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PROZESS: Dschihadreisende muss ins Gefängnis

Das Bundesstrafgericht verurteilt die 31-jährige F.S. aus Winterthur zu 18 Monaten teilbedingter Freiheitsstrafe. Sie wollte mit ihrem vierjährigen Kind zum IS nach Syrien reisen.
Gerhard Lob, Bellinzona
Die Winterthurerin beim Betreten des Bundesstrafgerichts in Bellinzona. (Bild: Gabriele Putzu/Keystone (Bellinzona, 15. Dezember 2017))

Die Winterthurerin beim Betreten des Bundesstrafgerichts in Bellinzona. (Bild: Gabriele Putzu/Keystone (Bellinzona, 15. Dezember 2017))

Gerhard Lob, Bellinzona

Der Ganzkörperschleier reichte bis zu den Knöcheln. Aber das Gesicht war erkennbar. Die 31-jährige F. S. trug einen türkisfarbenen Tschador, als sie gestern vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona erschien, um sich wegen Verstosses gegen das Bundesgesetz über das Verbot der Gruppierungen Al-Kaida und IS zu verantworten. Die radikalisierte und zum Islam konvertierte Frau aus Winterthur hatte zwischen Dezember 2015 und Ja­nuar 2016 versucht, mit ihrem vierjährigen Sohn nach Syrien in das vom Islamischen Staat (IS) besetzte Gebiet zu gelangen.

Der Einzelrichter verurteilte die Beschuldigte wegen versuchter Widerhandlung gegen dieses Bundesgesetz zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von 18 Monaten. 6 Monate muss sie ins Gefängnis, 12 Monate sind zur Bewährung ausgeschrieben, für eine Probezeit von drei Jahren. Ausserdem muss sie sich einer psychiatrischen Behandlung unterziehen.

«Ich wollte unter dem islamischen Gesetz leben»

Besonders verwerflich sei der Umstand, dass sie den kleinen Sohn auf die Reise mitgenommen habe, sagte der Richter. Aus egoistischen Motiven und gegen den Willen des Kindsvaters habe sie seine Gefährdung in Kauf genommen. Der Richter blieb leicht unter dem Strafantrag der Bundesanwaltschaft, die zwei Jahre Freiheitsstrafe unbedingt gefordert hatte. Der Verteidiger hatte auf Freispruch plädiert und sprach von einem Gesinnungsprozess. Diesen Vorwurf wies der Richter zurück.

Die Beschuldigte nahm das Urteil regungslos auf. Während der Befragung hatte sie die Aussage weitgehend verweigert. Wenn sie dann doch einmal ein paar Sätze sprach, zeigte sie sich weder reuig noch einsichtig, eine Straftat begangen zu haben. Insbesondere stritt sie hartnäckig ab, den IS unterstützt oder versucht zu haben, sich diesem anzuschliessen, als sie nach Griechenland geflohen war. «Ich wollte einfach nur unter dem islamischen Gesetz leben», so die junge Frau, die mehrere Ausbildungen absolviert hat, unter anderem als Tourismusfachfrau, aber mittlerweile vereinsamt in Winterthur von der Sozialhilfe lebt. «Ich sitze einfach zu Hause, bete, mache manchmal einige Handarbeiten und surfe im Internet», sagte sie. Kontakt zu religiösen Gruppen habe sie nicht, auch zur Familie kaum. Den Sohn, der mittlerweile bei seinem Vater lebt, höre sie selten am Telefon. Manchmal lachte die 31-Jährige, wenn ihr eine Frage des Richters nicht gefiel.

Für die federführende Bundesstaatsanwältin war die Sache klar. «Selten hat eine Beschuldigte so klar zugegeben, den IS zu unterstützen», sagte sie in ihrem Plädoyer. Aussergewöhnlich sei, dass es sich um eine Frau handle. Sie nannte F. S. «eine glühende Anhängerin des IS», die sich vom Reststaat abgekehrt habe und sogar Selbstmordattentate in Europa unterstütze. Sie habe nicht einmal davor zurückgeschreckt, ihren kleinen Jungen zu entführen, um diesen in einer «barbarischen Horde» als Kämpfer ausbilden zu lassen.

Tatsächlich hatte der Ex-Mann von F. S., ein ägyptischer Geschäftsmann, Ende Dezember 2015 Alarm geschlagen, als er merkte, dass sich seine Frau mit dem Sohn auf die Reise nach Syrien gemacht hatte. Die Beziehung war schon länger zerrüttet. «Nach islamischem Recht sind wir geschieden», sagte die Frau gestern. Das Paar lebte mehrere Jahre gemeinsam in Ägypten.

Die Bundesanwaltschaft reagierte zufrieden auf das Urteil, weil das Gericht im Grundsatz der Anklage gefolgt ist. «Das heisst: Auch wer im vom IS propagierten Sinne aktiv wird, macht sich in der Schweiz strafbar», sagte BA-Sprecher André Marty. Das Urteil kann vor Bundesgericht angefochten werden.

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