Wikileaks

Postfinance: Die Chronik eines PR-Debakels

Postfinance tritt von einem Fettnapf in den nächsten. Jetzt droht auch noch ein Verfahren wegen Julian Assanges Konto.

Benno Tuchschmid
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Keystone

Postfinance tritt von einem Fettnapf in den nächsten. Jetzt droht auch noch ein Verfahren wegen Julian Assanges Konto.

4. Dezember Seit kurzem ist klar, dass der Wikileaks-Gründer Julian Assange in der Schweiz ein Postkonto eröffnet hat. Wikileaks-Unterstützer sollen mit Spenden helfen, die Anwaltshonorare Assanges zu bezahlen. Die Schweizer Post sagt auf Anfrage der az, sie halte das Konto für unbedenklich. «Postfinance unterhält eine Privatkunden-Geschäftsbeziehung«, sagte ein Sprecher in der az vom 4. Dezember. Postfinance sehe zurzeit «keine zwingenden Gründe, das Konto aufzulösen», so der Sprecher weiter.

5. Dezember Die «NZZ am Sonntag» berichtet ebenfalls über das Schweizer Konto des Wikileaks-Gründers. Doch jetzt äussert sich Postfinance plötzlich anders. «Gegenwärtig überprüfen wir die Geschäftbeziehungen mit Julian Assange.»

6. Dezember Jetzt berichten auch internationale Medien über das Schweizer Konto von Assange - Postfinance reagiert: «Postfinance beendet die Geschäftsbeziehungen zu Wikileaks-Gründer Julian Paul Assange», schreibt das Unternehmen in einem Communiqué. Der Grund: Assange habe bei der Kontoeröffung «falsche Angaben» gemacht. Bedingung für ein Postkonto ist unter anderem ein Wohnsitz in der Schweiz.

7. Dezember Postfinance wird von Hackern attackiert. Nachdem Postfinance die Beendung der Geschäftsbeziehungen bekannt gegeben hatte, riefen umgehend Hacker und Wiki-leaks zu Racheaktionen auf. Die Hackergruppe «Anon_Operation» starteten «Operation Payback» (Operation Rache). Mit so genannten DDoS-Attacken (Distributed Denial of Service) griffen sie die Postfinance-Website an. DDos-Attacken haben zum Ziel, dass das Angriffsziel nicht mehr verfügbar ist. Und so war es denn auch: In der Nacht auf den 7. Dezember war die Website postfinance.ch nicht mehr erreichbar.

11. Dezember Pascal Lamia, Leiter der Melde- und Analysestelle Informatiksicherheit des Bundes (Melani) empfiehlt Postfinance in einem Interview mit «Tages-Anzeiger» und «Der Bund», gegen die Hacker eine Strafanzeige einzureichen. Denn Ermittlungsbehörden könnten nur aktiv werden, wenn eine Strafanzeige vorliege. Beim Angriff auf die Website waren auch Nutzer aus der Schweiz beteiligt. Ein Postfinance-Sprecher sagt, die Anzeige werde gegenwärtig im Rahmen der juristischen Aufarbeitung des Falles abgeklärt.

12. Dezember Die «SonntagsZeitung» berichtet, dass die Strafverfolgungsbehörden des Kantons Bern ein mögliches Verfahren gegen Postfinance abklärt. Es geht um eine Verletzung des Postgeheimnisses. «Wir prüfen, ob im Zusammenhang mit der Postfinance-Medienmitteilung strafbare Handlungen vorliegen», sagt Hermann Wenger, Untersuchungrichter Bern-Mittelland, gegenüber der «SonntagsZeitung». Laut Postfinance-Sprecher Marc Andrey ist das Unternehmen bis zum Freitag nicht über entsprechende Untersuchungen informiert worden. Die Postfinance gehe aber davon aus, mit der Veröffentlichung der Kündigung des Kontos das Postgeheimnis nicht verletzt zu haben.