PORTRÄT: Geschichtsunterricht mit der Jungen SVP

Am Samstag wird Anian Liebrand (24) aus Beromünster JSVP-Präsident. Die Verteufelung von Christoph Blocher trieb ihn in die Politik.

Kari Kälin
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Anian Liebrand (24) aus Beromünster wird morgen zum Präsidenten der Jungen SVP Schweiz gewählt. (Bild Pius Amrein)

Anian Liebrand (24) aus Beromünster wird morgen zum Präsidenten der Jungen SVP Schweiz gewählt. (Bild Pius Amrein)

Ein Gegenkandidat ist nicht in Sicht, seine Wahl so gut wie sicher: In Jegenstorf BE küren morgen die Delegierten der Jungen SVP Schweiz Anian Liebrand (24) zu ihrem neuen Chef. Liebrand, bisher JSVP-Vizepräsident, folgt auf Erich Hess – und will die JSVP wieder zur schlagkräftigsten Politnachwuchsabteilung formen. Liebrand hat Themen definiert, mit denen er die medial dauerpräsente Juso vom Rampenlicht zu verdrängen hofft. Unter seiner Ägide will die JSVP das Referendum gegen die Ausdehnung der Personenfreizügigkeit auf Kroatien ergreifen und gegen den «Überwachungsstaat» kämpfen. Sie wird sich gegen die Verbotskultur – etwa beim Alkoholverkauf für Jugendliche oder beim Rauchen – auflehnen und sich gegen die Verdrängung der Schweizer Geschichte «aus dem Lehrplan 21» stemmen. Gegensteuer will die JSVP gleich selber geben, zum Beispiel mit kurzen, auf Internet abrufbaren Videobeiträgen, einer Art Schulfernsehen also.

«Weltwoche» anstatt «Bravo»

Das pädagogische Engagement kommt nicht von ungefähr. Liebrand hat seine politische Gesinnung weder von seinen eher neutralen Eltern noch von seinem stramm christlichdemokratischen Grossvater geerbt. Stattdessen haben ihn sein Freundeskreis und das «politisch links gepolte gymnasiale Umfeld», wie Liebrand sagt, dazu motiviert, mit 16 Jahren der JSVP und der Auns beizutreten.

Kurz nach der Jahrtausendwende erlebt Liebrand, wie Lehrer den Mahnfinger heben, wenn Schüler das Klassenzimmer im T-Shirt mit Schweizer Kreuz betreten. Damals steigt die SVP zur politisch stärksten Kraft des Landes auf. Die Gegner der Partei verteufeln die Galionsfigur Christoph Blocher. Während sich seine Mitschüler ins «Bravo» vertiefen, verschlingt Teenager Anian die «Weltwoche», die seine Eltern für ihn abonniert haben. Dank stundenlanger Lektüre der Blocher freundlich gesinnten Wochenzeitschrift verschaffte er sich argumentatives Oberwasser. «Heute gehört zu den Rebellen, wer als Jugendlicher rechts steht», blickt Liebrand (Lieblingsfach: Latein) auf seine politischen Anfänge zurück.

Rasch profiliert sich Liebrand, der als rechter Aussenverteidiger bei den Junioren des FC Gunzwil tschuttet, mit Basisarbeit: als emsiger Flyerverteiler, als Organisator, der anpackt – und an Samstagabenden in Luzern in Guerilla-Manier linke Werbung mit SVP-Plakaten gegen die «Ostmilliarde» überklebt, während Gleichaltrige in der Disco herumschäkern. Sein politisches Talent fällt erstmals öffentlich auf, als er 2007 die Kampagne leitet, mit der die SVP Luzern den 20-Millionen-Beitrag des Kantons an die Fusion von Luzern und Littau bodigt.

Eine Art Sozialarbeiter

Und natürlich setzt Liebrand auf die Ausländerkarte. Mit Musterbriefen gegen Einbürgerungskandidaten handelt er sich ein Strafverfahren wegen Rassismus ein, das später eingestellt wird. «Anian ist ein Chrampfer mit sanften Umgangsformen, politisch ein Hardliner», sagt der Luzerner SVP-Nationalrat Felix Müri. Mit heiligem Eifer stemmt sich der Jungpolitiker gegen alles, hinter dem er einen «internationalistischen Zeitgeist» wittert.

Langsam mausert sich Liebrand, der 2009 die Wirtschaftsmittelschule in Luzern mit der kaufmännischen Berufsmatura abschliesst, zur national bekannten Figur. Etablierten Parteigrössen fährt er nicht mehr derart an den Karren wie noch als 19- oder 20-Jähriger. Provokation um der Provokation willen: «Das bringt nichts», sagt Liebrand heute. Diplomatisches Geschick ist auch als Parteisekretär der SVP Luzern (seit 2011) gefragt. In dieser Funktion mutiert er manchmal zum Sozialarbeiter, der zahlreichen Anrufenden wahlweise einen Job oder eine Wohnung vermitteln soll. «Als SVP-Sekretär erlebt man so einiges», sagt Liebrand.

«Er hat eine klare Vorstellung, wohin politisch die Reise gehen soll», sagt der Luzerner Maurus Zeier, Präsident der Schweizer Jungfreisinnigen. Zeier beschreibt Liebrand als «gmögigen Typ» mit Tendenz zu Verschwörungstheorien. Er verweist auf die Internetplattform «info8.ch», die Liebrand dank eines fünfstelligen Sponsorbeitrags auf die Beine gestellt hat – und auf der er Anlässe wie «9/11 – was geschah wirklich?» ankündigt. Dieses Thema würde Liebrand heute nicht mehr aufgreifen. Man werde rasch in die Ecke der Verschwörungstheoretiker gedrängt – obwohl beim besagten Anlass renommierte Referenten wie der bekannte Friedensforscher Daniele Ganser aufgetreten seien.

Parteizugehörigkeit als Flirtbremse

Via «info8.ch» gelingt es Liebrand immer wieder, namhafte Referenten nach Luzern zu locken, wie zum Beispiel vor einem Jahr den kürzlich verstorbenen deutschen Eurokritiker Wilhelm Hankel. Momentan bemüht er sich intensiv um den britischen Oppositionsführer Nigel Farage von der Partei Ukip – die tiefe EU-Skepsis verbindet die beiden.

Vorerst will Liebrand aber die JSVP auf Vordermann bringen. Dafür investiert er an zwei Fronten in seine Bildung: Er plant ein Studium an einer Wirtschaftsfachhochschule – und will noch in diesem Jahr die Autoprüfung ablegen. Als fleissiger ÖV-Benutzer wird er heute von Parteikollegen häufig als «Grüner» begrüsst, der dann aber doch häufig auf einen Privatchauffeur, wie unter anderem SVP-Kantonalpräsident Franz Grüter, angewiesen ist. Auch privat hat Liebrand, der noch bei seinen Eltern in Beromünster wohnt, sein Glück gefunden. Seit kurzem ist er liiert, obwohl sich seine Parteizugehörigkeit auch schon auf Flirts hemmend auswirkte, wie er schmunzelnd einräumt. Bei Liebrands Freundin war das jedoch kein Problem: Sie ist ebenfalls in der SVP.