POST: «Die Post ist Herzenssache»

Sie ist die mächtigste Wirtschaftsfrau des Landes und Herrin über 62 000 An­gestellte: Post-Chefin Susanne Ruoff (56) ist trotz digitaler Entwicklung überzeugt, dass der gute, alte Brief nicht aussterben wird.

Interview Robert Bossart
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«Ich bin ein Fan der Zentralschweiz.» (Bild Pius Amrein)

«Ich bin ein Fan der Zentralschweiz.» (Bild Pius Amrein)

Wann haben Sie das letzte Mal dem Pöstler die Tür geöffnet?

Susanne Ruoff: Zwischen Weihnachten und Neujahr, da hatte ich ein paar Tage frei. Ich schreibe auch selber sehr gerne Briefe und Karten, das ist viel persönlicher als eine SMS oder eine E-Mail.

Sind Sie auch noch müde von der Weihnachtszeit wie viele Ihrer Mitarbeiter, die Sonderschichten einlegen mussten, um die vielen Päckli rechtzeitig zuzustellen?

Ruoff: Die Leute in den Brief- und Paketzentren sind gut auf den Ansturm vorbereitet und haben einen super Job gemacht. Darum musste ich nicht auch noch helfen, Pakete zu verteilen, sondern konnte mich ein paar Tage erholen.

Rund 18 Millionen Päckli wurden in der Weihnachtsperiode verschickt ...

Ruoff: Das ist ein neuer Rekord und zeigt, dass die Menschen vermehrt Pakete verschicken.

Also geht es der Post glänzend – oder ist das nur ein weihnächtliches Phänomen?

Ruoff: Die Post ist ja ein Mischkonzern – wir haben das Bankwesen, die Postautos und Briefe und Pakete, aber auch Werbesendungen und elektronisches Dokumentenmanagement. Alles in allem geht es uns gut, aber das Briefgeschäft geht kontinuierlich zurück, und wir sind konfrontiert mit einem starken Margendruck und einem Defizit im Poststellennetz.

Irgendwann kommt der Tag, an dem niemand mehr einen Brief auf Papier schreibt und per Post verschickt – wie lange wird der Pöstler mir noch meine Post bringen?

Ruoff: Ich glaube nicht, dass der Brief verschwindet. Der Mensch hat letztlich gerne ein physisches Dokument, etwas, das er anfassen kann. Es ist klar, dass wir pro Jahr etwa zwei Prozent weniger Briefe haben, es wird auch weiter abnehmen. Aber ich denke, dass sich das irgendwann einpendeln wird. Wir stehen übrigens in der Schweiz ganz gut da, Dänemark hat pro Jahr 11,5 Prozent weniger Briefe. Und wegen dem Pöstler müssen Sie keine Angst haben, schliesslich haben wir einen Auftrag im Postgesetz.

Was boomt, ist das Online-Shopping, das der Post viele Pakete bringt, die sie zustellen muss. Wie kaufen Sie Ihre Kleider?

Ruoff: Ich bin auch eine Online-Einkäuferin, da ich berufsbedingt meist während der normalen Ladenöffnungszeiten keine Zeit habe (lacht). Ein Online-Shop ist immer offen, das ist praktisch. Wenn ein Kleidungsstück nicht passt, können sie es sogar vom Pöstler zu Hause abholen lassen.

Man kann sich etwas schicken lassen und es zurückschicken, wenn es nicht passt. Super – vor allem auch für die Post, die daran verdient.

Ruoff: Da haben Sie natürlich recht. Wir haben deshalb auch ein E-Commerce-Angebot, bei dem die Kunden alles, was im Onlinehandel nötig ist, mit uns ganz einfach abwickeln können.

Das traditionelle Postgeschäft ist emotionsgeladen. Die Post bedeutet eine Art Heimat, es gehört irgendwie zur Schweiz, dass im hintersten ­Krachen eine kleine Poststelle geöffnet hat, obwohl immer weniger Menschen davon Gebrauch machen. Müssen Sie auch die nostalgischen Sehnsüchte der Schweizer bewirtschaften?

