PROFIT: Starker Franken als schlechte Ausrede

Die schnelle Reaktion vieler Unternehmen auf den Eurokurs weckt Zweifel an der Redlichkeit mancher Unternehmen.

Eva Novak und Sermîn Faki
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Laut einer Studie denkt ein Drittel der Unternehmen in der Schweiz wegen der Aufwertung des Frankens über Entlassungen nach. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Laut einer Studie denkt ein Drittel der Unternehmen in der Schweiz wegen der Aufwertung des Frankens über Entlassungen nach. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Eva Novak und Sermîn Faki

Seit ein paar Wochen jagt eine Hiobsbotschaft die andere. Sozusagen im Dreitagestakt kündigen Unternehmen Entlassungen an, lassen ihre Angestellten bei gleichem Lohn länger arbeiten oder drohen gar mit dem Wegzug ins Ausland. All das mit der stets gleichen Begründung: Der starke Franken sei schuld. Doch insbesondere in der Politik kommen mittlerweile Zweifel an dieser Darstellung auf. Vielfach seien die Unternehmer selbst schuld, heisst es neuerdings von rechts bis links.

«Eigenes Versagen kaschieren»

Den Anfang machte Christoph Blocher vor zwei Wochen in der «Zentralschweiz am Sonntag»: «Wenn ein Industriebetrieb sagt, er müsse wegen der Frankenaufwertung gehen, dann stimmt etwas nicht», sagte der frühere Unternehmer im Interview. Die Schweizer Unternehmerschaft habe es wider besseres Wissen versäumt, das Wechselkursrisiko abzusichern, und gerate nun in Probleme. Dabei sei die Schweiz klar ein Hochlohnland mit starker Währung. Einige, ging Blocher noch weiter, nähmen jetzt die Frankenstärke zum Vorwand, um eigenes Versagen zu kaschieren.

Kein Grund zur Eile

Auf der anderen Seite des politischen Spektrums wird diese Ansicht geteilt. SP-Präsident Christian Levrat sprach in der «Schweiz am Sonntag» von «Trittbrettfahrern und Profiteuren» des starken Frankens. Noch deutlicher wird jetzt Juso-Präsident Fabian Molina: Er wirft Unternehmen, die in den letzten Jahren Gewinne eingefahren haben und jetzt Entlassungen oder Lohnkürzungen vornehmen, «eindeutig illegale Machenschaften» vor (vergleiche Interview). Nur könne man diese im momentanen politischen Umfeld nicht einklagen, sagt Molina, der vor seiner Wahl zum Präsidenten der Jungsozialisten bei der Gewerkschaft Unia gearbeitet hat.

Jungsozialist Fabian Molina steht mit seiner Meinung nicht allein da. Diese Woche warnte auch der Angestelltenverband Schweiz die Arbeitgeber vor Überreaktionen. Es gebe keinen Grund, überhastet zu handeln und Massnahmen zu ergreifen, «die härter sind als der Franken selber». Schliesslich sei der Mindestkurs Franken–Euro erst vor knapp zwei Monaten aufgehoben worden. Das sehe ganz danach aus, als ob einige Unternehmen jetzt einfach die Gunst der Stunde nutzen wollten, um ihre Profite zu verbessern, so der Verband, der bislang nicht mit klassenkämpferischem Vokabular hantiert hat. «Oder sie schieben das Argument mit dem starken Franken vor, um eine Restrukturierung zu begründen, die sie sowieso vorgenommen hätten», schreibt der Verband.

Wieder Wachstum prognostiziert

Sicher ist: Das Ausmass der gestrichenen Stellen, die explizit mit dem starken Franken begründet werden, ist beeindruckend. Die «Tageswoche» zitierte eine interne Aufstellung des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, auf der über 1300 aus diesem Grund abgebaute Jobs figurieren. Und das Beratungsunternehmen Mercer schreckte mit einer Studie auf, wonach ein Drittel der Unternehmen in der Schweiz wegen der Aufwertung des Frankens über Entlassungen nachdenke. Und nur knapp die Hälfte der Unternehmen wolle Gehaltserhöhungen wie geplant umsetzen.

Dabei stehen nicht alle diese Unternehmen mit dem Rücken zur Wand. Manche konnten im letzten Jahr sogar Rekordergebnisse und deutliche Gewinnsteigerungen präsentieren (siehe Beispiele unten).

Und auch die Konjunktur schient sich nun weniger abzuschwächen als befürchtet. Das Forschungsinstitut BAK Basel rechnet sogar wieder mit einem Wachstum von 1 Prozent im laufenden Jahr.