RAUCHEN: Kaugummis bald kassenpflichtig?

Die Krankenkassen übernehmen neu die Kosten für ein Rauchstopp-Medikament. Der Eidgenössischen Kommission für Tabakprävention genügt das nicht.

Kari Kälin
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Starke Raucher sollen künftig bei der Entwöhnung durch die Krankenkasse unterstützt werden. (Bild Roger Grütter)

Starke Raucher sollen künftig bei der Entwöhnung durch die Krankenkasse unterstützt werden. (Bild Roger Grütter)

24,8 Prozent der Schweizer Bevölkerung zünden sich jeden Tag oder regelmässig einen Glimmstängel an. 56 Prozent der täglich Rauchenden möchten von ihrem Laster loskommen – und 24,6 Prozent davon (etwa 305 000) haben es im Verlauf der letzten 12 Monate vergeblich versucht. Dies geht aus dem jüngsten Bericht des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) zum Tabakkonsum in der Schweiz hervor.

170 000 starke Raucher

Rund 170 000 Personen gelten hierzulande als starke Raucher. Wollen sie ihre Suchtkarriere mit Hilfe des Medikaments Champix beenden, trägt seit dem 1. Juli neu die obligatorische Krankenversicherung (OKP) die Kosten (siehe Box). Champix ist das erste Rauchentwöhnungsmedikament, das die Krankenkassen vergüten müssen. Das BAG geht davon aus, dass dadurch jährlich Mehrkosten in einstelliger Millionenhöhe anfallen – was zahlreichen nationale Gesundheitspolitikern Sorgenfalten in die Stirn treibt.

Heinz Borer ist Mitglied der eidgenössischen Kommission für Tabakprävention (EKTP) und wirkt als Internist und Pneumologe im Bürgerspital Solothurn. Er begrüsst es, dass Champix neu kassenpflichtig ist – und fordert mehr: «Die Grundversicherung sollte die Kosten übernehmen für alle Medikamente, die wissenschaftlich erwiesenermassen helfen, mit dem Rauchen aufzuhören.»,

Damit ein Medikament von der Krankenkasse berappt wird, muss es die sogenannten «WZW-Kriterien» (Wirksamkeit, Zweckmässigkeit, Wirtschaftlichkeit) erfüllen. «Kommerziell erhältliche, wissenschaftlich geprüfte Nikotinersatzprodukte wie Kaugummi, Inhaler, Lutschtabletten oder Pflaster erfüllen diese Kriterien als Teil einer Rauchstoppstrategie», sagt Borer. Und die Chance, dass jemand mit Hilfe dieser Medikamente nicht mehr raucht, verdopple sich.

Geld sparen dank Rauchstopp

Felix Schneuwly ist Krankenkassenexperte des Internetvergleichdienstes Comparis. Die Aufnahme von Champix in die Grundversicherung sei ein Schritt hin zu weniger Selbstverantwortung im Gesundheitswesen, kritisiert er. Rauchstopp-Medikamente wie Champix würden zwar die WZW-Auflagen erfüllen. «Das spricht für die Aufnahme in die Grundversicherung», sagt Schneuwly. Auf der anderen Seite widerspreche dies jedoch dem Geist einer Versicherung. Eine Versicherung habe die Aufgabe, wirtschaftliche Folgen einer Krankheit zu mindern. Gelingt einem Raucher mit medikamentöser Hilfe der Ausstieg, lohnt sich diese Investition langfristig – weil er kein Geld mehr für Zigaretten ausgeben muss. «Es darf nicht sein, dass das Kollektiv für eine medizinische Massnahme aufkommen muss, aus der die Patienten einen finanziellen Vorteil ziehen. Für eine Versicherung ist dies sachfremd», sagt Schneuwly.

Abbruch wegen Kosten

Diese Sichtweise überzeugt Heinz Borer nicht. Er hat die Erfahrung gemacht, dass viele Raucher ihre Ausstiegsversuche abbrechen, weil sie die Medikamente zu teuer finden. «Sie nehmen sie zu wenig lange und in einer zu tiefen Dosierung ein», so Borer. Der Einwand, sie würden langfristig sparen, verfange nicht. «Rauchen ist eine Suchtkrankheit. Für logische Argumente sind die Betroffenen häufig nicht empfänglich.» Ein grosser Teil der Raucher gehöre der sozioökonomisch benachteiligten Bevölkerungsgruppe an. Umso mehr sollen diese nicht durch hohe Preise der Nikotinersatzprodukte vom Rauchstopp abgehalten werden.

Nur starke Raucher profitieren

Per 1. Juli hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) das rezeptpflichtige Raucherentwöhnungsmittel Champix des US-Pharmakonzerns Pfizer auf die Spezialitätenliste aufgenommen. Auf der Spezialitätenliste figurieren alle Medikamente, die von der obligatorischen Krankenversicherung bezahlt werden.

Freiwillig hat das BAG diesen Schritt nicht gemacht. Pfizer gelangte bis vor Bundesgericht, nachdem das BAG Champix zunächst nicht auf die Spezialitätenliste gesetzt hatte. Auf Geheiss der Richter aus Lausanne musste das BAG noch einmal über die Bücher. Nun müssen Krankenkassen erstmals die Kosten für ein Rauchstoppmedikament übernehmen.

344 Franken pro Therapie

Eine Therapie mit dem Medikament Champix kostet 344 Franken. Die Krakenkasse übernimmt die Kosten nur bei Personen, die per Definition als starke Raucher gelten. Die Raucher müssen vor der Therapie den international anerkannten «Fagerström»-Fragebogen ausfüllen (sechs Fragen, siehe Bonus). Bei jeder Frage gibt es Punkte. Je höher die Gesamtpunktzahl ausfällt, desto grösser ist die Abhängigkeit. Unter anderem werden die Patienten nach der Anzahl der täglich gerauchten Zigaretten gefragt. Oder wie viele Minuten es nach dem Aufwachen dauert, bis sie sich die erste Zigarette anstecken. Wer zum Beispiel täglich ein halbes Päckchen Zigaretten raucht und nicht schon am Morgen damit beginnt, dem wird Champix nicht von der Krankenkasse vergütet. Wer ein Päckchen raucht und schon im Bett Tabak konsumiert, hat bessere Chancen.

Unabhängig vom Ergebnis des Fragebogen springt die Krankenkasse auch bei Patienten, die an Folgekrankheiten des Rauchens wie chronischer Bronchitis oder Krebs leiden.

HINWEIS

Den «Fagerström»-Fragebogen zur Ermittlung der Abhängigkeit von Rauchern gibt es auf www.luzernerzeitung.ch/bonus