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RAUMPLANUNG: Die Maiensäss-Idylle ist gestört

Die Bergkantone wollen ehemalige Ställe ausserhalb der Bauzone zu Wohnraum umnutzen. Landschaftsschützer wehren sich gegen die Pläne, über die heute der Nationalrat debattiert.
Dominic Wirth
Rund 400 000 landwirtschaftlich nicht mehr genutzte Ställe, Stadel und Scheunen gibt es in der Schweiz. (Bild: Alessandro della Valle/Keystone (Saviese, 30. Juli 2015))

Rund 400 000 landwirtschaftlich nicht mehr genutzte Ställe, Stadel und Scheunen gibt es in der Schweiz. (Bild: Alessandro della Valle/Keystone (Saviese, 30. Juli 2015))

Dominic Wirth

Sie sind Relikte der Vergangenheit, Zeugnisse aus einer Zeit, in der die Schweiz noch ein Land der Bauern war: die Ställe und Stadel, die in den Alpen grüne Wiesen zieren oder an Berghängen kleben. Heute stehen sie im Berner Bundeshaus im Zentrum eines Streits, bei der beide Seiten das Schweizer Landschaftsbild in Gefahr sehen – aber ganz andere Ideen haben, um es zu retten.

Auslöser ist eine Offensive der Bergkantone Graubünden und Wallis. Die machen sich mit Standesinitiativen dafür stark, dass landwirtschaftlich nicht mehr benötigte Ställe ausserhalb der Bauzone künftig zur Wohnnutzung umgebaut werden dürfen. Das ist heute schon möglich, doch die gesetzlichen Hürden sind auf Bundesebene hoch. Zu hoch, finden Bündner und Walliser, die nun verlangen, dass diese Hürden abgebaut werden. Die Identität der Bauten soll dabei aber gewahrt bleiben. Und der ­öffentlichen Hand dürfen keine Kosten entstehen, etwa durch den Ausbau des Strassen- oder Stromnetzes.

Es steht eine Menge auf dem Spiel: Von einer Neuregelung wären 400 000 Ställe im Land betroffen. 100 000 von ihnen befinden sich laut der Stiftung Landschaftsschutz im Alpenraum, alleine 20 000 stehen im Kanton Graubünden. Oft handelt es sich um Maiensässe, die bald zu Ferienwohnungen werden könnten.

«Zerfallene Ställe sind keine gute Visitenkarte»

Franz Ruppen (SVP/VS) gehört zu jenen Politikern, die sich für eine Lockerung der Vorschriften einsetzen. «Es geht um ein Kulturgut, das das Landschaftsbild im Schweizer Alpenraum prägt», sagt er. Und für den Nationalrat und Gemeindepräsidenten des Walliser Dorfs Naters gibt es nur zwei Zukunftsszenarien: die Umnutzung als Wohnraum – oder den Zerfall. «Und das dürfen wir nicht zulassen, denn darunter würde letztlich auch der Tourismus leiden. Zerfallene Ställe sind keine gute Visitenkarte für die Feriendestination Schweiz», sagt Ruppen.

Für Raimund Rodewald sind das nicht mehr als «rührselige Heidi-Argumente». Mit ihnen, sagt der Geschäftsführer der Stiftung Landschaftsschutz, wollten die Umnutzungsverfechter ihre wahren Absichten verdecken. «Es geht hier vor allem um eines: Geld. Die Gebäudebesitzer und die Baubranche in den Bergkantonen wollen sich mit der Umnutzung eine goldene Nase verdienen», sagt Rodewald. Er warnt zudem vor einer «Demontage der Raumplanung», weil das Trennungsgebot in Bauzonen und Nichtbauzonen verwässert würde. Auch Rodewald findet, dass das Schweizer Landschaftsbild auf dem Spiel steht. Doch er sieht nicht verfallene Ställe als Gefahr, sondern einen Bauboom in den Alpen. «Es droht eine grossflächige Verferienhäuselung der Landschaft. Denn wo jemand wohnt, werden bald Strassen und Parkplätze gebaut, die Stromversorgung hergestellt», sagt Rodewald. Letzten Endes stehen die Vorstösse der Walliser und Bündner für ihn im Zusammenhang mit der Zweitwohnungs-Initia­tive. «Die Strategie ist klar: Man will den Baustopp in den Bauzonen umgehen», sagt er.

In den Augen von Franz Ruppen zeichnet der Landschaftsschützer «ein Schreckensszenario». «Viele Ställe eignen sich gar nicht für einen Umbau», sagt er. Der Walliser räumt aber ein, dass eine Lockerung der Umnutzungsregeln die Folgen der Zweitwohnungs-Initiative und auch des neuen Raumplanungsgesetzes für die Bergkantone abschwächen würde.

Gute Chancen für abgeschwächte Version

Heute befasst sich der Nationalrat mit den Standesinitiativen. Der Ständerat hat sich einstimmig gegen sie ausgesprochen; ihre Chancen im Bundeshaus sind minim. Weil die kleine Kammer aber auch Handlungsbedarf sieht und der Druck aus den Kantonen gross ist, hat sie das Anliegen in einer abgeschwächten Motion aufgenommen. Deren Chancen stehen gut. Die Motion sieht vor, den Kantonen mehr Handlungsspielraum einzuräumen, ­sofern diese über eine überge­ordnete Planung verfügen. Zur ­Abstimmung kommt zudem ein Vorschlag des Nationalrats, der noch ein wenig strenger ist als jener des Ständerats.

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