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RADIKALE: «Bei Imamen ist vieles im Dunkeln»

In der Schweiz werden erstmals Gefängnis- aufseher im Umgang mit Muslimen geschult. Saïda Keller-Messahli sagt, worauf es zu achten gilt.
Interview Stefan Welzel
Ein französischer Arbeiter beim Gebet. (Bild: Keystone/Francisco Seco)

Ein französischer Arbeiter beim Gebet. (Bild: Keystone/Francisco Seco)

Interview Stefan Welzel

Saïda Keller-Messahli ist Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam mit Sitz in Zürich. Die 58-jährige gebürtige Tunesierin engagiert sich unter anderem für die Förderung einer selbstkritischen innermuslimischen Debatte sowie einen Erneuerungsprozess des Islams. Im Rahmen eines Weiterbildungskurses schult sie ab Mitte April im schweizerischen Ausbildungszentrum für das Strafvollzugspersonal in Freiburg Schweizer Gefängnisaufseher im Umgang mit muslimischen Insassen. Im Zentrum stehen dabei die Früherkennung und Prävention von extremistischen Tendenzen bei Gefangenen – einem Problem, das in der Schweiz noch als gering eingestuft wird, Europa als Zielscheibe islamistischer Terrorgruppen aber immer mehr beschäftigt. Im Gespräch mit der «Zentralschweiz am Sonntag» erklärt Keller-Messahli, was einen strenggläubigen von einem radikalislamistischen Muslim unterscheidet, was an Imamen als Seelsorger in Gefängnissen problematisch ist und welche Massnahmen man zur Deradikalisierung ergreifen sollte.

Welches sind die Schwerpunkte des von Ihnen geführten Dschihadismus-Kurses für das Schweizer Gefängnispersonal?

Saïda Keller-Messahli: Da wir diesen Kurs zum ersten Mal gestalten, müssen wir zuerst Erfahrungen sammeln. Das bedeutet zu verstehen, mit welchen Problemen das Vollzugspersonal in seiner täglichen Arbeit konfrontiert ist und welche Fragen sich ihm stellen. Zuerst werden wir eine theoretische Basis legen, um das Phänomen Dschihadismus anhand diverser Texte und Bilder zu beleuchten und zu deuten. Aufseher und Betreuer können auch konkrete Fälle aus ihrem Arbeitsalltag präsentieren, die wir analysieren und mit ihnen behandeln können.

Nun ist es sicher nicht einfach, einen radikalislamistischen Insassen als solchen zu erkennen. Welches sind die Unterscheidungsmerkmale zwischen einem extremistischen und einem strenggläubigen Muslim?

Keller-Messahli: Ein strenggläubiger Mensch ist jemand, der sich persönlich möglichst genau an die Regeln seines Glaubens hält. Im Falle des Islams hiesse das, fünfmal täglich beten, während des Ramadans fasten sowie die Speisegebote und Verbote befolgen. Es mag sein, dass seine Einstellungen nicht unbedingt demokratisch sind, aber solange er damit im Bereich des privaten Glaubens bleibt, halte ich das für unproblematisch.

Und wie sieht dies bei einem radikalen Muslim aus?

Keller-Messahli: Ein radikalislamischer Mensch vermischt strenge Vorstellungen vom Glauben mit politischen Ansprüchen gegenüber seinen Mitmenschen und der Gesellschaft. Sein Ziel ist nicht die eigene Lebensführung, sondern die Umgestaltung der Gesellschaft nach den Regeln seines Glaubens. Hier kommen dann Forderungen nach Anwendung der Scharia als Rechtssystem und die Propagierung des Dschihads, also der Gewaltanwendung zur Durchsetzung der eigenen Vorstellungen hinzu.

Imame sollen in Gefängnissen seelsorgerisch dazu beitragen, dass sich muslimische Insassen nicht radikalisieren. Ist das ein probates Mittel?

