Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Professor Reto Föllmi: «Viele gehen nach rund fünf Jahren wieder zurück»

Nachgefragt
HSG-Professor Reto Föllmi. (Bild: PD)

HSG-Professor Reto Föllmi. (Bild: PD)

Reto Föllmi*, das Seco zieht erwartungsgemäss eine positive Bilanz nach 15 Jahren Personenfreizügigkeit. Sie auch?

Ich sehe zurzeit kein besseres Instrument, um die Einwanderung zu regeln.

Wo genau sehen Sie Vorteile für unser Land?

Die Personenfreizügigkeit erlaubt uns auf relativ unbürokratische Weise wirtschaftliches Wachstum in vielen Branchen. Dann ist da natürlich auch der Zugang zum europäischen Binnenmarkt zu erwähnen.

Die Schweiz wäre also ohne Per­sonenfreizügigkeit wirtschaftlich nicht da, wo sie heute ist?

Sie sähe sicher anders aus, wäre etwas kleiner. Es gibt auch Anzeichen dafür, dass die Personenfreizügigkeit auf das Pro-Kopf-Wachstum einen positiven Effekt hat. Dies deshalb, weil produktive Unternehmen mit der Personenfreizügigkeit eben unbürokratisch wachsen konnten. Mit dem Kontingentssystem, das wir zuvor hatten, wäre dies nicht gleich gut möglich gewesen. Gerade kleinere Firmen sind durch die Personenfreizügigkeit vom Formularkrieg entlastet worden.

Welche Bereiche oder Branchen haben denn in Ihren Augen ganz besonders profitiert?

Es sind in der Privatwirtschaft insbesondere die forschungsintensiven Branchen, die angewiesen sind auf unbürokratische Personalrekrutierung. Nochmals: Mit dem Kontingentssystem konnte man zwar auch rekrutieren, aber es war eben bürokratischer, umständ­licher. Profitiert haben darüber hinaus auch die Bereiche Gesundheit und öffentliche Verwaltung.

In der öffentlichen Verwaltung arbeiten aber vor allem Schweizer.

Das ist kein Widerspruch. Das Stellenwachstum in der öffentlichen Verwaltung übt eine Sogwirkung aus, die frei werdenden Stellen in der Privatwirtschaft müssen dann mit Zuwanderern besetzt werden.

Kritiker der Personenfreizügigkeit sagen, dass die Wirtschaftsleistung der Schweiz zwar grösser wurde, aber nur dank Mengenausweitung durch die hohe Anzahl der Immi­granten. Die Produktivität stieg nicht, und der durchschnittliche Mittelständler profitiert wirtschaftlich auch nicht wirklich.

Relevant ist in der Tat das Pro-Kopf-Wachstum. Es ist aber nicht gefallen, und es gibt keine Anzeichen, dass die Löhne der Ansässigen gelitten hätten. Die strukturelle Arbeitslosigkeit ist aber leicht gestiegen, die veränderte Zuwanderung der jüngsten Jahre gilt es zu beachten.

Wenn man sich anschaut, wer durch diese 15 Jahre in die Schweiz ge­kommen ist, dann sind da grosse Veränderungen bezüglich Herkunft festzustellen. Worauf führen Sie das zurück?

Die Zuwanderung ist einerseits gesteuert durch die Nachfrage in der Schweiz, anderseits spielt da die Wirtschaftslage in den EU-Ländern eine Rolle.

Gilt das auch für die Rückwanderung?

Ja, das gilt auch für die Rückwanderung. Viele Immigranten gehen nach rund 5 Jahren wieder zurück – insbesondere die Hochqualifizierten. Tiefqualifizierte bleiben in aller Regel länger.

Nun ist die Personenfreizügigkeit ja alles andere als unumstritten in der Schweiz. Vor allem ältere Arbeitnehmer fürchten die Konkurrenz aus dem Ausland. Das Seco aber sieht das nicht so. Verharmlost es da nicht?

Zuwanderung ist oft komplementär zur ansässigen Bevölkerung. Es werden einfach neue Jobs besetzt, und das ist dann auch kein Problem. Natürlich ist es aber schon so, dass sich das grenznahe Ausland danach angleicht, weil der Arbeitsmarkt nun eben nicht mehr national, sondern europaweit ist.

Das Tessin und die Westschweiz haben überdurchschnittliche Zuwanderung, aber auch überdurchschnittliche Arbeitslosigkeit. Es scheint also sehr wohl einen Verdrängungseffekt zu geben.

So einfach ist das nicht, denn jene Regionen hatten schon vorher eine überdurchschnittlich hohe Arbeitslosigkeit. Im Tessin ist die Zuwanderung allerdings tatsächlich massiv.

Die bisherigen flankierenden Massnahmen reichten nicht aus, sagen die Gewerkschaften. Was sagen Sie?

Diese sind eher ein Placebo. Sie schaden eigentlich mehr, als sie nützen, weil sie den Arbeitsmarkt inflexibler machen. Geschützt wird ja mit solchen Massnahmen nicht unbedingt der Inländer. Ist zum Beispiel eine Lohnskala nach Alter vorgegeben, kann es sich lohnen, 55-jährige Arbeitnehmer durch 25-jährige Zuwanderer zu ersetzen.

Was erwarten Sie von der Stellenmeldepflicht?

Nicht viel, die Zuwanderung wird dadurch nicht gesteuert. Sie ist eine Bürokratisierung, die den Faktor Arbeit eher wieder belastet und Vorteile der PFZ zunichtemacht. (cla)

Hinweis

*Reto Föllmi (41) ist Professor für Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der HSG (Universität St. Gallen).

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.