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RADIO/FERNSEHEN: Der Zankapfel namens SRG

Mit der No-Billag-Initiative wird eine schrittweise gewachsene Institution der Schweiz in Frage gestellt. Allerdings hat diese SRG immer wieder Anstoss erregt, aus ökonomischen wie aus politischen Gründen.
Rolf App
Anlässlich einer Eurovisions-Sendung aus Graubünden schlug das Schweizer Fernsehen 1955 mit einer Übertragung vom Weissfluhjoch aus 2800 Metern über Meer einen Höhenrekord. Gezeigt wurden das Alpenpanorama und ein Lawinenhund bei der Arbeit. (Bild: SRG)

Anlässlich einer Eurovisions-Sendung aus Graubünden schlug das Schweizer Fernsehen 1955 mit einer Übertragung vom Weissfluhjoch aus 2800 Metern über Meer einen Höhenrekord. Gezeigt wurden das Alpenpanorama und ein Lawinenhund bei der Arbeit. (Bild: SRG)

Rolf App

Der 3. Juli 1956 ist kein guter Tag für den Bundesrat. Er will die Gesetzgebung in Programmfragen zur Bundessache machen – und unterliegt in der Volksabstimmung. Um das Radio wird dabei nicht gestritten, es ist bereits sehr populär. Nein, die Auseinandersetzung dreht sich ums Fernsehen. Die Gegner der Vorlage werfen dem Bundesrat vor, einer überflüssigen und volksverdummenden Erfindung den Weg zu ebnen, die lediglich Zeit und Geld koste und die Jugend verderbe. Indes lässt sich das neue Medium nicht aufhalten. Die Zahl der Konzessionäre wächst sprunghaft, besonders beliebt sind Unterhaltungs- und Spielsendungen, Direktübertragungen von Sportereignissen, Theaterstücke, Nachrichten und die Tagesschau.

So macht der Bundesrat denn trotzdem vorwärts. Die Direktoren der – fürs Technische zuständigen – PTT und der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) bekommen den Auftrag, ein Fernsehen zu entwickeln, das ohne Subventionen auskommt.

Zuerst interessiert am Radio ist die Uhrenbranche

Diese SRG ist mit dem Radio entstanden. Das Radio wiederum beginnt seinen Siegeszug im Ausland. Hierzulande interessiert sich zuerst das Militär dafür, erste Radiokonzessionen erteilt der Bundesrat 1911. Es sind Unternehmen der Uhrenbranche, die darum nachsuchen, weil sie das vom Pariser Eiffelturm ausgesendete Zeitzeichen empfangen wollen. Auch die Flughäfen sind interessiert. In Lausanne, das zum Zentrum der Radiobewegung wird, besorgt der Radiopionier Roland Pièce nicht nur den Funkverkehr für den Flughafen La Blécherette. Gelegentlich unterhält er auch die Flugpassagiere mit Schallplattensendungen.

Bald schon schwappt aus den USA das Radiofieber in die Schweiz – und mit ihm die Angst vor einem «Chaos im Äther». Empfangsgeräte werden dort zum millionenfach verkauften Konsumgut. Das steckt an. In Lausanne, Zürich, Genf, Bern und Basel entstehen in den Zwanzigerjahren auf private Initiative hin Körperschaften mit dem Ziel, Sender und Studios zu errichten. Doch der Bundesrat bremst. Ihm sitzen die Zeitungsverleger im Nacken, die Konkurrenz fürchten.

