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PORTRÄT: Keller-Sutters Ständeratspräsidium ist womöglich nur der vorläufige Höhepunkt

Die St. Galler FDP-Politikerin Karin Keller-Sutter gehört zu den einflussreichsten Parlamentariern im Bundeshaus. Viele sehen im Ständeratspräsidium deshalb nur den vorläufigen Höhepunkt ihrer Politkarriere.
Tobias Bär
Karin Keller-Sutter präsidiert ab Ende Monat die kleine Kammer. (Bild: Christian Beutler, Keystone (Bern, 25. September 2017))

Karin Keller-Sutter präsidiert ab Ende Monat die kleine Kammer. (Bild: Christian Beutler, Keystone (Bern, 25. September 2017))

Tobias Bär

Es ist ein Ritual der Schweizer Politik, das sich jedes Jahr wiederholt: Der neue Ständeratspräsident fährt mit dem Extrazug von Bern in den Heimatkanton, mit an Bord hohe Gäste aus Politik und Wirtschaft. Bei Karin Keller-Sutter, die ab Ende Monat die kleine Kammer präsidieren wird, ist das nicht anders. Aussergewöhnlich ist allerdings die mediale Aufmerksamkeit, die ihr vor der Wahl zuteil wird. Auch Westschweizer Zeitungen haben in den vergangenen Tagen Porträts publiziert. Wer über Keller-Sutter schreibt, der schreibt eben nicht «nur» über die neue Ständeratspräsidentin, sondern möglicherweise auch über eine künftige Bundesrätin. Geht es um die Nachfolge von Johann Schneider-Ammann, der sich im Herbst seiner Amtszeit befindet, dann fällt der Name der St. Galler FDP-Ständerätin an erster Stelle. Gegen eine Bundesrätin Keller-Sutter spreche einzig, dass sie von der Konkurrenz als «zu brillant» eingestuft werden könnte, schreibt die Zeitung «Le Temps». Der Urner FDP-Ständerat Josef Dittli sagt: «Sie ist klar die stärkste Politikerin im Bundeshaus.»

Sie verfüge über ein ausgezeichnetes Fachwissen, über eine beeindruckende Selbstkontrolle, und sie arbeite extrem viel – das sagen Parlamentarier über Keller-Sutter, die auf einen persönlichen Mitarbeiter zur Bewältigung der Arbeitslast im Parlament verzichtet. «Das Leistungsprinzip habe ich von meinem Vater mit auf den Weg bekommen», sagt die 53-Jährige. Bis Anfang der 80er-Jahre wirteten die Eltern in einem Restaurant unmittelbar beim Bahnhof in Wil – wo die Ständerätin zusammen mit ihrem Mann, einem Gerichtsmediziner, noch immer lebt. Als der Vater starb, war Keller-Sutter erst 25.

Von der Justiz-Hardlinerin zur Wirtschafts- und Sozialpolitikerin

Die Ostschweizerin ist nicht bekannt für philosophische Abhandlungen, ihre Äusserungen sind stets sachbezogen. Man könnte sagen: Keller-Sutter politisiert maximal ergebnisorientiert. Auf dem Weg zum Ziel geht ihr Blick über die Parteigrenzen hinaus. CVP-Ständerat Konrad Graber (LU), mit dem sich Keller-Sutter bei der Rentenreform beharkte, sagt: «Bei dieser Vorlage gab es für einmal unüberbrückbare Differenzen. Ansonsten erlebe ich sie als sehr offen für andere Ansichten und durchaus kompromissbereit.» Ihr gutes Einvernehmen mit dem SP-Politiker und Gewerkschaftspräsidenten Paul Rechsteiner, dem anderen St. Galler Ständerat, wird von beiden reflexartig hervorgehoben. Ohne dass man ihn konkret nach dem Verhältnis gefragt hätte, antwortet Rechsteiner auf das Stichwort Keller-Sutter per SMS: «Kann die ausgezeichnete Zusammenarbeit unabhängig von unterschiedlicher politischer Orientierung bestätigen.» Keller-Sutter bezeichnet sich selber als rechtsbürgerlich. Als sie sich als St. Galler Justiz- und Polizeidirektorin und auch als Präsidentin aller kantonalen Justizdirektoren mit den Fussball-Hooligans anlegte, trug sie zusätzlich das Etikett der «Hardlinerin». Nach ihrer Wahl in den Ständerat im Jahr 2011 hat sie sich einen neuen Mantel zugelegt. «Ich wollte mich mit dem Wechsel nach Bern neuen Themen zuwenden», sagt Keller-Sutter. Diese Themen sind: Wirtschaft, Soziales und Aussenpolitik.

In all diesen Bereichen ist die Ständerätin inzwischen eine wichtige Stimme ihrer Partei. Die Rentenreform hat sie an vorderster Front und schliesslich erfolgreich bekämpft. In der Europapolitik steht Keller-Sutter für die skeptische Haltung ihrer Partei.