Ruoff: Das Schöne ist ja, dass die Post im Herzen der Menschen einen Platz hat. Das löst Emotionen aus, diese können positiv und negativ sein. Dem müssen wir Beachtung schenken. Aber wir sind ein Unternehmen, das es seit 165 Jahren gibt, in dieser Zeit hat sich vieles geändert. Wir fahren schliesslich auch nicht mehr mit der Postkutsche über den Gotthard. Wenn man die Leute fragt, wann sie den letzten Brief geschrieben hätten oder wann sie das letzte Mal auf einer Postfiliale gewesen seien, merken sie, dass Anspruch und Realität oftmals auseinanderklaffen. Der Bundesrat hat uns im Übrigen auch den Auftrag gegeben, unternehmerisch tätig zu sein, ­deshalb muss unsere Infrastruktur auch bezahlbar sein.

Eine Balance zwischen Tradition und Rentabilität?

Ruoff: Eine Balance zwischen unternehmerischer Tätigkeit, Grundversorgungs­auftrag und gewandelten Kundenbedürfnissen. Heute haben wir viele elektronische Angebote, etwa, dass man per SMS innert Sekunden eine Briefmarke kaufen kann. Das ist der Weg. Wir leben heute in einer Jetzt-Gesellschaft. Die Post muss aber für viele Kundengruppen Angebote haben und diese auch noch wirtschaftlich betreiben. Wir haben immer mehr ältere Menschen mit anderen Bedürfnissen als junge Leute, die kaum mehr Briefe schreiben. Darum gibt es zum Beispiel ein Postkarten-App. Damit verbinden wir die physische mit der digitalen Welt. Wir müssen mit der Zeit und den Menschen gehen.

Dennoch bricht ein Wehklagen los, wenn eine Filiale geschlossen wird – und Sie sind die böse Chefin, die diesen Umbruch vorantreibt, sowohl bei der Bevölkerung wie bei den Angestellten, die um ihre Stelle fürchten. Sie haben es nicht einfach ...

Ruoff: Das ist so, aber sind wir ehrlich: Wenn man sich von etwas trennen muss, das einem zur Gewohnheit geworden ist, löst das immer Emotionen aus. Es ist wichtig, dass wir das Gespräch suchen und versuchen, Lösungen zu finden. Wir befinden uns auch ein wenig in einer Verarbeitungsperiode. Wenn wir eine Postfiliale in eine Agentur umwandeln, wie wir das in zahlreichen Dorfläden bereits getan haben, stösst man zuerst auf Skepsis in der Bevölkerung. Aber kaum hat sich diese neue Lösung etwas eingespielt, sind die Leute froh, weil unter anderem die Öffnungszeiten wesentlich besser sind als vorher.

Sie scheinen nicht jemand zu sein, der mit dem Zweihänder agiert.

Ruoff: Nein, ich versuche, offen und mit Fingerspitzengefühl ans Werk zu gehen.

Werden Sie auf der Strasse auch ­kritisiert?

Ruoff: Aber sicher! Vor allem dort, wo der Umbau der Post auch tatsächlich stattfindet.

Mussten Sie auch schon die eine oder andere böse Bemerkung einstecken?

Ruoff: Ja, aber ich versuche immer, die Emotion zu verstehen – und unsere Beweggründe zu erklären. Wie gesagt: Die Postkutsche gibt es nicht mehr, wir gehen als ganze Gesellschaft immer weiter, da muss man von Gewohnheiten Abschied nehmen können. Und es braucht immer wieder einen Neustart.

Kritisiert werden auch die Postfilialen, die wie Gemischtwarenläden daherkommen – gibt es eine Grenze, Dinge, die Sie nie verkaufen werden?

Ruoff: Wein oder Offenfleisch wird es sicher nie geben (lacht), es sind immer Produkte, die in irgendeiner Form zur Post passen. Damit wir die defizitären Poststellen rentabel gestalten können, sind diese Zusatzprodukte sinnvoll. Oder würden Sie auf eine halbe Milliarde Umsatz verzichten?

