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Putins schwimmender Reaktor – weltweit boomt die Atomkraft

2034 wird das letzte helvetische Atomkraftwerk vom Netz genommen. Doch während sich die Schweiz langsam aus dem atomaren Zeitalter verabschiedet, werden andernorts auf Hochtouren neue Atomreaktoren und Technologien entwickelt. Energiewende? Atomausstieg? Das sind in Ländern wie Russland, China oder den USA Fremdwörter.
Samuel Schumacher
Blick in das Brennelementebecken im Reaktor des Kernkraftwerks Mühleberg. Das Kernkraftwerk befindet sich momentan in Revision. (Bild: Peter Klaunzer/Keystone (Mühleberg, 29. August 2018))

Blick in das Brennelementebecken im Reaktor des Kernkraftwerks Mühleberg. Das Kernkraftwerk befindet sich momentan in Revision. (Bild: Peter Klaunzer/Keystone (Mühleberg, 29. August 2018))

447 Kernkraftwerke gibt es derzeit weltweit, mehr als 100 davon stehen in den USA. China hat alleine im vergangenen Jahr drei Reaktoren eingeweiht, 19 weitere werden laut Nuklearforum.ch derzeit im Riesenreich aufgestellt. Und auch in Europa tüftelt man fleissig an neuen atomaren Wunderwerken. England baut an seiner Südwestküste gerade das Hinkley-Point-Atomkraftwerk, den mit knapp 26 Milliarden Franken teuersten Nuklearreaktor der Welt. Und Frankreich plant mit dem «Flexblue»-Reaktor das erste Unterwasser-Atomkraftwerk, das direkt auf dem Grund des Ozeans installiert werden soll.

Am innovativsten in Sachen nukleare Neuerungen zeigen sich aber die Russen. In Putins Reich arbeiten die Ingenieure derzeit am ersten schwimmenden Kernkraftwerk der Welt. «Akademik Lomonosov» heisst das nukleare Schiff, das derzeit im Hafen der Stadt Murmansk nahe der finnischen Grenze ankert. Zwei kleine Reaktoren, wie die Russen sie für den Antrieb ihrer Atom-U-Boote brauchen, sind darauf zu einem Kraftwerk verbaut worden. Bereits 2019 will die russische Atombehörde Rosatom mit dem schwimmenden Kraftwerk in die ­sibirische Hafenstadt Pewek fahren und die dortige Bevölkerung mit Strom versorgen.

«Die Russen sind uns um Lichtjahre voraus»

Über einen speziellen Anschluss im Schiffsrumpf kann der Strom direkt ins lokale Stromnetz eingespeist werden. 70000 Haushalte sollen auf diesem Weg mit Elektrizität versorgt werden. Rosatom will die 21000 Tonnen schweren Stahl-Kraftwerke bald seriell herstellen. Kostenpunkt: unklar. Die Wasser-Disziplin des nuklearen Wettrüstens scheinen die Russen jedoch für sich entschieden zu haben. Jacopo Buongiorno, Forscher an der US-Elite-Universität MIT, sagte der «New York Times»: «Die Russen sind uns um Lichtjahre voraus.» Doch die Amerikaner, die bereits Ende der 1960er-Jahre mit mobilen Reaktoren Energie für den Bau des Panama-Kanals produziert hatten, wollen aufholen. «Offshore Floating Nuclear Plants» («Auf dem Wasser schwebende Kernkraftwerke»/OFNP) nennt Buongiorno die Reaktoren, die er mit seinem MIT-Forscherteam entwickeln will. Ähnlich wie Ölplattformen sollen sie im offenen Meer schwimmen und über Unterwasserleitungen küstennahe Städte mit Strom versorgen. Die OFNP seien erdbebensicher, und selbst Tsunamis wie jener, der 2011 die Katastrophe von Fukushima verursacht hatte, könnten ihnen nichts anhaben. Wann das erste schwimmende Kraftwerk «Made in the USA» auf den Markt kommt, ist unklar.

Für die Schweiz viel relevanter sind die aktuellen Geschehnisse in Finnland. Dort wird seit 2004 das erste atomare Endlager der Welt gebaut. Das Tiefenlager mit dem Namen «Onkalo» («kleine Höhle») soll die atomaren Abfälle Finnlands auf eine Million Jahre hinaus sicher verwahren können. Fertiggestellt wird es jedoch nicht heute oder morgen, sondern voraussichtlich erst nach dem Jahr 2120. Dann sollen die Höhlen mit einem Tongemisch zugeschüttet und die atomaren Altlasten (fast) bis in alle Ewigkeit vergessen gemacht werden.

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