Dabei hatte sie einst für den EWR-Beitritt gestimmt. Die FDP-Politikerin sitzt unter anderem im Vorstand des Arbeitgeberverbandes.

Vertrauensverhältnis zu den Kollegen aus der Innerschweiz

Keller-Sutter gehört ohne Zweifel zu den einflussreichen Parlamentariern. Doch wie macht man im Bundeshaus seinen Einfluss geltend? Entscheidend sei eine starke Stellung in der Fraktion und in den wichtigen Kommissionen, von Vorteil ein guter Draht zum Bundesrat, so Keller-Sutter. Während ihr Fachwissen breit anerkannt ist, ergibt sich bei den weichen Faktoren ein weniger einheitliches Bild. Josef Dittli bezeichnet sie als «warmherzig». Für einen anderen Parteikollegen, der nicht genannt werden will, ist Keller-Sutter keine «Teamplayerin, sondern eine Einzelsportlerin», die Dossiers an sich reisse. Die Ostschweizerin beteiligt sich durchaus am ungezwungenen, geselligen Teil des Politikerdaseins in Bern, dies oft in Gesellschaft der Innerschweizer FDP-Ständeräte. Aber: «Für all die Apéros während der Session fehlt mir die Zeit, auch Lobbying-Anlässe besuche ich inzwischen nur noch selten», sagt sie. Mit den Medien pflegt sie ein gutes Verhältnis. Keller-Sutter weiss um den Wert einer positiven Berichterstattung.

Über ihre Interessen ausserhalb der Politik äussert sie sich zurückhaltend. Eine wichtige Rolle spielt ihr Hund, ein 15-jähriger Parson Russell Terrier. Ihn bezeichnet Keller-Sutter als ihren «besten Kollegen». Geht es um die Musik, nennt die Freisinnige die Helden ihrer Kindheit und Jugend. Die Beatles. Auch The Clash. Die Musik der englischen Punkrockband erinnert die Katholikin an ihren Studienaufenthalt in London, «eine wilde Zeit». Die Ferien verbringt sie mit ihrem Mann gerne in der Schweiz, «auch weil ich in meiner Funktion oft im Ausland unterwegs bin». Mehr lässt sie sich nicht entlocken. «Das Mass an Exponiertheit, dem ich 2010 ausgesetzt war, reicht eigentlich für ein Politikerleben», sagt Keller-Sutter. Unter anderem sah sie sich bemüssigt zu erklären, warum sie kinderlos geblieben sei.

Das Risiko, ein zweites Mal zu scheitern, will sie nicht eingehen

Es war Bundesratswahlkampf, Keller-Sutter kandidierte als amtierende Regierungsrätin für die Nachfolge von Hans-Rudolf Merz und mauserte sich dabei zur Favoritin. Am Ende stand eine knappe Niederlage gegen Johann Schneider-Ammann und die grösste Enttäuschung in Keller-Sutters bisheriger Politkarriere. Mitentscheidend für ihr Scheitern war der Widerstand der Linken. Von dort kommen inzwischen positive Signale. SP-Parteipräsident Christian Levrat sagte kürzlich, er halte Keller-Sutter «für durchaus fähig». Ein grösseres Kompliment kann eine Frau der Wirtschaft vom Chef der Sozialdemokraten kaum erwarten. Grosse Sympathien geniesst die Ostschweizerin in der Romandie, die ausgebildete Dolmetscherin spricht ausgezeichnet Französisch und pflegt ihre Beziehungen in die Westschweiz.

Heuten stünden die Chancen also besser als noch vor sieben Jahren. Mehrere Mitglieder der FDP-Fraktion sagen aber: Keller-Sutter tritt nur an, wenn sie auf die bedingungslose Unterstützung der eigenen Partei zählen kann, wenn sie also keine ernst zu nehmende Konkurrenz aus den eigenen Reihen zu befürchten hat. Das Risiko, ein zweites Mal zu scheitern, will sie nicht eingehen. Bei allem Verständnis stösst dies auch auf Kritik: «Dass sie die Partei verpflichten will, ihr allfällige Konkurrenten vom Leib zu halten, das geht einfach nicht», sagt ein FDP-Parlamentarier. Für einen anderen Parteikollegen, einen erklärten Fan, sind solche Stimmen Ausdruck des Neids, den eine «überdurchschnittlich begabte Politikerin automatisch auslöst».

Möglich, dass die Karriere dieser Politikerin in einem Bundesratssitz gipfelt. Möglich ist aber auch, dass es bei der Ständerätin bleibt. «Ich bin glücklich im Ständerat und strebe kein anderes Amt an», sagt Keller-Sutter. Und niemand glaubt ihr.

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