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Zu Besuch in der Schweiz: Franziskus – Reformer der Herzen

Bei seinem Besuch morgen in Genf steht die Ökumene im Zentrum – ein Thema, das für Franziskus nicht zu den dringlichsten zählt.
Dominik Straub, Rom
Lässt sich von der konservativen Kurie nicht aus der Ruhe bringen: Franziskus, der «Papst vom anderen Ende der Welt». (Bild: Andrew Medichini/AP (Vatikan, 2. Mai 2018))

Lässt sich von der konservativen Kurie nicht aus der Ruhe bringen: Franziskus, der «Papst vom anderen Ende der Welt». (Bild: Andrew Medichini/AP (Vatikan, 2. Mai 2018))

Die Wochen vor dem Besuch des Papstes beim Weltkirchenrat in Genf werden nicht als Meilensteine auf dem Weg zur Ökumene in die Geschichte eingehen. Im Gegenteil. Anfang Juni hatte die vatikanische Glaubenskongregation mit der ausdrücklichen Genehmigung des Papstes der Kommunion für Protestanten einmal mehr eine Absage erteilt, ­sogar dann, wenn es sich um den Ehepartner eines Katholiken oder einer Katho­likin handelt. Ein entsprechendes Dokument, das von den deutschen Bischöfen vorbereitet und zur Prüfung nach Rom geschickt worden war, sei «noch nicht reif für die Veröffentlichung», hiess es aus dem Vatikan.

Nur eine Woche zuvor hatte die höchste katholische Glaubensbehörde bereits Nein zur Frauenordination gesagt. «In Treue zum Plan Christi» sei es unmöglich, Frauen zu Priesterinnen zu weihen, liess der Vatikan verlauten. Das Verbot der gemeinsamen Kommunion und die Frage der Frauenordination gehören zu den wichtigsten Hindernissen in der Ökumene zwischen Katholiken und Protestanten. Vor allem die Entscheidung Roms im «Hostien-Streit» ist denn auch von Protestanten und von progressiven katholischen Bischöfen als unverständlich und sogar als Rückschritt auf dem Weg zur Ökumene bezeichnet worden. Einige Kommentatoren sprachen davon, dass Papst Franziskus mit seinem Reformprozess vor der konservativen Kurie «kapituliert» habe.

In Glaubensfragen fast so konservativ wie sein Vorgänger

Auf den ersten Blick mag dies zutreffen. Auch in zahlreichen anderen theologischen Streitfragen und insbesondere bezüglich der katholischen Sexualmoral hat Franziskus die Hoffnungen auf Reformen enttäuscht. Praktizierte Homosexualität bleibt eine Sünde, und deswegen kommen auch «Homo-Ehen» nicht in Frage; Abtreibung und selbst Verhütung bleiben ebenfalls verboten, und nicht einmal bei den wiederverheirateten Geschiedenen hat sich der Papst ein klares Bekenntnis zugunsten dieser Paare entlocken lassen. In Glaubensfragen hat sich Franziskus als fast so konservativ wie sein Vorgänger Benedikt XVI. erwiesen. «Ich bin ein Kind der katholischen Kirche, und die Ansichten der Kirche in diesen Fragen sind bekannt», hatte Jorge Maria Bergoglio schon vor seiner Wahl zum Papst gesagt.

Dennoch zielt der Vorwurf, Franziskus sei ein halbherziger Reformer, am Kern seines Pontifikats vorbei. Der «Papst vom anderen Ende der Welt», wie er sich selber nach seiner Wahl bezeichnete, hat einen ganz anderen Blick auf die Kirche als seine europäischen Vorgänger. Die Themen Bergoglios sind die tiefe Armut, in der Millionen Menschen leben, die Not der Kriegsflüchtlinge und der Migranten, die rücksichtslose Ausbeutung und Zerstörung der Natur, die Dominanz der Wirtschaft und der Finanzmärkte in der Politik, aber auch die Verfolgung von Millionen Katholiken in unzähligen Krisenherden der Welt. Die Zensur des Sexuallebens der Gläubigen und die Frage des gemeinsamen Abendmahls von Christen unterschiedlicher Konfessionen zählen nicht zu den obersten Prioritäten des argentinischen Kirchenoberhaupts.

Die eigentliche, die wahre Reform des 81-jährigen Pontifex’ ist eine andere: Franziskus will eine Reform des Herzens, nicht der Strukturen oder der Lehre. Er fordert Respekt und Mitgefühl auch für Kirchenmitglieder, die vom Pfad der katholischen Tugend abgewichen sind. «Moralische Gesetze sind keine Felsblöcke, die man auf das Leben von Menschen wirft», heisst es im päpstlichen Schreiben «Amoris Laetizia» – ein völlig neuer Ton. Letztlich fordert Franziskus eine pastorale Umkehr: «Die grösste Veränderung unter Franziskus ist die Zuwendung der Kirche zu den Ärmsten, zu den Sündern und zu denen, die am Rand der Gesellschaft leben», betont der italienische Vatikan-Kenner Andrea Tornielli. Der Papst hat eine Reform angestossen, die weder von seinen konservativen noch von seinen progressiven Kritikern wirklich verstanden wird.

Deshalb ist es unsinnig, Franziskus als «Bremser» in der Ökumene zu bezeichnen. Der Lateinamerikaner denkt viel weniger formalistisch, als man dies in der Schweiz oder Deutschland gewohnt ist. Franziskus weiss ganz genau, dass viele Pfarrer und Bischöfe die Hostie auch Protestanten reichen – und vermutlich empfindet er diese Vorschriftsverletzung im Innersten als lässliche Sünde, wenn nicht sogar als richtiges, weil barmherziges Handeln.

Der Papst will voranschreiten, aber «nicht vorpreschen»

Wenn der Papst zum Schluss gekommen ist, dass bezüglich des gemeinsamen Kommunionempfangs noch theologischer Klärungsbedarf bestehe, dann heisst das auch keineswegs, dass sich die Christen unterschiedlicher Konfessionen nicht gemeinsam für eine gerechtere Welt und die Bewahrung der Schöpfung einsetzen sollen. Franziskus verfolgt bei allen seinen Reformen einen praktischen Ansatz – auch im Weltkirchenrat. Obwohl die katholische Kirche nicht Mitglied ist, arbeiten ihre Vertreter in zahlreichen Kommissionen mit; der vom Schweizer Kardinal Kurt Koch geführte vatikanische Ökumene-Abteilung bezahlt sogar Stipendien für nicht-katholische Studenten, die am ökumenischen Institut von Bossey bei Genf studieren. Dass die katholische Kirche nicht Mitglied des Weltkirchenrats ist, hat auch numerische Gründe: Der ÖRK, in dem über 300 christliche Kirchen vertreten sind, vertritt eine halbe Milliarde Gläubige; die katholische Kirche kommt allein auf 1,3 Milliarden. Rom hätte damit ein unverhältnismässiges Gewicht – und ausserdem versteht sich die katholische Kirche selber als «Universalkirche».

Die Nicht-Mitgliedschaft im Weltkirchenrat ist genauso wenig als Absage an die Ökumene zu verstehen wie das vorläufige Nein zur Kommunion für Protestanten. «Wir müssen voranschreiten, aber nicht ungestüm vorpreschen, um begehrte Ziele zu erreichen, sondern gemeinsam geduldig gehen unter dem Blick Gottes», sagt der Papst.

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