissbrauchs, der zunächst im Raum stand, fiel schnell in sich zusammen. Das nützte dem 53-Jährigen aber nichts mehr: Der Skandal war da, das Medienkarussell begann zu drehen, und die politischen Folgen liessen nicht lange auf sich warten.

Als Müller vergangenen Dienstag ankündigte, in sein Amt als Stadtammann zurückzukehren, reagierten seine Regierungskollegen postwendend, indem sie ihm seine Ressorts entzogen. Ihm bleiben nur noch die Aufgaben, die ihm von Gesetzes wegen zugeordnet sind. Im Wesentlichen darf er jetzt noch die Sitzungen leiten und bleibt Vorsteher der Polizei und der Verwaltung. Dennoch will Geri Müller weitermachen. Träte er zurück, würde «schweizweit ein Präjudiz» für die Verletzung des Persönlichkeitsschutzes geschaffen, begründete er den Entscheid in einer Mitteilung. Das passe zu ihm, sagen Leute, die ihn kennen. Er politisiere unbestechlich und kompromisslos, sei keiner, der Widerständen ausweiche.

Atomkraftgegner und Israel-Kritiker

In der Vergangenheit machte er sich damit nicht nur Freunde. In den Anfangszeiten seiner politischen Karriere machte er sich als vehementer Atomkraftgegner einen Namen. Landesweit bekannt wurde der ausgebildete Psychiatriepfleger aber später vor allem als engagierter Aussenpolitiker im Nationalrat. Von 2007 bis 2009 präsidierte er die Aussenpolitische Kommission. Geschätzt wird seine Neugier; oft ist er auf Reisen, nicht selten auch in Krisen­gebieten, um sich vor Ort ein Bild zu machen.

Verständnis für Putin

Mit seinen Meinungsäusserungen eckt Müller immer wieder an. Der US-amerikanischen Aussenpolitik steht er kritisch gegenüber. Als Nationalrat reichte er mehrere Vorstösse zu den Aktivitäten der CIA in der Schweiz ein. Auch sonst nahm er sich mit klaren Positionsbezügen nicht zurück. So zeigte er in der Ukraine-Krise Verständnis für den russischen Präsidenten Wladimir Putin.

Besonders intensiv beschäftigt er sich aber mit dem Nahostkonflikt, wo er sich klar auf die Seite der Palästinenser stellt. Seit Jahren geisselt er die israelische Besatzungspolitik. Aufregung löste Müller vor zwei Jahren aus, als er sich im Bundeshaus mit Vertretern der radikalislamischen Hamas traf. Die Reaktionen reichten von Befremden bis Empörung. Müller betonte wiederholt, es sei ihm wichtig, beide Seiten eines Konflikts anzuhören. Seine Kritik zielt trotzdem meistens auf die israelische Seite.

Provokationen bringen Feinde

Mit seinem Engagement schuf sich der Grüne viele Feinde. Da verwundert es auch wenig, dass bei der Veröffentlichung der intimen Chat-Nachrichten offenbar auch politische Gegner involviert gewesen sein sollen. Wenig verwunderlich auch, dass die Affäre zum Anlass genommen wurde, um alte Geschichten, wie den Besuch der Hamas-Vertreter, wieder aufzuwärmen.

Müller wird als Politiker beschrieben, der gerne provoziert. Dabei attestieren ihm auch politische Gegner, er wirke authentisch und lebe das, was er sage. Müller glaubt fest daran, dass ein friedliches Zusammenleben von Juden und Palästinensern möglich ist. Politische Weggefährten sehen ihn als Idealisten. «Er sieht manchmal die Realitäten ein bisschen zu wenig», sagt einer. Das sei ihm bei seiner Online-Bekanntschaft zum Verhängnis geworden.

Vertrauen noch da?

Im persönlichen Umgang wird Geri Müller als angenehm und korrekt beschrieben. Er spielt im FC Nationalrat, wo er seit Jahren Stammtorhüter ist. Seine umgängliche und ehrliche Art habe ihm in Baden viel Sympathie eingebracht – sonst wäre der Linke in dem bürgerlich dominierten Städtchen kaum zum Stadtammann gewählt worden.

Wie lange Müller Stadtammann bleibt, steht in den Sternen. Er wolle weitermachen, wenn das Vertrauen noch da sei, hatte er an der Medienkonferenz vor zwei Wochen gesagt. Ob das Vertrauen noch da ist, müssen letztlich die Badener Stimmbürger entscheiden. Die nächste Wahl des Stadtammanns ist auf 2017 angesetzt.