Tja, wohl eher nicht.

Ruoff: Zudem bieten wir ja auch Produkte von KMU-Unternehmen an, die wir über den Postshop verkaufen. Das hilft auch dem lokalen Kleingewerbe. Ich befürworte das: Den KMU in der Schweiz einen Absatzkanal zur Verfügung zu stellen.

Sie haben insgesamt 62 000 Angestellte – wie fühlt sich das an?

Ruoff: Man kann durch die ganze Schweiz reisen und trifft überall immer wieder Mitarbeiter. Das ist toll.

Sie kennen wohl nur die wenigsten.

Ruoff: Das stimmt, aber fast alle kennen mich (lacht). Ich versuche, möglichst viel und oft mit Mitarbeitenden in Kontakt zu treten und eine gewisse Nähe herzustellen.

Sie pflegen einen partizipatorischen Führungsstil, wie sieht der aus?

Ruoff: Ich bin weder die Diktatorin noch die Hierarchin. Ich pflege einen integrativen Stil und will, dass wir eine möglichst gute Diskussionskultur pflegen. Es muss auch offene Kritik mit konstruktiven Lösungen Platz haben. In unserer Zeit ist es nicht mehr so, dass einer alles weiss. Heute ist entscheidend, ein gutes Team zu haben, das in einer sich immer schneller verändernden Welt rasch und richtig entscheiden kann.

Wie sieht ein Arbeitstag aus?

Ruoff: Ich bin jemand, der am Morgen sehr produktiv ist. Ich bin eine Frühaufsteherin und starte ganz still und allein bei mir im Büro.

Wie früh?

Ruoff: Ich stehe meist zwischen fünf oder halb sechs auf. Aber ich will hier gar nicht aufzeigen, dass ich so und so viel arbeite. Wichtiger ist, zu wissen, wann ich am effizientesten bin, um das zu machen, was ich mir vorgenommen habe und was von mir verlangt und erwartet wird. Darum brauche ich die frühen Morgenstunden, um mich vorzubereiten. Es gibt viel zu lesen und zu planen. Der spätere Tag besteht dann zu einem grossen Teil darin, mit vielen Menschen zu reden. Ich beschäftige mich sehr viel auch mit Kunden und Kundenbedürfnissen. Wir müssen, wenn immer möglich, der Entwicklung einen Schritt oder zwei voraus sein – das zu erkennen und entsprechende Massnahmen einzuleiten, gehört zu meinen Hauptaufgaben.

Und der Feierabend, ist der nach oben offen?

Ruoff: Oft halte ich ein Referat oder nehme an einer Veranstaltung teil. Hin und wieder gehe ich abends auch einfach ganz ruhig auf einen Spaziergang und «lüfte» den Kopf.

Schlafen Sie auch mal acht Stunden?

Ruoff: Acht Stunden? Eine Langschläferin bin ich nicht, aber mir ist genügend Schlaf wichtig. In meiner anspruchsvollen Position brauche ich Erholung, da man sich auch von gewissen Dingen lösen können muss, um wieder Energie zu tanken.

Woher nehmen Sie die Zuversicht, dass Sie dieses Riesenschiff Post auf Kurs halten können?

Ruoff: Ich habe früher viel gesegelt und kenne mich entsprechend auf unruhigen Gewässern aus. Den Kurs muss man halten, das ist klar, man muss aber auch früh genug die Wetterböen erkennen und Optionen bereithaben, wenn plötzlich die Wellen kommen.

Ihr Werdegang ist eindrücklich, Sie liessen sich ursprünglich zur Primarlehrerin ausbilden und sind nun die mächtigste Wirtschaftsfrau des Landes. Was können Sie so gut?