Keller-Messahli: Die Institution Seelsorger ist ein christliches Konzept, das in islamischen Ländern unbekannt ist. Die Frage ist vielmehr: Wollen wir auch in Gefängnissen und Spitälern die soziale Segregation nach religiöser Zugehörigkeit weiterführen? Dass die offiziell anerkannten Religionen – zu denen der Islam in der Schweiz nicht gehört – das Besuchsrecht haben, hat bestimmte historisch-kulturelle Gründe. Eine andere Möglichkeit wäre, in staatlichen Institutionen das Kriterium religiöser Zugehörigkeit zu neutralisieren und als Seelsorger nur noch Psychologen oder Psychiater anzuerkennen.

Nun wird diese Praxis eines seelsorgerischen Imams aber weiterverfolgt. Besteht dabei die Gefahr, dass sich unter den Imamen selbst Radikale befinden, die heimlich missionieren?

Keller-Messahli: Durchaus. Man muss sehr genau darauf achten, wen man mit der Seelsorge in den Gefängnissen betraut. Menschen, die aus Organisationen kommen, die dem politischen Islam nahestehen, sollten dafür meiner Meinung nach nicht in Frage kommen. Wir wissen wenig darüber, wer als Imam tätig ist und was ihn dazu legitimiert. Da ist vieles im Dunkeln.

Nehmen wir an, ein muslimischer Gefangener wird als radikaler Islamist entlarvt. Wie soll ein Rechtsstaat wie die Schweiz und die Institution Strafvollzugsanstalt damit umgehen?

Keller-Messahli: Zunächst muss versucht werden, ihn davon abzuhalten, andere Gefangene zu indoktrinieren, also im Gefängnis weiter Propaganda für seine radikalen Vorstellungen zu machen. Radikale politische Bewegungen haben zu allen Zeiten die Gefängnisse als Orte von Propaganda und Rekrutierung entdeckt. Dort sind viele Menschen auf engem Raum zusammen, die viel Zeit haben. Und alle befinden sich in einem persönlichen und gesellschaftlichen Ausnahmezustand, was dazu führt, tendenziell empfänglich für Ideen zu sein, die ihnen ein Ziel zu geben scheinen. Daher muss man aufpassen, dass Gefängnisse nicht zu Orten der Schulung für Islamisten werden. Das geht vermutlich nur, indem man die bereits Radikalisierten von anderen Gefangenen separiert und dann intensiv mit ihnen arbeitet.

Wie sieht dieses «Arbeiten» mit einem radikalisierten Muslim aus?

Keller-Messahli: Zunächst ist es wichtig, dass die Person, die mit dem Gefangenen spricht, psychologisch geschult ist. Neben diesen Fachleuten können eventuell auch andere Jugendliche eingesetzt werden, die einen ähnlichen familiären und kulturellen Hintergrund haben und daher mit dem Betroffenen auf Augenhöhe reden können. Noch besser wären gefestigte Aussteiger.

In Schweizer Gefängnissen wird die Gefahr radikalisierter muslimischer Insassen als eher gering eingestuft, in Frankreich oder Belgien sieht das anders aus. Was muss dort getan werden, um die Gefahr zu bannen?

Keller-Messahli: In Frankreich und Belgien herrschen in vielen Gefängnissen andere Verhältnisse: heruntergekommene, zu grosse und oft überfüllte Gefängnisse, weder Arbeitspflicht noch feste Tagesstrukturen für die Insassen, sodass für sie keine Perspektive auf Wiedereingliederung in die Gesellschaft besteht. Wie bereits erwähnt, sollte eine erste Massnahme darin bestehen, radikale Insassen räumlich von den anderen Gefangenen zu trennen, um ihnen die weitere Propaganda zu verunmöglichen. Damit meine ich aber nicht explizit Isolationshaft. Und dann muss mehr Betreuungspersonal eingestellt werden. Am besten solches, das über einen ähnlichen kulturellen und familiären Hintergrund verfügt oder im interkulturellen Umgang geschult ist. Hier wäre auch zu überlegen, welche Deradikalisierungs- und Resozialisierungsprogramme mit nachhaltiger Wirkung zu konzipieren wären.