Deshalb wird das Radio zum einen streng reglementiert, sprich beschränkt. Es verzichtet auf eine eigene Nachrichtenredaktion und bezieht die Nachrichten von der Schweizerischen Depeschenagentur. Und: Nach dem Vorbild der britischen BBC befördert der Bundesrat den Zusammenschluss der oftmals notleidenden Lokalsender zur SRG. Bei deren Gründung 1931 betont Bundesrat Marcel Pilet-Golaz: «Der Rundfunk darf nichts unternehmen, was die politische und moralische Ruhe der Bürger, ihre Eintracht und ihr Einvernehmen trüben könnte.» Ruhe ist also erste SRG-Pflicht. Als in Deutschland die Nazis an die Macht kommen, entdeckt der Nationalrat das Radio als Bollwerk der Demokratie und damit als gesellschaftlich relevantes Informationsmedium. Pilet-Golaz blockt ab: «In der Schweiz hat die Politik im Studio nichts zu suchen.» Doch der Druck wächst, und die Landessender etablieren sich im Krieg über die Landesgrenzen hinaus als seriöse Informationskanäle. Einzelne Persönlichkeiten wie etwa Jean-Rodolphe von Salis gewinnen mit ihren Zeitanalysen grosse Bekanntheit.

«Es fehlt die Diskussion, der Widerspruch, die Auseinandersetzung», ärgert sich deshalb 1945 der SRG-Zentralvorstand. Die Auseinandersetzung kommt – auch jene um den richtigen Positionsbezug im Kalten Krieg. Scharfe Debatten um einzelne linke Radiomitarbeiter entbrennen. «Kommunistische Hirsche haben am schweizerischen Radio nichts zu suchen», empört sich das «Vaterland» über den bei Radio Basel angestellten Peter Hirsch – der allerdings nur Kindermärchen und Hörspiele über grosse Entdecker verantwortet hatte.

Eine Krise in der Generaldirektion führt zu Beginn der Fünfzigerjahre zu einer Neuordnung der SRG. Der Bundesrat hält an einem Werbeverbot fest «zwecks Gewährleistung der Unabhängigkeit gegenüber dem, was man gelegentlich die Macht des Geldes nennt». Am Horizont steht schon das Fernsehen, dessen Entwicklung steil nach oben führt. Nach einem ersten Versuch 1953 steigt die Zahl der Konzessionäre steil an. 1959 sind schon 50 000 Empfangskonzessionen vergeben, 1968 wird die Millionenschwelle überschritten.

Roger Schawinski und sein Piratensender

1968: Die Zahl markiert den Beginn jenes Zeitraums, der das Radio und Fernsehen von heute prägt. Zum einen öffnen sich beide Medien den Auseinandersetzungen in der Gesellschaft und geraten so selber in die Kritik. Die SVP fordert die «Schaffung von wirksameren und effektiveren Kontrollinstanzen». 1976 scheitert erneut ein Verfassungsartikel. «Es gibt schon gewisse Tendenzen in diesem Lande, die das Chaos anstreben», verurteilt 1979 der SP-Bundesrat Willi Ritschard die anhaltenden Debatten um die politische Ausrichtung von Radio und Fernsehen. Im Jahr darauf erreichen sie wegen der Berichterstattung über die Jugendunruhen einen Höhepunkt. Eine vom Zürcher Landesring lancierte Initiative gegen das SRG-Monopol scheitert aber bereits an der Unterschriftensammlung.

Zum andern aber wächst auch der Druck auf das SRG-Monopol: Innerhalb von nur fünf Tagen gelingt es dem Radiopionier Roger Schawinski, der mit seinem Piratensender Radio 24 zur Galionsfigur einer jungen Generation wird, für eine Petition 212 000 Unterschriften gegen dessen angedrohte Schliessung zu sammeln.

Das Bedürfnis nach einer Öffnung ist offensichtlich. In der neuen Runfunkverordnung verzichtet die SRG 1983 auf Radiowerbung, parallel gehen 36 Lokalradios auf Sendung. Um die Jahrtausendwende dann kommen private Fernsehsender hinzu. Die SRG hat mittlerweile ihr Programm auch ausgebaut, und eine 1984 in der Verfassung verankerte unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen kanalisiert die Konflikte.

Dauerhaft aus der Welt geschafft sind sie nicht, wie die Auseinandersetzung um die No-Billag-Initiative zeigt. Dies zu erwarten, wäre auch blauäugig. Zu wichtig sind Radio und Fernsehen geworden.

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