Ruoff: Ich glaube, man darf nie stillstehen, man muss sich immer weiterbilden und Erfahrungen sammeln und den Mut haben Neues anzupacken. Und nicht auf dem sitzen bleiben, was man hat – weil das schon morgen wieder anders sein wird. Das alles treibt mich dauernd und hat es schon immer getan. Auch als Kind schon. Was man heute hat, hat man morgen vielleicht nicht mehr. Darum muss man immer frühzeitig überlegen, wie es weitergehen könnte. Das ist meine Stärke.

Sie sind eine von wenigen Frauen in einer solchen Position, was halten Sie von Frauenquoten?

Ruoff: Nicht viel, es braucht Kompetenzen, egal ob Mann, Frau, jung, alt, Romand oder Deutschschweizer. Wichtig ist, dass man verschiedene Denkweisen in einem Team hat. Darum finde ich es schade, dass es nicht mehr Frauen in Führungspositionen hat. Frauen dürften da ruhig noch etwas mutiger sein.

Viel Freizeit haben Sie wahrscheinlich nicht. Wie verbringen Sie diese kostbare Zeit am liebsten?

Ruoff: Draussen. Wandern, Ski fahren, Skitouren – und Reben.

Ihr Mann hat einen Rebberg und macht zudem den Haushalt. Empfängt er Sie am Abend mit einem feinen Znacht und einem Glas Wein vom eigenen Rebberg?

Ruoff: Kochen ja, Wein unter der Woche eher selten, aber am Wochenende kann das vorkommen, ja. Vor allem aber helfe ich gerne im Rebberg, wenn ich Zeit habe, das ist eine schöne und spannende Arbeit.

Sie wohnen in Crans-Montana. Fahren Sie jeden Abend zwei Stunden nach Hause?

Ruoff: Nein, ich habe hier in Bern noch eine Bleibe. So lange zu pendeln, kann ich mir nicht leisten, ausserdem ist es wichtig, sich abends mit verschiedensten Leuten aus Politik und Wirtschaft auszutauschen, darum wohne ich unter der Woche in der Hauptstadt.

Es gibt «Post-Stereotypen». Etwa, dass Pöstler häufig von Hunden gebissen werden. Stimmt das?

Ruoff: So viel ich weiss, führen wir eine Biss-Statistik. Es kommt nur selten vor, dass ein Pöstler gebissen wird. Stürze auf Eis und Schnee sind da wichtiger in unserer Unfallstatistik. Wir unterscheiden auch nicht, von wem der Pöstler gebissen wurde, es kann also auch ein anderes Tier gewesen sein.

Noch ein Klischee: Meine Vater witzelte früher immer, dass ich möglicherweise nicht von ihm, sondern vom Pöstler abstamme ...

Ruoff: So? Dazu führen wir keine Statistik, aber solche Klischees gibt es viele. Und je nachdem steht nicht nur der Postangestellte, sondern auch der Milchmann oder der Gärtner unter «Verdacht» (lacht).

Die Post ist in jeder Ecke der Schweiz vertreten und hat deshalb etwas Verbindendes. Was verbindet Sie mit der Zentralschweiz?

Ruoff: Zuerst das Geschäftliche: Wir haben in der Zentralschweiz überdurchschnittlich viele Lehrlinge und sind auch punkto Arbeitsplätze gut vertreten. Ich selber liebe die Gegend, sie bietet wunderbare Wandermöglichkeiten, und die Stadt am See mit dem KKL und den Sehenswürdigkeiten ist natürlich einmalig schön. Ich bin ein Fan der Zentralschweiz und war früher oft segeln auf dem Vierwaldstättersee.

Letzte Frage: Gibt es einen schönsten Brief, den Sie in Ihrem Leben erhalten haben?

Ruoff: Die Briefe meines Mannes! Er hat mir viele geschrieben, die ich alle aufbewahrt habe. Die sind nicht durch SMS-Botschaften zu ersetzen. Aber auch heute freut mich jeder Weihnachtsbrief, den ich bekomme. Briefe werden nicht verschwinden, weil diese Art des Ausdrucks zum Menschen gehört.