Missionierung in der Zelle?

Zahlreiche Experten im In- und Ausland warnen vor der islamistischen Indoktrinierung von Strafgefangenen während der Haft. Auch wenn die Betreuungsverhältnisse von Gefängnisinsassen hierzulande vergleichsweise gut sind und in der Schweiz keine Fälle gefährlicher, radikaler Häftlinge bekannt sind, unterschätzen weder Beamte noch Fachleute die potenzielle Bedrohung.
Die Genfer Politologin und Terrorexpertin Christina Schori Liang verweist im Rahmen ihrer noch unveröffentlichten Studie zur Verbindung zwischen organisierter Kriminalität und Terrorismus auf einen Artikel in einem dschihadistischen Propagandamagazin. Darin erklärt der französisch-tunesische Salafist und IS-Kämpfer Boubacar Al-Hakim, es würde der radikalen Sache nur dienen, wenn Muslime in Europa ins Gefängnis müssen. Dort könne man sie besser rekrutieren. Er selbst war einer der Mentoren der Kouachi-Brüder, die am Attentat auf die französische Satirezeitschrift «Charlie Hebdo» im Januar 2015 beteiligt waren. Cherif Kouachi traf den späteren Mittäter Amedy Coulibaly in einer Haftanstalt.

Grosse Herausforderung

«In einem Gefängnis sind viele Menschen auf engem Raum zusammen. Und alle befinden sich in einem persönlichen und gesellschaftlichen Ausnahmezustand, was dazu führt, tendenziell empfänglich für extremistische Ideen zu sein», äussert sich Saïda Keller-Messahli, Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam, im Interview (siehe oben).
Stefan Weiss ist Leiter der Luzerner Justizvollzugsbehörde. Zum Problem radikalislamistischer Gefängnisinsassen in der Schweiz kann der 49-Jährige nichts sagen. Konkrete Vorfälle diesbezüglich sind nicht bekannt, die Gefahr wird als gering eingestuft. Dennoch ist für Weiss die islamistische Indoktrinierung in Haftanstalten ein «neueres Phänomen, welches den Justizvollzug vor grosse Herausforderungen stellt». Präventiv Abhilfe sollen daher spezielle Kurse für das Gefängnispersonal sowie gemässigte Imame als Seelsorger leisten.

Ausführliche Überwachung

«Nach der Entlassung einer verdächtigen Person sollte im Bedarfsfall eine ausführliche Überwachung durch staatliche Behörden erfolgen», erklärt Weiss. Dafür bräuchte es jedoch einen reibungslosen Datenaustausch. «Hier müssten in den gesetzlichen Grundlagen aber noch Lücken geschlossen werden», so Weiss in Anlehnung an die aktuelle Diskussion um erweiterte Kompetenzen der Nachrichtendienste und die geplanten Änderungen in der Gesetzgebung. Wie realistisch das Bedrohungsszenario durch gewaltbereite Islamisten für die Schweiz tatsächlich ist, lässt sich schwer abschätzen. Schori Liang hält die Eidgenossenschaft nicht für ein primäres Angriffsziel, «solange unsere Nachbarn in Europa nicht in der Lage sind, die Gefahr in den Griff zu kriegen».
Hanspeter Fent ist Leiter des Zürcher Kompetenzzentrums für interkulturelle Konflikte, welches seit 15 Jahren Gefängnisaufseher im Umgang mit religiös bedingten Auseinandersetzungen schult. Fent und sein Team sind während ihrer Arbeit noch keinen Fällen extrem gewaltbereiter Islamisten begegnet. «Dennoch muss man präventiv Ansätze entwickeln, um sich dem Problem gegebenenfalls rasch annehmen zu können», erklärt Fent.

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