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RAUMPLANUNG: «Ein Hochhaus bringt noch keine Verdichtung»

Künftig soll vor allem da gebaut werden, wo schon gebaut ist, sagt der Experte. Grosses Potenzial ortet er in den Agglomerationen und Vororten.
Jan Flückiger
Im 60 Meter hohen Leutschentower in Zürich befinden sich 95 Wohnungen und 5500 Quadratmeter Büroflächen.

Im 60 Meter hohen Leutschentower in Zürich befinden sich 95 Wohnungen und 5500 Quadratmeter Büroflächen.

Pierre-Alain Rumley, in der Raumplanungspolitik gibt es zurzeit ein Zauberwort: verdichtet bauen. Was ist damit genau gemeint? Müssen wir künftig alle in der Stadt und dort in einem Hochhaus wohnen?

Pierre-Alain Rumley*: Nein. Ich glaube nicht, dass die Zukunft der Schweiz in grossen Hochhaussiedlungen liegt. Hierzulande kann man Hochhäuser aus baupolizeilichen Vorschriften nicht zu nahe nebeneinander bauen. Und ein einzelnes Hochhaus kann zwar ein schönes Bauwerk sein, bringt aber nicht unbedingt eine Verdichtung.

Wie verdichtet man denn richtig?

Rumley: Primär gilt das folgende Ziel: Es soll vor allem dort gebaut werden, wo schon gebaut ist. Vor allem in den Agglomerationen und Vororten gibt es noch erhebliches Potenzial. In der Schweiz nimmt die Dichte ausserhalb des Stadtzentrums sehr schnell ab.

Das ist doch auch gewollt. Leute wohnen in der Agglomeration, weil sie die dörfliche Atmosphäre schätzen.

Rumley:Man kann den Boden auch besser ausnutzen, ohne dass das dörfliche Lebensgefühl verloren geht. Zudem wohnen ja auch viele Leute in der Agglomeration, weil sie sich das Leben in der Stadt nicht leisten können. Dort zu bauen, wo schon gebaut ist, ist auch verkehrstechnisch sinnvoll: Man kann diese Orte gut mit dem öffentlichen Verkehr erschliessen. Im Gegensatz zu Gebieten, die sehr dünn besiedelt sind.

Aber in den Städten könnte schon ein, zwei Stockwerke höher gebaut werden, oder nicht?

Rumley:Die Höhe ist nicht entscheidend. Klar kann man in gewissen Quartieren noch aufstocken. Man kann aber auch bestehende Areale besser ausnutzen. Ein gutes Beispiel sind ehemalige Industrieareale, da kann man neue Wohnquartiere machen. Zürich hat das vorgezeigt. Die Umnutzung ist auch eine Form der Verdichtung. Fast in jeder Gemeinde gibt es freie Flächen, zum Beispiel ehemalige Post- und SBB-Gebäude, meist in Bahnhofsnähe. Luzern hat diese Zone auch einer neuen Nutzung zugeführt.

Sie haben Zürich als Vorbild erwähnt. Gibt es andere Gemeinden, welche die Verdichtung vorbildlich vorantreiben?

Rumley: Am meisten haben sicher Zürich und Basel in ihren Kernstädten gemacht. Sursee ist auch ein gutes Beispiel, man hat dort im Zentrum viele neue Wohnblöcke gebaut. Allerdings merkt man in Sursee etwas, was typisch ist für die Raumplanung in der Schweiz.

Was denn?

Rumley: Die Raumplanung macht an der Gemeindegrenze Halt. Sursee für sich hat eine gute Stadtplanung gemacht, aber die Koordination mit den umliegenden Gemeinden hat offenbar kaum stattgefunden. Dass jede Gemeinde für sich baut und plant, ist genau das Problem am heutigen System. Ich bin ein grosser Fan des Föderalismus. Aber in der Raumplanung müssten Agglomerationen und die Kantone mehr zu sagen haben.

Wird sich das ändern, wenn das Raumplanungsgesetz angenommen wird?

Rumley:Ja. Kantonale Richtpläne werden mehr Gewicht erhalten. Für die Gemeinden wird es schwieriger sein, ihre Bauzonen zu horten. Gewisse Gemeinden werden gar Rückzonungen machen müssen. Es soll nur dort Bauland geben, wo auch eine Nachfrage existiert. Und das Bauland muss dann auch effektiv bebaut werden.

Und was, wenn das Raumplanungsgesetz nicht angenommen wird?

Rumley: Was passiert, wenn jede Gemeinde für sich schaut, kann man gut im Gebiet zwischen Lausanne und Genf sehen. Es wurde da sehr viel gebaut, ohne richtige Strategie. Die Siedlungsfläche wächst und wächst, ohne dass der Boden effizient genutzt wird. Eine ähnliche Situation haben wir im Rheintal, im Kanton Freiburg oder im Kanton Aargau: zu viele Gemeinden und zu viele Bauzonen.

Gibt es nicht ein grundsätzliches Problem? Alle wollen möglichst viel Grünfläche erhalten, aber niemand ist bereit, auf sein Einfamilienhaus mit Umschwung zu verzichten.

Rumley: Natürlich haben die Leute nicht immer gern, wenn sich die Situation rund um sie herum ändert. Das Ziel ist aber auch nicht, plötzlich hohe Häuser in Quartiere mit Einfamilienhäusern zu bauen. Allerdings könnte man dort, wo die Häuser sehr weit auseinanderstehen, neue Häuser dazwischen bauen. Es gibt auch die Situation, wo Leute freiwillig, aus finanziellen Gründen, auf ihrem Grundstück ein zweites Gebäude bauen oder einen Teil eines grossen Hauses untervermieten.

Sie haben auch schon davon gesprochen, das Bodenrecht zu revidieren. Was meinen Sie damit? Die Möglichkeit zur Enteignung?

Rumley:Enteignung ist ein unschönes Wort, ich würde eher von einem Kaufrecht sprechen. Faktisch gibt es dies ja schon, zum Beispiel, wenn Autobahnen oder Eisenbahnen gebaut werden. Wieso also nicht für Wohnungen und Arbeitsplätze? Die Mentalität muss sich hier ändern.

Sie wollen also jemandem seinen Garten wegnehmen, damit neue Wohnungen gebaut werden?

Rumley: Nein, natürlich nicht. Es geht mir nur um grössere, ungenutzte Flächen, beispielsweise mitten in einem Dorf. In solchen Situationen würde ich ein Kaufrecht für die Gemeinde begrüssen. Aber das wären Ausnahmen.

*Pierre-Alain Rumley (62) ist Professor für Raumplanung an der Universität Neuenburg und ehemaliger Direktor des Bundesamtes für Raumentwicklung. Zudem ist er Vorstandsmitglied von Pro Natura.

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