«Problematische Entwicklung»: Kinderpsychologe Allan Guggenbühl über Digitalisierung im Vorschulalter

Die Digitalisierung ist in Kindertagesstätten und Klassenzimmern angekommen. Eltern werden via App oder Mail über das Geschehen ausserhalb des Elternhauses informiert – oftmals ungefiltert. Für den renommierten Kinderpsychologen Allan Guggenbühl ist dies eine «problematische Entwicklung».

Stefanie Geske
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Der renommierte Kinder- und Jugendpsychologe Allan Guggenbühl steht der Digitalisierung im Vorschulalter kritisch gegenüber. (Bild: allanguggenbuehl.ch)

Der renommierte Kinder- und Jugendpsychologe Allan Guggenbühl steht der Digitalisierung im Vorschulalter kritisch gegenüber. (Bild: allanguggenbuehl.ch)

Die Kita Nano in Baar informiert die Eltern neu via App beinahe in Echtzeit, was ihre Schützlinge gerade machen (wir berichteten). Der renommierte Kinderpsychologe Allan Guggenbühl äussert im Interview seine Bedenken zur Digitalisierung in Kindertagesstätten und Schulen.

Herr Guggenbühl, was halten Sie vom heutigen Trend, dass in Schulen und Kindertagesstätten immer mehr genau protokolliert wird, was dort passiert – sei es via App oder E-Mail?

Allan Guggenbühl: Das ist problematisch. Die Institutionen geben diese Informationen/Protokolle oftmals ungefiltert an die Eltern weiter.

Können Sie ein Beispiel geben?

Wenn zum Beispiel in der Schule protokolliert wird, dass das Kind einen Radiergummi ihrer Banknachbarin gestohlen und nicht zurückgegeben hat. Was soll ich mit dieser Info als Elternteil? Es  ist eine unsinnige Entwicklung, wenn alles sofort an die Eltern weitergeleitet wird.

Warum?

Kinder haben auch ein Recht auf Privatsphäre – das heisst, Recht auf einen privaten und persönlichen Bereich ausserhalb des Elternhauses. Ein Raum, wo sie sich entwickeln können, ohne kontrolliert zu werden. Die ständige Protokollierung, sei es durch eine App oder Protokolle der Schule, sind eine Verletzung der kindlichen Privatsphäre. Eltern müssen nicht alles wissen. Die Kita/Schule ist ein eigener Lebensbereich. Das sollte akzeptiert werden. Stellen Sie sich mal vor, die Ehefrau oder der Ehemann wissen zu jeder Zeit, was ihr Partner gerade wo tut. Das wäre Unsinn und bringt niemandem etwas!

Wie stehen Sie zu dieser Entwicklung?

Es handelt sich um eine Missachtung der kindlichen Privatsphäre – aus einem Kontrollbedürfnis heraus. Heute werden dazu Apps der Schule angeboten. Was ist der Zweck dieses digitalen Informations-Tsunamis? Viele Eltern teilen mir in meinen Seminaren mit, dass sie das Meiste gar nicht wissen wollen. Andere sind verunsichert und fragen, was ist nun mein Auftrag? Will die Lehrperson, dass ich mit meinem Sohn schimpfe? Sie erleben jedoch als ohnmächtig. – Es ist ja nicht ihre Aufgabe, sich in den schulischen Betrieb einzumischen. Sie sind überfordert ob der vielen Infos. Sollen sie nun schuld daran sein, dass die Tochter der Banknachbarin den Radiergummi geklaut hat?

Und was ist mit Ernstfällen und Krisensituationen?

In einem solchen Fall ist es natürlich wichtig, dass die Eltern informiert werden. Etwa bei Mobbing oder Übergriffen. Die Schule muss die Infos weitergeben, das mitteilen, was wichtig ist. In den meisten Fällen hat die Schule den Konflikt ohne Bezug und dem Informieren der Eltern zu lösen.

Wird Digitalisierung im Vorschulalter aus Ihrer Sicht ein wenig überschätzt?

Durch die Digitalisierung sind dem Umfang der Informationen keine Grenzen gesetzt. Wichtig ist darum, dass die Erzieher/Lehrer die Informationen selektionieren und nicht alles 1:1 an die Eltern weitergeben. Digitalisierung ist ein wichtiges Werkzeug, sie verändert jedoch die Schule nicht grundsätzlich. Sie ersetzt den Dialog zwischen Lehrperson und Schülern nicht. Die Schule ist nicht befreit von der Aufgabe, nur das weiterzugeben, was wichtig ist. Das betrifft die Kommunikation mit den Eltern, wie auch die Lernprozesse. 

Wie meinen Sie das genau?

Kinder wollen nicht alles teilen und erzählen Zuhause daher auch nicht alles. Aber eine App oder das Protokollieren aller Aktivitäten hat zur Folge, dass Kinder nicht mehr entscheiden können, was sie den Eltern mitteilen wollen. Die Digitalisierung schränkt die Kinder ein. Sie können nicht mehr so von der Schule berichten, wie sie wollen, ihre Geschichte erzählen, weil die Eltern eventuell schon alles wissen oder auf Kleinigkeiten herumreiten.

Und was ist mit den Eltern?

Eltern wollen gar nicht alles wissen! Sie haben durch die viele Protokollierung oftmals das Gefühl, sie müssten intervenieren und das Kind auf den richtigen Weg bringen. Aber die Eltern haben auf das Verhalten der Kinder in der Schule keinen grossen Einfluss. Die Überprotokollierung führt auch dazu, dass relevante Sachen wie etwa Mobbing, Übergriffe nicht mehr mitgeteilt werden.

Ist es eine Zeiterscheinung, dass Eltern ihre Kinder so wenig wie möglich alleine lassen und sie ständig behüten wollen?

Auf jeden Fall! Durch Apps und überflüssige Protokolle wird diese Entwicklung nur verstärkt. Sie machen Kitas und Schulen zu sehr lernfreien Institutionen. Die Qualität der Erziehung und Entwicklung leidet darunter. Viele Eltern haben das Gefühl, sie müssten die Entwicklung ihres Kindes so gut es geht optimieren oder sie würden nicht genug tun. Eltern laufen zum Teil in der Trennungszeit, wenn das Kind in Kita oder Schule ist, mit Schuldgefühlen herum. Die Kontrolle durch Apps kompensiert dieses Schuldgefühl.

Was raten Sie Eltern, die mit solchen Kontroll-Mechanismen in Schule und Kita konfrontiert sind?

Habt den Mut zu sagen, was man denkt. Wenn man mit der Informationsflut überfordert ist und mit den Infos nichts anfangen kann, soll es die Schule wissen. Gleichzeitig ist es wichtig, dass klar ist, wann die Schule die Eltern informiert und was sie dann von den Eltern erwartet.

HINWEIS
Allan Guggenbühl ist renommierter Kinder- und Jugendpsychologe aus Zürich. Sein neustes Werk «Für mein Kind nur das Beste –Wie wir unseren Kindern die Kindheit rauben» ist im Oktober 2018 erschienen.