REISE-BOOM: Iraner entdecken die Schweiz

Immer mehr Iraner wollen ein Visum für die Schweiz. Touristiker sehen ein grosses Potenzial. Für andere Branchen bleibt der iranische Markt trotz der sanften Öffnung heikel.

Tobias Gafafer
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Schlendern entlang des Genfersees ist eine beliebte Touristenaktivität. Bild: Laurent Gilliéron/Keystone (Lutry, 10. November 2015)

Schlendern entlang des Genfersees ist eine beliebte Touristenaktivität. Bild: Laurent Gilliéron/Keystone (Lutry, 10. November 2015)

Nach den arabischen Gästen wird die Schweiz auch bei Iranern immer beliebter. Bis Ende September reichten über 10 000 iranische Staatsangehörige Visum­anträge ein. Dies zeigt die Statistik des Staatssekretariats für Migration (SEM). Zum Vergleich: 2015 waren es noch 7100 und 2014 6077 Personen. «Alles deutet darauf hin, dass 2016 mehr Visumanträge von iranischen Staatsangehörigen gestellt wurden als je zuvor», sagt SEM-Sprecher Martin Reichlin auf Anfrage. Auf der Rangliste der beantragten Visa war die Schweizer Vertretung in Teheran im dritten Quartal auf Rang 9, vor Istanbul. Nach dem Atomabkommen mit dem Westen und der sanften Öffnung wollen offenkundig viele Iraner ins Ausland reisen.

Die Schweiz habe ihr Personal vor Ort verstärkt, um die Gesuche zu bewältigen, sagt Carole Wälti, Sprecherin des Aussen­departements EDA. 2017 soll das Visazentrum mit jenem von Deutschland in grössere Räumlichkeiten umziehen, um dem erwarteten weiteren Anstieg der Gesuche Rechnung zu tragen.

Zürich und Genferseeregion am beliebtesten

Wichtigster Aufenthaltszweck war der Tourismus, gefolgt von Familienbesuchen und Geschäftsreisen. Schweiz Tourismus sieht in Iran einen Wachstumsmarkt. Direktor Jürg Schmid besuchte im Februar mit der 40-köpfigen Delegation von Bundespräsident Johann Schneider-Ammann das Land. «Die Mission war ein Erfolg», sagt Sprecher Markus Berger. Die Zunahme sei auf die Verstärkung der Schweizer Botschaft im Iran und das Marketing bei iranischen Tour-Operatoren zurückzuführen. Berger rechnet im laufenden Jahr mit 60000 Logiernächten von Touristen aus dem Iran, während es 2015 rund 40000 waren. Die Zahl der Anträge für touristische Schengen-Visa stieg im Vergleich zum Vorjahr um 53 Prozent. Mehr noch: Für 2017 geht Schweiz Tourismus von rund 100000 Logiernächten von Iranern aus – eine Zahl, die mit manchen Golfstaaten vergleichbar wäre.

Zurzeit handelt es sich laut Berger primär um pauschale Gruppenreisen, zumal iranische Kreditkarten im Westen immer noch ungültig sind. Am beliebtesten sind Zürich und die Genferseeregion. Die Schweiz hat einen guten Ruf und dient als Eintrittstor für Europa. Schweiz Tourismus versucht, den Tour-Operatoren nun auch Luzern, Interlaken, Zermatt und Crans-Montana als Destinationen anzupreisen. «Das Potenzial ist noch nicht ausgeschöpft, auch wenn der Anteil der iranischen Touristen insgesamt bei unter 1 Prozent liegt», sagt Berger.

Von den 10 157 Visumanträgen von Iranern im laufenden Jahr bewilligte die Schweiz bisher 8799. Die Behörden überprüfen die Antragsteller, damit niemand einreist, der illegal einwandern will oder ein Sicherheitsrisiko darstellt. Man kläre unter anderem, ob diese gültige Reisedokumente und genug Mittel für den beabsichtigten Aufenthalt hätten, sagt SEM-Sprecher Martin Reichlin. Auch das sozioökonomische Umfeld spiele dabei eine Rolle. Eine absolute Garantie für eine fristgemässe Wiederaus­reise gebe es aber nicht.

Trumps Wahlsieg schafft Unsicherheit

Für andere Branchen als die Tourismusindustrie bleibt der iranische Markt heikler. Zwar stiegen die Schweizer Exporte 2015 stark an, unter anderem wegen des wieder erlaubten Goldhandels. Unternehmer, die mit Schneider-Ammann im Iran waren, hätten aber gerne rascher Geschäfte abgeschlossen. Der Wahlsieg von Donald Trump in den USA, der den Atomdeal kritisierte, bringt neue Unsicherheit. «Die ersten Besetzungen in der neuen Regierungsmannschaft wecken nicht gerade grosse Hoffnungen», sagt etwa Peter Jenelten, Präsident von Swissrail, der Vereinigung der Bahnindustrie.

Komplexe Finanztransaktionen sind ohnehin schwierig, weil die US-Primärsanktionen immer noch in Kraft sind. Es gebe zwar klar eine Dynamik, sagt Erich Herzog, beim Wirtschaftsdachverband Economiesuisse für Iran zuständig. «Schweizer Unternehmen sind interessiert, mit Iran ins Geschäft zu kommen.» Banken seien wegen der USA aber weiterhin zurückhaltend, Geschäfte mit dem Land abzuwickeln.

Tobias Gafafer